Elementar

Die Tage hörte ich, dass in der Münchner U-Bahn wieder ein Satz besoffener Jugendliche einen (ebenfalls alkoholisierten) Mann angegriffen und verpügelt haben. Die Reaktionen waren wie immer: Jetzt aber mal dringend schärfere Strafen!

Diese Jugendliche haben ihre Strafe wahrscheinlich schon gehabt, würde ich mal sagen. Nach denen hat wohl 17, 18 Jahre niemand geschaut. Vielleicht ging die Mutter arbeiten, der Vater war entweder entsorgt oder hatte anderes zu tun – das kommt nicht nur in Unterschicht-Familien vor. Vielleicht mußten sie auch vormittags in der Schule immer schön stillsitzen, und die Lehrerinnen hielten ihnen vor, dass die Mädchen viel braver waren. Vielleicht bekamen sie auch für die gleiche Leistung, die ein Mädchen erbrachte, eine Note schlechter: so beschreiben es uns neuere Untersuchungen.

Vor der Schule war sicherlich einer dieser segensreichen Krippenplätze angesagt: von den Eltern kann man schließlich nicht verlangen, dass sie sich verantwortlich und rund um die Uhr um ihre Kinder kümmern. Der Staat hat vor allem den Interessen der Erwachsenen zu dienen: die schreien laut nach mehr Freiheit. Kinder würden nach mehr Eltern schreien, aber sie wissen es gar nicht, dass ihnen genau das abgeht: sie erleben es ja nicht. Sie kennen das Gefühl nicht, wie gut es tut, dass man nach der Schule nach Hause geht und etwas Gekochtes auf dem Küchentisch steht. Sie kennen Pommes und Kartoffelchips aus der Tüte. Es hat ihnen keiner gesagt und vorgelebt, dass man sich im Kaufhaus nicht einfach nimmt, was man will. Niemand hat ihnen vorgelebt, dass man durchaus auch mit weniger Geld ein glücklicher Mensch sein kann: es waren ja immer nur Erzieherinnen und Lehrerinnen da, zu denen man den Kontakt quasi aufgezwungen bekam – ob es einem paßte oder nicht. Eigentlich wollten diese Kinder den Kontakt zu ihren Eltern – aber die hatten ein garantiertes Recht auf einen Krippen-, Kindergarten- und Hortplatz und haben es durchgesetzt. Oder die Kinder liefen gleich unbeaufsichtigt auf der Straße rum.

Ich glaube: das mit der Rumprügelei wird noch zunehmen – und keine Strafe für die Delinquenten wird daran je irgendwas ändern. Dass man das Prügeln nicht braucht, lernt man von den Eltern – und nur in ganz seltenen Fällen von jemand anderem – zu einer Zeit, die 10-15 Jahre vorbei ist, wenn das Bedürfnis nach Keilerei sich elementar Bahn bricht.

Irgendwie ist das Bewußtsein dafür verloren gegangen, dass Kinder nicht etwa ein Armutsrisiko sind – sondern eine individuelle Verpflichtung der Eltern. Der Staat muß es ermöglichen, dass Kinder von den eigenen Eltern erzogen werden: in Freiheit. Jetzt darf hier jeder mal raten, was unser Staat uns statt dessen ermöglicht.

Ich tippe darauf, dass es der Staat ermöglicht, dass die Eltern ihre eigenen Kinder nicht zu erziehen brauchen. Vielleicht sieht man das schon daran, dass das Familienministerium nur von Frauen geleitet werden kann. Und neuerdings von solchen, die keine Kinder haben. Die wird schon wissen, wovon sie spricht?

3 Responses to “Elementar”


  1. 1Herbert

    Ja, Thomas, da stimme ich Dir wieder mal zu. Unser Vincent(2) vor ein paar Tagen, als ich ihm sagte, dass ich wegen der Semesterferien bald wieder mehr zu Hause bin, sehr erfreut: “Papa, das ist gut für mich. Es ist schön, wenn Du da bist” In dem Alter freut es die Kinder tatsächlich noch, wenn die Eltern viel zu Hause sind. – Allerdings: Manche Eltern sind zu Hause; und die Kinder haben trotzdem wenig Orientierung, weil die X-Box dominiert, das Fernsehen oder was auch immer. M.E. braucht es für Kinder: (1) Elterliches Dasein und (2) geistige Orientierung. Nur beides zusammen wirkt der Verwahrlosung entgegen.

  2. 2Alexander Roslin

    Die Kinder werden ja in wenigen Jahrzehnten Gelegenheit erhalten, es den Eltern heimzuzahlen.
    Dann nämlich, wenn alle, die einigermaßen können, werden arbeiten müssen, weil angesichts Überalterung und damit verbundener Sozialstaatslasten wenige Menschen im arbeitsfähigen Alter für viele Alte und Kranke werden aufkommen müssen.
    Dann müssen die Alten eben in’s Heim.
    Warum sollten die Kinder ihre Erwerbsarbeit einschränken, um für Eltern zu sorgen, die das für sie auch nicht getan haben?
    Die Kinder werden in Krippe und Hort deponiert, die Eltern später im Altenheim, wo schon all die Alten sitzen, die erst gar keine Kinder bekamen.

    Und unsere Familienministerinnen fördern diese Entwicklung seit Jahrzehnten.

    Die Kinder werden einen guten sachlichen Grund haben: Der auf ihnen lastende Steuerdruck zur Finanzierung eines dank verheerender Familienpolitik mit zu wenig Nachwuchs und zu vielen Alten dastehende Sozialstaat der nahen Zukunft – falls er dann noch einer sein kann – läßt ihnen gar keine andere Wahl.

    Es sieht nicht rosig aus.
    Die Zerstörung der Familien, die Kinderlosigkeit, sie zerstören sehr effektiv den Staat, die zwischenmenschliche, generationenübergreifende Solidarität.

    Es ist kalt geworden.
    Es wird noch viel kälter.

  3. 3Herbert

    Ja, in der Tat, Alexander; so wird’s laufen. Und wieder wird die Politik damit sehr zufrieden sein. Die Erwachsenen stehen nämlich voll im Erwerbsleben – und zahlen Steuern und Abgaben. Und auch die Pflege der Alten in den Heimen wird von Berufstätigen übernommen, die Steuern und Abgaben bezahlen. Und schließlich: Die Kinder werden weiterhin betreut von Personen, die Steuern und Abgaben bezahlen. Aus Sicht der Politik eine Win – Win – Win – Situation, aus der heraus sich herrlich die Politiker-Gehälter und -Pensionen finanzieren lassen.

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