Archive for März, 2010

Licht

Ich singe ja viele Konzerte: im Laufe der Jahre wird das zur Routine. Man probt, tritt auf und wieder ab. Aber es gibt auch immer wieder besondere Konzerte, die außerhalb der Professionalität noch zusätzlich irgend etwas haben.

Der vergangenen Sonntag in Reutlingen war wieder so ein Fall: wir sangen mit dem Südwestdeutschen Kammerchor Tübingen ein Programm zum “Pater Noster”. Alles sehr schön – wenn da nicht in der Mitte noch “Jesu meine Freude” (BWV 227) von Johann Sebastian Bach gewesen wäre. Das ist nicht einfach schön, das ist von einer anderen Welt.

Ich beschäftige mich ja jetzt seit einigen Jahrzehnten mit Bach: verstanden, was er macht und will, habe ich längst. Ich habe viele Vorträge über seine Kantaten gehalten (unter anderem auch über “Jesu meine Freude“), ich kenne seine musikalische Formensprache, aus der er nie ausbricht – weil er aus ihr nicht ausbrechen muß, denn innerhalb dieser barocken Grenzen ist ihm immer wieder was Neues eingefallen1). Er hat sich – im Gegensatz zu seinem genialen Zeitgenossen Händel zum Beispiel – nie wiederholt2): verschiedene Sujets haben ihm immer wieder neue musikalische Architekturen entlockt, und die Komplexität seiner Tonsprache ist nie an die Grenzen gestoßen, die schon zu seinen Lebzeiten von der Klassik niedergerissen wurden: Bach ist Bach, man kann ihn nicht einordnen, er bleibt ein Monolith. Aber man frage mich nicht, wie er das macht: ich weiß es nicht und ich finde es auch nicht heraus. Vielleicht kann man davon eines lernen: im Einzelfall kann man noch so viele Tricks und Kunstgriffe aufdecken: alles ganz klar und logisch, würd’ ich auch so machen, wenn ich’s könnte. Wie und warum es aber die Seele berührt und ergreift: das ist nicht zu beschreiben und bleibt unerklärlich. Er konnte es einfach, das muss man so stehen lassen.

Meine Wahrnehmung für die Nuancen in seiner Musik verschärft sich selbstverständlich im Laufe der Jahre – und vieles, was andere so oder so interpretieren, würde ich nicht machen. Bach transportiert durch seine Musik ein vollkommen unerschütterbares Vertrauen in Gottes Heilsplan – und nicht nur das, sondern er erklärt auch immer, warum das so ist. Was auch immer Gottes Plan vorsieht: er wird gut ausgehen, und wir müssen keine Angst haben. Viele, die sich vielleicht mit der Theologie von Bach’s geistlichem Werk nicht so auseinandergesetzt haben, sondern ihm als dem bedeutendsten Vertreter musikalischen Schaffens ein konzertantes Denkmal setzen wollen, gehen halt mit den Worten: wo’s im Text kracht und blitzt3), lassen wir’s halt krachen und blitzen.

Nicht so Rolf Maier-Karius und der Südwestdeutsche Kammerchor: nicht auf den Satan, nicht auf die Stürme, nicht darauf, dass es kracht und blitzt – wo wir Angst haben müssen also – kommt es an, sondern auf das Vertrauen in Gott. Der wichtigste Punkt ist: Jesus will mich decken, das andere sind nur Beschreibungen. So hat Maier-Karius es interpretiert, und so verstehe ich Bach.

Was mich besonders gefreut hat ist, dass der Rezensentin Susanne Eckstein von der Südwest-Presse diese Interpretation aufgefallen ist: Chapeau.


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Fußnoten:
  1. Da erinnert er mich an einen Mönch: warum soll der aus seiner Zelle? Er hat sein äußeres Leben freiwillig auf das streng reglementierte Klosterleben beschränkt, damit er seiner inneren Entfaltung keine Grenzen setzen muss … [ ]
  2. Doch, doch: es gibt ein paar Eigen- wie Fremdplagiate, aber sie machen nie einen aufgewärmten Eindruck: in den neuen Zusammenhang passen sie hinein. Das kann ich von Händel nicht so sagen: da kommt einem manches zu bekannt vor. [ ]
  3. Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
    Laß den Satan wittern, laß den Feind erbittern, mir steht Jesus bei.
    Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken: Jesus will mich decken. [ ]

Architektinnen

Heute morgen ereiferte sich wieder eine Dame im Radio:

Architektinnen verdienen bis zu 1400€ weniger als ihre männlichen Kollegen.

Mal abgesehen davon, dass das wieder einmal eine dieser maximal-provokativen Aussagen ist1), die wir ja schon à la “Deutschland für 29€” von der Bundesbahn kennen. Man kann nur wieder einmal darauf hinweisen:

Die Löhne von Architekten werden mit den Inhabern der Ingenieur- und Architekturbüros frei ausgehandelt. Wenn Architektinnen beim Verhandeln um ihren Arbeitslohn deutlich hinter den Architekten herhinken, dann ist das

  • kein Fehler des Arbeitgebers,
  • kein Fehler der männlichen Kollegen und
  • kein Fehler der Gesellschaft,
  • sondern einzig und allein ein Fehler der Architektin.

Es handelt sich also nicht um einen systembedingter Fehler, sondern um einen individuellen Fehler: wer falsch oder ungeschickt verhandelt, der kriegt halt weniger. Das gilt auch für Männer. Sich vorneweg nicht zu trauen zu sagen: ich brauche so und so viel – und hinterher so zu tun, als sei man betrogen worden: der muß sich höchst anrüchiges Verhalten vorwerfen2).

Gegenfrage meinerseits: wie soll denn der Zustand des Falsch-Verhandelt-habens geändert werden? Ich bitte um Vorschläge.


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Fußnoten:
  1. wahrscheinlich gibt es in Deutschland nur genau 1 Architektin, die tatsächlich 1400€ weniger verdient als ein gleichrangiger Kollege [ ]
  2. Statt dessen schaffen sie es immer wieder zur Hauptsendezeit in die Medien. Was stimmt da eigentlich nicht? [ ]

Gartensaison 2010

Die Gartensaison 2010 ist eröffnet!Die Gartensaison ist hiermit eröffnet: es ist der 24. März, 18:00, und das Thermometer zeigt noch 21,5 °C. Wahrscheinlich, weil die Sonne voll draufhält. Das Bild stammt allerdings von 13 Uhr, nicht das einer glaubt, wir würden mitten in der Fastenzeit abends noch Fleisch essen. Überhaupt nicht.

Aber nicht nur den Vätern gefällt die neue Jahreszeit: auch dem Sohn in Regensburg scheint Sonne und Semesterferien. Das hört sich gut an, was der so sch/treibt. Da kommen einem die alten Aachener Zeit hoch …

1941

Ich lese gerade in der Zeitung, dass der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sich den Berichten um allseitigen Mißbrauch durch Seelsorger der katholischen Kirche in einer Predigt unter anderem wie folgt geäußert hat:

Es geht darum heute, die Glaubwürdigkeit der Kirche zu erschüttern. Das ist das Ziel dieser Kampagne gegen die Kirche. Die Leute, die vorm Fernsehen sitzen, die Zeitung aufschlagen, denen wird dann suggeriert, und sie werden manipuliert durch zurechtgestutzte und verkürzte Berichte, durch ständige Wiederholungen von Vorgängen aus alter Zeit (…) [Auslassung durch die Zeitung]. Hier kommt es darauf an, Reife des Glaubens zu haben, nicht auf all diese Schalmeien wie 1941 hereinzufallen, so auch heute nicht.1)

Zu meinem weitaus bescheideneren Artikel Sorgen haben mich ähnliche Überlegungen veranlaßt. Wohl wissend habe ich aber keinen Vergleich mit der Nazizeit niedergeschrieben – obwohl mir das sehr wohl vor Augen lag. Ich habe in dieser Zeit nicht gelebt und weiß nicht, ob die Nazis damals in ähnlicher Weise wie die Presse heutzutage gegen die Kirche vorgegangen sind. Bischof Müller ist einige Jahre älter als ich: vielleicht erinnert er sich noch daran – im Gegensatz zu den Redakteuren der Presse, die ihn be- und verurteilen.

Ich habe den Vergleich aus einem einzigen Grund weggelassen: er ist ein “Point of stop thinking ahead”. Ansichtlich des Winkens mit der Nazizeit braucht sich niemand mehr Gedanken zu machen, man darf den Vergleich vollkommen unreflektiert zurückweisen und der, der ihn gebracht hat, muss sich in Sack und Asche hüllen. Nicht, weil er Unrecht hätte, sondern weil er den Vergleich gebracht hat. Man muss nur auf irgendeine Assoziation zur Nazizeit warten und hat schon automatisch recht. Mich erinnert das an eine der wunderbaren Szenen aus “Das Leben des Brian”, wo einer gesteinigt werden soll, weil er “Jehova” gesagt hat2).

Zum Beweis dessen reicht mir, dass die Zeitung nach kurzer Einleitung die Worte des Bischofs einfach durch Pünktchen in Klammern weggelassen hat und dann nur noch den Hinweis auf 1941 abgedruckt hat. Wer macht sich jetzt schon die Mühe, den Originaltext im Internet3) zu suchen?


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Fußnoten:
  1. In die Auslassungs-Klammer gehört: , wo dann der Eindruck erweckt wird, die Kirche – das ist ein Nest, wo die Leute völlig verdorben sind und wo alles drunter und drüber geht. Und dann sagt unser Zeitgenosse: Da melde ich mich jetzt ab, da mache ich nicht mehr mit. Das ist das Ziel. [ ]
  2. Am Schluß tanzt der böse, böse zu Steinigende nur noch herum und brüllt “Jehova, Jehova, Jehova!” Da gerät der Hohepriester außer sich vor Zorn und sagt: “Seht! Er hat Jehova gesagt!” Postwendend wendet sich die Wut der Masse gegen ihn selbst, weil er ja auch gerade Jehova gesagt hat, wird von einem wahrhaft riesigen Felsbrocken niedergestreckt und tut keinen Mucks mehr. Die bringen’s doch immer wieder auf den Punkt, die Monty Pythons … [ ]
  3. Hier ist der Originaltext. Sicherlich keine der großen Predigten, aber man sollte sie – wenn man sie zitiert oder sostwie braucht – schon gelesen haben. [ ]

Abgeschnallt

Ich bin gestern mit dem Fahrrad an einem am Straßenrand abgestellten Polizeiauto vorbeigefahren.

Und habe sofort und unwillkürlich an die Brust gefaßt um nachzuschauen, ob ich den Sicherheitsgurt angelegt hatte. Jetzt schlägt’s aber dreizehn.

Weltfrauenintelligenz

Ich habe beim Kochen gerade im PodCast des Münchner Kirchenradios den Beitrag zum Weltfrauentag1) gehört. Erscheint mir mehr und mehr wie der Weltschminktag: mit Schminke macht man das weg, was die Welt nicht sehen soll.

1. Schwestern und Priester

Fängt schon gut an: “Fast doppelt soviele Ordensschwestern wie Priester gibt es in unserer katholischen Weltkirche”. Was ist das denn für ein Vergleich? So wie der “Fast doppelt so viele Fahrräder wie Meerschweinchen gibt es auf Deutschlands Straßen”? Der natürliche Gegensatz zu den Ordensschwestern wären die Mönche: und von denen sind die wenigsten Priester. Macht sich nicht gut für die Statistik – also werden kurzerhand zwei nicht vergleichbare Dinge miteinander verglichen, damit bessere Zahlen herauskommen.

2. Katholische Priester und evangelische Pfarrer

Dann spricht eine Professorin (Jüngste im Kollegium und einzige Frau: hach, was ist das für ein Leben!) mit einem audiotechnisch komplizierten Namen: Kleinschwärzer2). Sie stellt fest, dass die katholische Kirche nach wie vor ein Problem mit der Priesterweihe von Frauen hat, während die evangelische Kirche ständig bewiese, dass die Ordination von Frauen überhaupt kein Problem darstelle. Ich finde, als Professorin sollte sie den Unterschied zwischen Ordination und Weihe schon kennen: die Protestanten kennen gar keine Weihe, also haben sie das Problem auch gar nicht. Und – was sie ganz sicher weiß, aber hier unterschlägt: bis vor kurzem war Dr. Judith Müller in der (ziemlich großen) Pfarrei Olching auf katholischer Seite genau das, was die evangelischen Pfarrerinen auch sind: ordinierte Vorsteherin der Pfarrei. Sie war nicht Priesterin – diesen Dienst haben ihr unterstellte3) Männer in dieser Zeit versehen. Aber da zeigte sich deutlich, dass das Priesteramt und die Pfarreileitung durchaus (wenn auch selten) ganz verschiedene Dinge sind. Wie fühlt sich eine Professorin, wenn sie in der Öffentlichkeit die Dinge so verzerrt darstellt? Hat sie ihr eigenes “Kleines Handbuch der Ökumene” von 2002 nicht gelesen oder ist es ihr pünktlich zum Weltfrauentag entfallen?

3. Emotionale Intelligenz

Die katholische Ordinariatsrätin Anneliese Mayer4) konnte dann auch nicht an sich halten, mehrfach zu betonen, dass Frauen emotional weitaus intelligenter seien als Männer. Mit welcher Chuzpe muß man gesegnet sein, in aller Öffentlichkeit eine Gruppe von Menschen immer wieder abzuwerten – die eigene Gruppe aber immer wieder in den höchsten Tönen hervorzujubeln ? Das haben sie von Männern nicht gelernt: Männer verhalten sich Frauen gegenüber niemals so herablassend – vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Möglicherweise hatten wir hier gerade ein ganz praktisches Beispiel dieser herausragenden emotionalen Intelligenz, die nur Frauen besitzen. Ansonsten war die Ordinariatsrätin von ihren männlichen Kollegen jedoch sehr angetan: sie scheint sich in diesem höchsten Gremium der Erzdiözese (zusammen mit ihrer Kollegin) auf Händen getragen zu fühlen.

4. Teamarbeit

An zwei Stellen haben die beiden interviewten Damen dann noch einmal deutlich gemacht – ich glaube, es war mehr die Ordinariatsrätin -, dass die Frauen sich für die langweilige Arbeit auf dem Wege nach oben doch ein wenig zu schade sind. Erstens: Frauen sind nicht die Lückenbüßerinnen für freistehende Priester-Posten. Was soll das denn jetzt heißen? “Wir wollen Priesterin werden, aber nicht, wenn es zu wenig Männer gibt, die diesen Beruf ausüben”? Versteht das jemand? Zweitens: Theoretisch kann eine Frau Kardinalin werden, denn dazu muß man nicht zum Priester geweiht sein. Aber das riecht denn doch auch schwer nach Arbeit: deswegen stünde man als Frau zu Testzwecken in diesem Amt nicht zur Verfügung. Kann man darunter verstehen, dass eine Frau nur dann Kardinalin wird, wenn sie sich auf eigenen Wunsch hin in dieses Kollegium hineinsetzen wird? Ich weiß es nicht, wie Frau Dr. Mayer sich das vorstellt, wenn das Mikrofon ausgeschaltet ist.

Soweit meine diesjährigen Beobachtungen zum Weltfrauentag – und was zu diesem Anlaß da so am gesunden Menschenverstand vorbeigesendet werden kann. Ich denke: auch wenn Männer Frauen noch so sehr fördern wollen – an solchen krassen Fehlleistungen kommt man einfach nicht vorbei. Man muss vorbei, freilich, das geht aber nur mit purem Zwang. Gut für die Menschen sind diese geschminkten Tatsachen nicht.


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Fußnoten:
  1. Hier ist der Link zum Nachhören. [ ]
  2. Prof. Dr. Birgitta Kleinschwärzer-Meister, LMU München, Lehrstuhl für Dogmatik / Ökumene [ ]
  3. Dienstlich unterstellt, nicht seelsorgerisch. [ ]
  4. Der Ordinariatsrat ist das höchste Gremium in der Erzdiözese. Kardinal Friedrich Wetter hat schon vor 15 bzw. 10 Jahren 2 Frauen in diesen Rat berufen: seitdem sind sie dort ununterbrochen tätig. [ ]

Sparkassenservice

Ich hatte die PIN meines Kontos geändert – und dann die neue PIN vergessen.

Also beginnt die Arie mit der Sparkasse. Anruf: kann ich eine neue PIN haben? “Ja.” Wann? “Ich druck’s sie Ihnen aus, dann schick ich sie.” Wie lange wird das dauern? “Ein bis zwei Tage”.

Morgen? Übermorgen? Das kann ja wohl nicht sein: die Geschäftsstelle ist um die Ecke. Kann ich mir den Brief vielleicht bei Ihnen abholen? “Ja, das geht auch”. Wann ist der denn da? “In 10 Minuten”.

Was? Das habe ich ja bei einer Sparkasse noch nie erlebt! Das ist ja toll! Die werben ja immer für ihre teuren Gebühren mit ihrem Super-Service. Sollte das wirklich – entgegen aller sonstigen Erfahrung – in Oberasbach mal der Fall sein?

Ich steige auf’s Rad und hole mir den Brief ab – gegen Vorlage des Personalausweises. Klappt wunderbar. Ich also wieder in’s Online-Banking: Ihr Zugang ist gesperrt. Bitte rufen Sie die Geschäftsstelle an.

DIESMAL lande ich allerdings bei einer höchst wortreichen und freundlichen Leider-Kraft1).

“Nein, Ihr Zugang ist gesperrt”. Dann geben Sie ihn bitte frei, ich habe eine neue PIN erhalten. “Das kann ich leider nicht. Da fehlt leider die Unterschrift, dass Sie die PIN erhalten haben.” Aber ich sage Ihnen doch, ich habe sie hier vorliegen. Ich habe sie mir gerade in der Geschäftsstelle abgeholt und den Personalausweis vorgelegt. Wollen Sie, dass ich da jetzt nochmal hinfahre? “Leider ja, da muß ich drauf bestehen!” Moment. Sie wollen Ihre Kunden, die ja wohl ganz sicher legitimiert sind, einfach so in der Gegend herumschicken, nur weil der Betreuer in der Geschäftsstelle vergessen hat, die Unterschrift einzufordern?2) “Leider ja. Sie müßten nochmals vorbeikommen. Sie können die Unterschrift aber auch in einer der Serviceboxen unserer 37 Geschäftsstellen einwerfen”. Ich will nichts in die Serviceboxen der 37 Geschäftsstellen einwerfen, ich möchte, dass Sie mir mein Konto freischalten. “Leider darf ich das nicht”. Und wenn ich den verdammten Zettel mit der Unterschrift jetzt vorbeibringe? “Dann kann ich Sie freischalten”. Und wie lange dauert das? “Ein bis zwei Tage”.

Mpfff. Das ist ja genau der Service, den ich NICHT gebraucht habe. Mittlerweile ist mir auch die PIN wieder eingefallen. Nur nützt sie mir jetzt nichts mehr.

Nachtrag, 10:45

Eben hat der Zweigstellenleiter der Sparkasse hier angerufen: Selbstverständlich kann ich die Unterschrift auch faxen. Selbstverständlich schalten sie den Zugang auch sofort wieder frei. Vorbeikommen muss ich wegen einem solchen Pipifax selbstverständlich nicht.


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Fußnoten:
  1. Eine Leider-Kraft benutzt das Wort leider höchst inflationär, sieht sich außerstande, eigene Verantwortung zu übernehmen und hält sich an gedruckte Vorschriften, ist ausgesprochen freundlich und kennt viele Textbausteine auswendig. Sie erklärt einem alles, was NICHTS mit dem aktuellen Problem zu tun hat, und verfällt dabei ab dem zweiten Mal in den Tonfall, den man gegenüber einem kranken Kind anwendet, um es zu beruhigen. [ ]
  2. Nur zur Info: Der Typ in der Geschäftsstelle hätte das riechen müssen, dass er die Unterschrift einfordern mußte. Denn das Unterschriftsformular war im gleichen Brief drin wie die PIN. Das darf der gar nicht öffnen – und wieso sollte ich als Kunde darauf kommen, dass ich den Brief in Gegenwart – aber unter Ausschluss des Angestellten – öffnen muß? Ein Hinweis: “Bitte Unterschrift geben lassen” fehlte außen auf dem Brief. Die Sparkasse läßt einen da also richtig dumm im Regen stehen: ist ja nicht ihr Problem. [ ]

Sorgen

Ich fange an, mir Sorgen zu machen.

Im Lande schaukelt sich eine unangenehme Freude über erlegte Beute auf: die Medien blasen zum Halali zunächst gegen katholische Seelsorger, im Weiteren auf die ganze Kirche. Erst heute las ich in der Zeitung, dass der Pfarrer einer 15 km entfernten Nachbargemeinde seine Koffer hat packen müssen, weil er vor 40 Jahren irgendwie mit sexuellem Missbrauch hat in Zusammenhang gebracht werden konnte1). Die Sache sei damals zwischen allen Beteiligten geklärt worden, es ist auch in der Zwischenzeit nichts weiter vorgefallen. Aber man weiß ja nie, heißt es allenthalben – und das ist das wirklich Einzige, was ganz gewiß die Wahrheit ist: man weiß ja nie. Und deswegen: Fortschicken, ab in die Wüste der Ent-Gesellschaftung.

Als Christ habe ich gelernt, die Sache so weit wie möglich von allen Seiten zu betrachten. Ich habe auch gelernt, dass Menschen schlimme Fehler machen – und dass sie sich bessern können und einmal gemachte Fehler nicht wiederholen: aus Einsicht, nicht auf Druck hin. Und dass es natürlich auch Menschen gibt, die es nie lernen werden – aber das sind die Wenigsten. Aber die allermeisten lernen es eben doch.

Was jetzt, wenn wieder alle den Mund halten, wenn die Nachbarn fortgeschickt werden? Muss ich das Nachdenken einstellen, weil ich meine Bedenken nicht mehr äußern darf, ohne selbst zu den Schuldigen gerechnet zu werden? Wenn ich 40 Jahre zurückdenke: damals muß ich in der Quarta des Max-Planck-Gymnasiums in Trier gewesen sein: das war vor Urzeiten. Vieles, was damals mit mir geschehen ist, hat mir sehr genützt – einiges hat mir geschadet, und letzten Endes bin ich der Mensch geworden, der ich jetzt bin. Wer sollte jetzt noch irgendwas an mir gut machen wollen? Und wie? Sicherlich würde es mir heute nur noch etwas nützen, wenn der Verursacher eines Schadens es heute einsieht, dass er Bockmist gebaut hat. Aber ihn deswegen heute noch in die Wüste schicken? Das würde ich nicht wollen, vor allem würde ich nicht wollen, dass andere darüber bestimmen, dass er in die Wüste geschickt wird: denen hat er ja nichts angetan.

Für mich sind die Medien zu stark geworden – und die Gesellschaft kann nicht mehr sagen: jetzt hört aber mal auf, das ist langsam völlig überzogen. Es kann Dir jede anhängen, Du hättest sie begrapscht, zu lange angestarrt oder sonstwas mit ihr veranstaltet: die Medien werden es gerne aufgreifen. Ob sie Recht hat oder nicht, spielt keine Rolle: Du bist fertig, denn die Tatsache, dass das gelogen war, ist später keine Meldung mehr wert. Du kannst die Medien, die vorher reißerisch über Deine vermeintlichen Untaten berichtet haben, nicht dazu zwingen, danach in gleicher Form reißerisch über den herzuziehen, der die Lügen in die Welt gesetzt hat: das wird höchstens ein 10-Zeiler in einer Ecke in den Lokalnachrichten. Für üble Nachrede oder Falschaussage gibt’s 4 Monate Gefängnis auf Bewährung – für auf Grund dieser Falschaussagen gefällte Urteile gibt es jahrelang Knast. Oder – ohne Gerichtsverfahren – Rauswurf aus der Kirche.

Was machen wir, wenn das Kesseltreiben auf katholische Seelsorger erst der Anfang ist? Geht es wieder los – obwohl es zunächst ganz harmlos aussieht? Müssen wir langsam anfangen, Verstecke zu bauen für die, die vom Pöbel gejagt werden? Ab wann sind wir soweit? Woran merkt man das?


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Fußnoten:
  1. Im Bistum Bamberg, wohl gemerkt. Selbstverständlich tauchte auch der Name Ratzinger in diesem halb- und abseitigen Zeitungsbericht wieder auf, obwohl der zu dieser Zeit Professor für Dogmatik in Regensburg war und erst Jahre später Bischof einer ganz anderen Diözese wurde. Was, um Himmels willen, hat der schon wieder damit zu tun? [ ]

Fliegenfänger

Von einem Kollegen im Büro bekam ich folgende Anregung:

  • Es ist Dir langweilig?
  • Dann such am Fensterbrett nach toten Fliegen
  • Laß sie gut austrocknen
  • Such Dir ein weißes Blatt und einen Stift
  • Laß Deiner Kreativität freien Lauf

Anregungung gab’s auch gleich mit:

Senkrechte Spannung

Einen hervorragenden Beitrag zum Thema “Christlich denken im säkularen Zeitalter” findet man im PodCast “Katholische Welt” des bayerischen Rundfunks.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Der Autor Jürgen Kuhlmann beschreibt den abenteuerlichen Weg des europäischen Bewusstseins vom naiven Glauben der Menschen in den ersten 14 Jahrhunderten bis zum ebenso naiven Unglauben des Zeitgeistes von heute und erklärt, warum beide Weltanschauungen, wenn sie in ihrer Schlichtheit verharren, den Sinn der Wirklichkeit verfehlen.

Es paßt ein wenig in die derzeitige Debatte, in der der Kirche ein geradezu groteskes Ausmaß an sexuellem Mißbrauch und Leibfeindlichkeit vorgeworfen wird: das ist naiv.

Hans Sachs im Gehäus’

Gestern abend waren wir in der Nürnberger Lorenz-Kirche zu einer exquisiten Veranstaltung: Hans Sachs (1494-1576) hat ein Zimmerchen in der Laurentiusorgel bezogen und kann auf Knopfdruck durch den Organisten den Prediger auf der Kanzel zur Ordnung rufen1). Das tut er, indem er die Fenster öffnet und dann einige Sekunden lang zur Musik eines Zimbelsterns herausschaut.

Kantor Matthias Ank umrahmte das festliche Ereignis durch vielerlei Intonation des Chorals “Jesu meine Freude”: begonnen durch das Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach (1685-1750), dann eine gleichnamige Partita von Johann Gottfried Walther (1684-1648), die beide auf der barocken Laurentiusorgel gespielt wurden. Dann ging es mit einer weiteren Partita über “Jesu meine Freude” an die romantische Stephanusorgel: ein Werk von Johann Christian Heinrich Rinck, der von 1770-1846 lebte. Den Schluß des kleinen Konzerts über das Wochenlied zum heutigen Sonntag Laetare bildete der Symphonische Choral op 87.2 über “Jesu meine Freude” von Sigfrid Karg-Ehlert (1877-1933), der – na was soll’s – über alle drei Orgeln gleichzeitig verteilt erklang. Die große Hauptorgel im Westchor von St. Lorenz kann ordentlich für Schalldruck sorgen: man hat das Gefühl, dass die Wände wackeln, und Kantor Matthias Ank an den drei Orgeln2) weiß Kraft und Anmut sehr ausgewogen zur Geltung zu bringen: unvermutete Töne und gewaltige Akkorde wabern durch die gotische Halle und lassen sich dann von zarten Flötenschleiern ablösen.

Dann kam der große Augenblick: Matthias Ank sang der – leider etwas kleinen – versammelten Gemeinde die Silberweise3) von Hans Sachs vor, danach drückte er auf’s Knöpfchen: langsam öffneten sich im Bauch der Laurentiusorgel zwei kleine Fensterläden, und Hans Sachs schaute heraus. Dazu erklang der Cymbelstern. Nach einer Minute hatte er genug gesehen und zog sich wieder in den Orgelbauch zurück – das war’s.

Da erhebt sich nun die Frage: Was soll das denn? Was hat so eine Spielfigur für einen Sinn? Hätte man das Geld nicht besser für andere Dinge ausgegeben?

Ich finde: sowas muss sein. Wenn wir kein Geld mehr für Spiele haben, dann Gnade uns Gott: wir sind als Christen nicht nur zum Leiden und Arbeiten auf der Welt. Der Hang zum Spielen durchdringt unser ganzes Leben – nur in Diktaturen wie der ehemaligen DDR ist das Spielerische dem Pragmatismus geopfert worden, indem man Menschen einfach in “hingeschissene” Plattenbauten gesetzt hat und ihnen das Recht auf Zweckfreiheit und Schönheit in ihrer Umgebung schlichtweg abgesprochen hat. Wer für’s Spielen keine Mittel mehr herausrücken möchte, der verzweckt die Menschen und nimmt ihnen den Sinn in ihrem Leben: der Sinn ist nicht nur im Helfen, Arbeiten und Werken, sondern auch in dem, was “nur für mich” ist: das Spielen eben. Dafür muß ein beträchtlicher Teil der erwirtschafteten Ressourcen zur Verfügung stehen, sonst verlieren wir uns.

Der Hans Sachs in der Laurentiusorgel der Nürnberger Lorenzkirche ist nicht der einzige Orgelschrat auf der Welt: auch die wunderschöne Trierer Domorgel4), 1972 vom Bonner Orgelbauer Klais fertiggestellt, hat in ihrem Bauch einen Flötenpan. Der kann, wenn er aus seiner Klappe herausgelassen wird, sogar auf einer Panflöte spielen.


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Fußnoten:
  1. Der große Kantor Bach hatte dafür keinen Knopf zur Verfügung, sondern musste dazu stets Kantaten komponieren. Ich bin überzeugt davon, dass die musikalische Aussage dieser Musik manchmal im diametralen Gegensatz zu dem lag, was der Superintendent von der Kanzel herunterdonnerte [ ]
  2. Die drei Orgeln lassen sich der Einfachheit halber alle von einem Spieltisch aus spielen. Allerdings auf 5 Manualen, und die Noten stehen noch darüber, so daß die Nackenmuskulatur des Organisten stark in Anspruch genommen wird. [ ]
  3. “Ave, ich grüß dich schone” – eine protestantische Umdeutung des “Salve Regina”. [ ]
  4. Für mich ist die Trierer Domorgel die schönste Schwalbennesterorgel der Welt [ ]

Nachtschnee ’10

Vorgestern hatte ich die Schneeschaufel in der Hand und pberlegte, ob ich sie schon mal ins Gartenhäuschen stellen sollte. Gestern habe ich überlegt, dass ich das Auto ruhig draußen stehen lassen könnte: es sah nicht nach Schnee und Eis aus.

Zu früh gefreut.

Aber bevor jetzt wieder die Medien den Rückfall von der Klimakatastrophe in die nächste Eiszeit prophezeien und die Politik einen Frostgipfel in Kuala Lumpur einberufen: Schnee über Nacht gab es am 5. März 2008 auch, wie dieses Foto beweist.

Einfach

Als ich heute abend nach Hause kam, ließ sich der Mac nicht mehr einschalten. Sowas macht mich schwer nervös: da ist zu viel drauf, was man so für die Arbeit braucht.

Zunächst habe ich mal versucht, von einer anderen Platte zu starten – das ging. Dann das “normale” Startlaufwerk repariert – ohne Erfolg. Dann das Parameter-RAM gelöscht, auch ohne Wirkung. Also habe ich den Snow Leoparden aus dem Schrank geholt und wollte schweren Herzens das Startlaufwerk wieder neu installieren. Das ist nun wirklich viel Arbeit: hinterher alle Programme wieder einrichten: das dauert ja Stunden und Tage!

Aber da mit dem Startlaufwerk sowieso nichts mehr war, konnte ich mal ein Experiment wagen: die SnowLeopard-CD bietet auch eine Wiederherstellung von der letzten TimeMachine-Sicherung an. Und die war erst zwei Stunden alt1). Eine dreiviertel Stunde hat er gerödelt – jetzt läuft er wieder, als wäre nichts gewesen, mit dem richtigen Datenbestand, soweit ich das beurteilen kann. Auch die ganzen Passwörter und alles kennt er noch. Nur durch das (unnötige) Löschen des PRAMs sind einige Sachen verloren gegangen, die er sich jetzt wieder zusammen suchen muß2).

ZweiDrei Dinge geben mir zu denken:

  • Dieses automatische Backup, das Apple’s TimeMachine jede Stunde anfertigt, ist einfach Gold wert. Wer das nicht benutzt, dem ist nicht zu helfen. Man muß ja nie was machen – geht ja alles von selber.
  • Ich hatte nach der Wiederherstellung der Platte auf einmal 6GB mehr Platz auf dem Startlaufwerk, einer SSD. Das ist schon ordentlich, weil soviel Platz hat die ja nicht. Vielleicht sollte man einfach von Zeit zu Zeit die letzte Sicherung wieder draufspielen. Wer weiß, wofür der 6GB Platz gebraucht hat.

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Fußnoten:
  1. Der Mac hatte sich um 18 Uhr selbständig abgeschaltet. Macht er immer, wenn keiner mehr mit ihm redet. [ ]
  2. So hat er die Bluetooth-Maus nicht mehr von selber erkannt – schrecklich. Und das Mail-Programm hat die Datenbank neu angelegt [ ]

Sockintosh

Jetzt gibt es eigentlich wirklich keinen Grund mehr, keinen Apple zu kaufen: auch das leidige kalte-Füße-Problem bei Frauen gehört endgültig der Vergangenheit an. Das Video1) beweist es:


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Fußnoten:
  1. gefunden bei Macnews.de, letztendlich bei YouTube [ ]

Newsletter

Unter (vielem) anderen mache ich für verschiedene Firmen Newsletter zum Thema “Messtechnik”. Es ist wirklich hochinteressant zu sehen, wie genau man die Reaktionen nachvollziehen kann: mit Datum und Uhrzeit wird genau registriert, wer auf welchen Link im Newsletter reagiert hat. Sobald ein Newsletter draußen ist, sieht man im “Livelog” in der ganzen Welt die Reaktionen der Empfänger. Es hagelt geradezu im Interaktionsprofil. Soviel zum Thema Datenschutz …

Natürlich kann man sich im Netz verstecken. Aber man muss schon sehr gewieft sein. Ich zum Beispiel klicke in Newslettern auch nicht auf “Abbestellen”: dann weiß der Versender des Newsletters nämlich schon mal, dass es diese Adresse wirklich gibt und dass ein Mensch darauf reagiert hat: solche Adressen kann man dann besonders teuer weiterverkaufen. Man hat nur eine Chance – gleich als “unerwünschte Werbung” oder SPAM klassifizieren. Dann sortiert das eMail-Programm solche Mails beim nächsten Mal schon mal automatisch aus dem Eingangskorb heraus.

Es gibt Leute, die schicken solche Newsletter mit “Ablehnen” zurück: das Mail-Programm generiert dann eine Antwort und tut dabei so, als sei der Empfänger unbekannt. Das interessiert den Newsletter-Generator jedoch herzlich wenig: damit man überhaupt ablehnen kann, muss der Newsletter ja schon mal zugestellt worden sein. Also kann man sich das wirklich sparen: der Newsletter-Automat kriegt das überhaupt nicht mit. Höchstens der Auftraggeber des Newsletters. Wenn der will, entfernt er die Adresse dann aus dem Verteiler.

Wieso sollte er wollen?

Zwangsveranstaltungen

Der dänische Familientherapeut Jasper Juul gibt in der Zeit ein interessantes Interview1), das mit einigen bequemen Vorstellungen aufräumt. Mein Verdacht ist ja, dass die Kinderkrippelei für Kinder unter 3 Jahren eher ein Griff ins Klo als eine wertvolle pädagogische Maßnahme darstellt. Sie dient meines Erachtens viel zu vielen Eltern – und darunter versteht der Deutsche Mütter2) – als Ausrede für mehr Freizeit. Juul belegt meine Einschätzung mit dänischen Forschungsergebnissen:

Dänische Forschungen haben ergeben, dass es bis zum Alter von zwei Jahren tatsächlich bei 15 bis 20 Prozent der Kinder schädlich für das Gehirn ist – der Stress der Trennungsangst greift es an. Ich würde das, wenn ich Vater eines kleinen Kindes wäre, nicht riskieren, es sei denn, ich wüsste sicher, dass mein Kind keine Probleme mit Beziehungen zu Erwachsenen und anderen Kindern hat, dass es sich wohlfühlt und fest auf seinen Beinen steht. Mit meinem Enkel, der ein sehr selbstbewusster Junge ist, haben wir das gemacht. Er war im Alter von eins bis drei bei einer Tagesmutter, und es ist sehr gut gegangen. Aber ich frage mich, woher es kommt, dass sich die skandinavischen Schulen Anfang, Mitte der neunziger Jahre plötzlich darüber beklagten, dass die Kinder keine soziale Kompetenz mehr hätten, sie könnten nicht ruhig sitzen, sich nicht konzentrieren. Was war passiert? Zehn Jahre zuvor hatte man begonnen, Kinder zunehmend in pädagogische Zwangsveranstaltungen zu stecken. Erzieher und Pädagogen argumentieren, solche Einrichtungen seien gut fürs soziale Lernen. Aber dafür gibt es kaum Beweise.

Gut, immerhin bis zwei Jahre – ich halte das immer noch für untertrieben. Wer Kinder hat, der hat Kinder – das ist seine Aufgabe dann, sonst nichts. Die Frage ist, wieso hier in Deutschland trotz der allgegenwärtigen Frauen- und Mütterbeweihräucherung die Familienarbeit immer noch geringer als die Vorstandsarbeit in der deutschen Bank geschätzt wird. Mir ist das ein Rätsel: ich habe jahrelang Haushalt, Kindererziehung und Berufstätigkeit nebeneinander gemacht. Ich hatte nie Grund zur Klage3): das ließ sich machen, und ich war mit der Situation nicht unzufrieden. War viel Arbeit und ich hatte nicht viel Zeit – aber wofür hätte ich denn sonst Zeit haben sollen? Fernseh gucken? In die Wirtschaft gehen? Warum, was sollte ich da? Ich hatte Kinder, das war interessant genug.


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Fußnoten:
  1. Link zum Interview in der ZEIT [ ]
  2. Jasper Juul dazu: Wenn ich mit einer Gruppe in Skandinavien arbeite, dann stellen die Frauen sich so vor: Ich bin Sabine, wir haben drei Kinder. In Deutschland und Österreich sagen sie: Ich habe drei Kinder. Eine Form von Resignation. Ich halte das allerdings nicht für Resignation, sondern für widerrechtliche Aneignung. [ ]
  3. Aber wenn ich zum Beispiel von einem Lehrer in der Schule besondere Rücksichten wollte, war genau diese Klage äußerst hilfreich, das gebe ich zu. Es war dann nicht etwa so, dass der Lehrer nicht genau gesehen hätte, dass die Klage durch die Realität nicht unterfüttert gewesen wäre. Er hatte trotzdem vor meiner vermeintlichen Leistung die Waffen zu strecken – da konnte ich mir sicher sein. [ ]