ICE-Desaster
Die Bahn1) hat die ICE-T Züge aus dem Verkehr gezogen. Hartmut Mehdorn, der oberste deutsche Geschwindigkeitsfanatiker, zeigt sich tief enttäuscht von Siemens und Bombardier: die wollen ihm nämlich keine Garantie geben, dass rundheraus alle Achsen nicht brechen könnten. So ein ICE-T mit Neigetechnik für kurvenreiche Strecken schafft so um die 230 Sachen, immerhin.
Ich anstelle von Bombardier und Siemens würde diese Garantie auch nicht geben. Wer kann das denn, für tonnenschwere Teile, die rund um die Uhr im Einsatz sind? Denn auf die Garantie alleine kommt es ja auch gar nicht an, sondern auch darauf, dass regelmäßig überprüft wird – und die Meßergebnisse auch entsprechend richtig eingeschätzt werden.
Die fehlerhafte Achse des ICE 884 “Wilhelm Konrad Röntgen”, der am 3. Juni 1998 verunglückte2), war tags zuvor routinemäßig untersucht worden. Mitarbeiter der DB hatten Wochen vorher schon auf unruhigen Lauf hingewiesen und das auch in alle Sicherheitssysteme eingegeben. Die Untersuchung der fraglichen Achse ergab so hohe Abweichungen von der Norm, dass einfach niemand daran glaubte und jeder Experte das für schlichte Meßfehler hielt: die Achse blieb drin und beendete einen Tag später das Leben von 101 Passagieren – mit 198 Sachen.
Das war nicht die Schuld der Experten. Es liegt im System der Bahn, die hier eine Technik an die Grenzen der Belastungsfähigkeit bringt und dafür überkandidelte Funktionsgarantien von anderen fordert3).
Eine weitere Auswirkung des Druck- und Drohsystems, das die Bahn gerne aufbaut, zeigt sich ebenfalls in dem ICE-Unglück von Eschede. Die Passagiere hatten tatsächlich gemerkt, dass der ICE kaputt war: der Radreifen, der abgesprungen war, war durch den Fußboden hindurch deutlich sichtbar in den Fahrgastraum gedrungen. Dass das eine ernstliche Gefahr darstellte, war den Reisenden mit gesundem Menschenverstand durchaus klar. Aber die Angst vor den juristischen Folgen beim Mißbrauch der Notbremse ließ die Passagiere zögern und lieber nach einem Schaffner suchen. Der war allerdings weit weg hinten im Zug, und auch der hatte Angst: statt seinerseits dem Bericht des “whistleblowers” sofortige Handlungen folgen zu lassen, ging er mit diesem zurück, und nicht einmal das starke Schwanken des radlosen Wagens konnte ihn veranlassen, den Zug anzuhalten. Er schaffte es leider nicht mehr, seine Angst vor der Bahnbürokratie zu besiegen: die nächste Weiche ersetzte die Notbremse, aber nicht annähernd so elegant.
Dasselbe Phänomen beobachten wir bei der Entgleisung des ICE bei Köln: auch hier gaben Passagiere den richtigen Hinweis, der ihnen von den Entscheidungsträgern im Zug nicht abgenommen wurde. Passagiere sind in der Bahn-Unternehmenskultur “Beförderungsgut”, also ohne eigene Entscheidungs- und Beurteilungskompetenz, also so etwa auf der Stufe einer Kiste Apfelsinen. Das weiß jeder Bahnfahrer – und die meisten halten deswegen lieber das Maul.
Das Problem bei der Bahn heißt Hartmut Mehdorn, der längst nicht mehr eingestehen kann, dass sein Geschwindigkeitsrausch technische Grenzen längst hinter sich gelassen hat. Der Mann versteht nicht, dass ein Rad/Schiene-System einfach viel anfälliger ist als das Düse/Luft-System der Branche, aus der er kommt. Die Bahn ist ein Massentransportmittel, kein Zitty-Hopper wie die Lufthansa. Mehdorn hat jetzt den Salat: ein Schnellstrecken-Netz, auf dem nur noch halbe ICEs fahren können, aber weil die so schnell fahren, auch kein anderer Zug mehr4). Er bringt die Leute nicht mehr von A nach B, sondern von irgendwo nach nirgendwo, und zu völlig unübersehbaren Bedingungen und in unkalkulierbarer Zeit. Nur der Fahrpreis bleibt konstant, egal wo, wie oder wann Du aus dem Zug gesetzt wirst.
Danke, Hartmut, es ist Zeit, dass Du gehst. Du wirst auf unser aller Kosten kein armer Mann bleiben.
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Fußnoten:
- Foto:
photo credit: warrenski [ ↩ ] - hier ist eine sehr gute Chronologie des Unglücks [ ↩ ]
- Das ist bei der Bahn längst zur Unternehmenskultur. Sie verlangt auch immer volle Fahrpreise, egal von wem und wofür: sie selbst gestattet sich aber halbe oder gar keine Leistung dafür. Letztes Wochenende habe ich wieder 40 Minuten auf einen dann schließlich doch ausgefallenen Zug gewartet und bin dann mit einem anderen gefahren – bei vollem Fahrpreis im halben ICE, versteht sich. [ ↩ ]
- ICEs sind High-Speed-Panzer, nichtmal die Feuerwehr kommt mit ihren Schneidbrennern durch die Außenwand ins Innere. Weder durch die Wand noch durch die Fenster, auch nicht im Notfall. Und Züge, die einem ICE bei voller Fahrt begegnen, müssen sich warm anziehen: speziell Güterzügen fliegt die Ladung weg. Auf ICE-Strecken fahren also besser keine anderen Züge [ ↩ ]



Sehr schön zusammen gefasst. Man darf aber davon ausgehen, dass es noch weiteren Mitarbeitern den Kopf kosten dürfte, wenn Rumpelstilzchen geht, immerhin versucht er seit Jahren, sich mit einem Netz von Abhängigen zu umgeben.
Mit jedem Bericht über die Bahn freue ich mich mehr über meinen Ford Mondeo. Ein prima Auto: ist familientauglich, günstig in der Anschaffung, komfortabel, braucht bisher (115 Tkm) keinerlei Reparaturen, nur gut 6 Liter Diesel, ist praktisch immer pünktlich und fährt mich morgens nach Mainz in knapp der Hälfte der Zeit, die nacheinander verschiedene Züge benötigen würden. Warum sollte ich da jemals mit der Bahn fahren und deren Vorstandsvorsitzenden mitfinanzieren?
Da hast Recht, lieber Herbert.
Aber findest es nicht auch Du seltsam, dass Du Deine knapp 80km vom Wohnort zum Arbeitsplatz nicht in vertretbarem Aufwand mit dem Zug fahren kannst, dafür aber in 56 Minuten von München nach Nürnberg oder in 5:30h von München nach Hamburg?
Was ist das für eine Clique, die solche Verbindungen braucht – und wieso werden Millionen Arbeitnehmer auf den Individualverkehr zurückgeworfen und müssen sich mit dem Auto durch den Stau quälen?
Das ist in meinen Augen unverantwortliches Handeln zugunsten weniger Privilegierter, die ihre Firmenreisen sowieso bezahlt kriegen. Das wird tatsächlich merklich spürbar:
Mittlerweile dürfen Zweitklass-Passagiere nicht mehr kurz vor Erreichen des Bahnhofs durch die erste Klasse nach vorne gehen, weil die Edelleute dort sich vom Pöbel gestört fühlen könnten: die Zweitrangigen sollen die vierhundert Meter Bahnsteig gefälligst komplett runterspulen und sich dabei für ihren überteuerten Billigfahrschein schämen.
Auch das ist das Mehdornsche Bahnsystem. Das paßt alles ineinander wie ein Zahnrädchen ins andere.
Das hat durchaus Logik, lieber Thomas,
auf den schnellen ICE-Strecken lässt sich Geld verdienen, in der Fläche eben nicht. Und wenn man an die Börse will, darf man nur aufs Geld schauen. Grundsätzlich ist bei der Bahn-Politik immer die Frage: Will man den Gewinn maximieren oder den Nutzen für die Bevölkerung, beides zusammen geht wohl nicht. Mit der Privatisierung der Bahn, hat die Politik sich für den Gewinn entschieden. Mehdorn und sein Handeln sind nur die Konsequenz dieser politischen Vorentscheidung.
Ist zwar drei Jahre zu spät… aber trotzdem: Die Behauptung, “Eschede” hätte an einer Achse gelegen, ist einfach Unsinn. Es lag, wie überall bekannt sein müsste, an einem Radreifen.