Licht
Ich singe ja viele Konzerte: im Laufe der Jahre wird das zur Routine. Man probt, tritt auf und wieder ab. Aber es gibt auch immer wieder besondere Konzerte, die außerhalb der Professionalität noch zusätzlich irgend etwas haben.
Der vergangenen Sonntag in Reutlingen war wieder so ein Fall: wir sangen mit dem Südwestdeutschen Kammerchor Tübingen ein Programm zum “Pater Noster”. Alles sehr schön – wenn da nicht in der Mitte noch “Jesu meine Freude” (BWV 227) von Johann Sebastian Bach gewesen wäre. Das ist nicht einfach schön, das ist von einer anderen Welt.
Ich beschäftige mich ja jetzt seit einigen Jahrzehnten mit Bach: verstanden, was er macht und will, habe ich längst. Ich habe viele Vorträge über seine Kantaten gehalten (unter anderem auch über “Jesu meine Freude“), ich kenne seine musikalische Formensprache, aus der er nie ausbricht – weil er aus ihr nicht ausbrechen muß, denn innerhalb dieser barocken Grenzen ist ihm immer wieder was Neues eingefallen1). Er hat sich – im Gegensatz zu seinem genialen Zeitgenossen Händel zum Beispiel – nie wiederholt2): verschiedene Sujets haben ihm immer wieder neue musikalische Architekturen entlockt, und die Komplexität seiner Tonsprache ist nie an die Grenzen gestoßen, die schon zu seinen Lebzeiten von der Klassik niedergerissen wurden: Bach ist Bach, man kann ihn nicht einordnen, er bleibt ein Monolith. Aber man frage mich nicht, wie er das macht: ich weiß es nicht und ich finde es auch nicht heraus. Vielleicht kann man davon eines lernen: im Einzelfall kann man noch so viele Tricks und Kunstgriffe aufdecken: alles ganz klar und logisch, würd’ ich auch so machen, wenn ich’s könnte. Wie und warum es aber die Seele berührt und ergreift: das ist nicht zu beschreiben und bleibt unerklärlich. Er konnte es einfach, das muss man so stehen lassen.
Meine Wahrnehmung für die Nuancen in seiner Musik verschärft sich selbstverständlich im Laufe der Jahre – und vieles, was andere so oder so interpretieren, würde ich nicht machen. Bach transportiert durch seine Musik ein vollkommen unerschütterbares Vertrauen in Gottes Heilsplan – und nicht nur das, sondern er erklärt auch immer, warum das so ist. Was auch immer Gottes Plan vorsieht: er wird gut ausgehen, und wir müssen keine Angst haben. Viele, die sich vielleicht mit der Theologie von Bach’s geistlichem Werk nicht so auseinandergesetzt haben, sondern ihm als dem bedeutendsten Vertreter musikalischen Schaffens ein konzertantes Denkmal setzen wollen, gehen halt mit den Worten: wo’s im Text kracht und blitzt3), lassen wir’s halt krachen und blitzen.
Nicht so Rolf Maier-Karius und der Südwestdeutsche Kammerchor: nicht auf den Satan, nicht auf die Stürme, nicht darauf, dass es kracht und blitzt – wo wir Angst haben müssen also – kommt es an, sondern auf das Vertrauen in Gott. Der wichtigste Punkt ist: Jesus will mich decken, das andere sind nur Beschreibungen. So hat Maier-Karius es interpretiert, und so verstehe ich Bach.
Was mich besonders gefreut hat ist, dass der Rezensentin Susanne Eckstein von der Südwest-Presse diese Interpretation aufgefallen ist: Chapeau.
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Fußnoten:
- Da erinnert er mich an einen Mönch: warum soll der aus seiner Zelle? Er hat sein äußeres Leben freiwillig auf das streng reglementierte Klosterleben beschränkt, damit er seiner inneren Entfaltung keine Grenzen setzen muss … [ ↩ ]
- Doch, doch: es gibt ein paar Eigen- wie Fremdplagiate, aber sie machen nie einen aufgewärmten Eindruck: in den neuen Zusammenhang passen sie hinein. Das kann ich von Händel nicht so sagen: da kommt einem manches zu bekannt vor. [ ↩ ]
- Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern, laß den Feind erbittern, mir steht Jesus bei.
Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken: Jesus will mich decken. [ ↩ ]



Lieber Herr Reuter,
zufällig bin ich beim Googeln auf Ihren mit “Licht” überschriebenen Text zum Thema Bach und Bach-Interpretation vom 26.03.2010 gestoßen, in dem Sie meine damalige Konzertkritik in den “Reutlinger Nachrichten” erwähnen. Hin und wieder erhalte ich Rückmeldung auf meine Konzertkritiken, Ihr “Chapeau” aber für meine Sensibilität berührt mich besonders. Danke!
Übrigens: Habe ich richtig gesehen, dass Sie mit 55 (?) noch eine Kirchenmusikerausbildung machen – ? Ebenfalls “chapeau”! (Ich gehöre zur selben Generation.)
Mit einem herzlichen Gruß aus Reutlingen
Susanne Eckstein