weblog schreiben
Anna, orthodoxe Jüdin in Deutschland, sinniert in ihrem weblog mittendrin darüber, was für einen Sinn und Zweck ein weblog überhaupt hat. Sie macht im Moment schwere Zeiten durch: im Kommentar-Pool ihrer Site tummeln sich Anti-Israelis, Pro-Israelis, Dafür-aber-jetzt-dagegens, Dagegens-aber-in-diesem-Fall-dafürs, haufenweise Gutmenschen – kurz, alles, was ein Krieg so polarisiert und an schlechten Eigenschaften in den Menschen hervorruft. Viele sehen – auch aus der Entfernung – den Krieg als Freibrief dafür, jetzt mal richtig die Sau rauszulassen. Das kennt man ja.
Aber webLog Schreiben dient nicht der Erziehung der Massen. Man schreibt halt hin, was man denkt – und stellt sich damit der Kritik. Ich weiß nicht, ob die Welt davon besser wird, wahrscheinlich nicht.
Aber ich habe schon öfter beobachtet, dass sich etwas ändert, wenn einer es mal auf den Punkt bringt. Deswegen finde ich es gut, wenn Anna weiter webLog schreibt. Mich interessiert ihre Sicht als Jüdin in Deutschland – und es ist natürlich gerade für die Deutschen, die den Holocaust erst gute 60 Jahre hinter sich haben, wichtig, dass auf diese Weise ein Stückchen jüdisches Leben und jüdische Kultur wieder offenbar werden. Die Nazis haben nicht nur die Menschen ausgerottet, sondern auch ihre Weise zu denken, ihre Art, miteinander umzugehen, ihre Werte, ihre Kultur, ihre Musik, ihre Bücher – fast alles. Sie haben sie zu Fremden im eigenen Land gemacht, und wir wissen nichts mehr von ihnen. Es ist ein lohnendes Ziel, daran zu erinnern und – auch angesichts der brutalen Zerschlagung der gewachsenen, bodenständigen eigenen Kultur – mit dem Neuaufbau fortzufahren. Es sind deutsche Juden in Deutschland, und sie gehören genauso hier hin wie ich – und nicht nach Israel. Wer was anderes sagt oder denkt, hat BSE1).
Aber ebenso zum weblog-Schreiben gehören die vielen Idioten, die rumkrakeelen. Auf meinen NDR-Beitrag gab es auch ein paar, deren Schnauzerei es nicht wert war, veröffentlicht zu werden2). Damit muß man leben.
Damit kann man leben.
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Fußnoten:
- Eine bovine (rindshafte) Form der Hirnerweichung, die sich in stetem Wiederkäuen einmal vorgefaßter Meinungen äußert. Mr. Williamson ist so ein BSE-Fall, aus Versehen und ohne eigenes Zutun wieder katholisch [ ↩ ]
- Einer dieser Heckenschützen hat es sogar unter falscher eMail-Adresse getan, und als ich den vermeintlichen Schreiber zur Rede stellen wollte, stellte sich heraus, dass er es gar nicht gewesen ist. [ ↩ ]



Ein Blog ist auch Ausdruck eines Willens zum eigenen Denken. Und dem Mut, es auch zu sagen. Viele Menschen sind dafür gestorben, dass wir das jetzt dürfen und können. Es gibt keinen Grund, das wegen ein paar konträren Weltanschauungen aufzugeben.
– Im Gegenteil.
Stimmt, genau so!