Simplicitas
Es gibt Leute, die suchen Fehler in Filmen. Ich hab einen gefunden.
Tatort, “Frauenmorde”. Is ja auch schrecklich, und eigentlich weiß jeder, dass man sowas nicht macht. Und man kann das filmisch noch sehr weit ausschlachten, um noch mehr darauf hinzuweisen, dass man es wirklich nicht macht. Also legt man nach: Opfer zerstückelt (Kopp ab, irgendwie alles ab). Mutter von drei Kindern. Ehemann ist untröstlich. Kinder völlig fertig. Aber wie kann man das noch steigern?
Da fällt’s dem Drehbuchschreiber wie Schuppen aus den Haaren: Das Opfer hat die Welt so geliebt, dass sie ihr Kind in die Waldorfschule giebt! Das ist nun wirklich nicht mehr zu toppen! Also zieht die Kommissarin eine Schublade auf, und was liegt darin? Ein Ordner mit der Aufschrift “Elternvertretung Walldorfschule”. Mit zwei “l”.
Da musste also wieder mal ein so-gut-wie-nicht-bezahlter Praktikant ran, der auf dem eigenen Laptop schnell ein Deckblatt für die Schublade produzierte. Das ist kein Witz: das ist Usus beim Film1). Aber man kann von denen nicht verlangen, dass sie wissen, dass es Waldorfschule heißt. Und da der Krimi in Frankfurt spielt, ist die Autobahnausfahrt Mörfelden-Walldorf nicht weit. Vielleicht hat er gedacht, es handelt sich um die dortige Grundschule.
Wenn wir uns solche Filme anschauen, dann sollten wir das wissen: da haben zig Praktikanten dran mitgearbeitet, die fast nicht bezahlt worden sind. Iris Berben & Consorten kriegt für sowas richtig unermeßlich viel Kohle. Regisseure, Kameraleute und der ganze offizielle Troß zocken auch ordentlich was ab. Aber sie fühlen keine Verantwortung mehr für die, die fast nichts bekommen. Aber nur durch die sind solche Filme noch möglich – weil und damit andere unanständig viel kriegen.
Es sind nicht nur die Bänker, die das Gefühl für die Solidargemeinschaft verloren haben. In der Waldorfschule wird was anderes gelehrt.
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Fußnoten:
- Während die Hochbezahlten “Offiziellen” Feierabend machen, sitzen die nicht-bezahlten Praktikanten da und basteln rum. Oder räumen auf. Oder weg. Oder um. [ ↩ ]


