Archive for Februar, 2011

“Das machen doch alle…”

meinte gestern Abend beim Skat auch der Wassermeister unserer Gemeinde “Mein Sohn, der einen Bachelor gemacht hat, hat mir das auch bestätigt: Da holt man sich ein paar Bücher aus der Bibliothek, schreibt hier was ab und da was ab. Und schon ist die Arbeit fertig. Alle schreiben doch nur ab. Warum soll das dann beim Guttenberg so schlimm sein? Nein, nein, das ist allein wieder so eine Kampagne der SPD. Die sollen sich um Wichtigeres kümmern und unseren Guttenberg in Ruhe lassen.” So denkt das Volk, so schlicht, so klar.

“Da hast Du freilich keine Ahnung, da hältst Du lieber den Mund,” hab ich ihm allerdings geantwortet, obgleich das normalerweise nicht mein Art ist. Nicht mehr weiter ausgeführt habe ich, weil wir Skat spielen wollten und es wohl auch kaum genützt hätte: Dass Dein Sohn einen Bachelor geschafft hat, ist ja prima. Mit Wissenschaft hat das freilich nichts zu tun. Zwischen einer Bachelor- und auch einer Masterarbeit einerseits und einer Doktorarbeit andererseits liegen, mindestens dem Anspruch nach, Welten. Seminar, Bachelor- und Masterarbeiten sollen in der Tat vorhandenes Wissen sachgerecht aufarbeiten und zusammenfassend darstellen. Da muss ich natürlich dieses und jenes zusammenklauben und neu zusammenstellen; warum auch nicht? Der Anspruch einer Doktorarbeit ist es jedoch, einen >Wissensfortschritt< her- und darzustellen, also eine bestimmte neue These zu entwerfen, zu konzeptionieren und zu belegen. Natürlich muss man dabei auch an vorhandenes Wissen anschließen, deshalb ist der Rückbezug auf vorhandenes Schrifttum unumgänglich. Der entscheidende Punkt aber, der die Sache dann zu einer Doktorarbeit macht, ist es eben, dass die Arbeit auch konzeptionell davon lebt, den Wissensfortschritt herauszuheben und zu dokumentieren.

Der Plagiator Guttenberg ist mithin mit seinem Machwerk offensichtlich mehrfach gescheitert. Wenn er in so hohem Maße lediglich vorhandenes Wissen zusammenkopiert hat, wie es berichtet wird, dann ist er zum einen an der grundsätzlichen Aufgabe gescheitert, Wissensfortschritt zu konzeptionieren, zu erzielen und zu dokumentieren; und er hat sich zudem offenbar als Betrüger darin erwiesen, dass er dieses zusammengeklaubte Wissen nicht einmal angemessen in seinem Ursprung ausgewiesen hat, mithin vorgetäuscht hat, dieses sei von ihm selbst erarbeitet. Letzteres ist ein betrügerisches Vergehen, dass freilich auch bereits im Zusammenhang von Seminar-, Bachelor- und Masterarbeiten sanktionswürdig ist. Und dass er in dieser Weise nicht betrügt, versichert der Autor im Übrigen bei der Abgabe der (Bachelor-, Master- und Doktor-) Arbeit an Eides statt.

Guttenberg ist mithin ein meineidig gewordener Plagiator; soviel scheint ihm die Universität Bayreuth bereits im Zusammenhang des Entzugs der Doktorwürde bescheinigt zu haben. Geprüft wird derzeit angeblich noch, ob er dies absichtlich oder einfach aus Dummheit geworden ist. Letzteres ist für mich nach allem Berichteten kaum vorstellbar. In jedem Fall möchte ich von einem Menschen, der solches macht, nicht regiert werden, auch wenn er nur zu dumm ist, eine ordentliche Doktorarbeit zu schreiben.

Ein besonderes Ei hat natürlich in diesem Zusammenhang die entsprechende Fakultät der Universität Bayreuth gelegt. Sie hat das Kunststück fertiggebracht, ein offensichtlich dreist erstelltes Plagiat mit der Bestnote zu bewerten, und das, obwohl zwei Gutachter verpflichtet sind, die Arbeit gründlich zu prüfen und die gesamte Fakultät mit angeblich rund zwanzig Professoren vor Verleihung des Doktorgrades dazu angehalten ist, die Arbeit mindestens einzusehen und auf die Angemessenheit der Begutachtung hin zu überprüfen. Die gesamte Fakultät hat sich mithin in hohem Maße blamiert. Wer immer in dieser Republik noch einen Doktor erwerben will, sollte sich tunlichst nicht an die Universität Bayreuth wenden – außer, wenn er oder sie täuschen und betrügen willen, dann geht’s da vielleicht am Besten.

Rätselhafte Schilder 3

Es gibt Schilder aller Art – aber dass sie in ein Vorhängeschloss eingraviert sind, hat mit Sicherheit eine besondere Bewandtnis, wenn sie sich mir auch nicht so direkt erschließt. Überdies ist dieses Vorhängeschloss auch ziemlich sinnlos in einen Maschendrahtzaun eines Brückengeländers eingehängt1). Vielleicht ein ewiger Liebesschwur (also bis zum Vollrost), angelehnt an Walther von der Vogelweide2)?

Dû bist mîn, ich bin dîn:
Des solt dû gewis sîn.
Dû bist beslozzen in mînem herzen;
Verlorn ist daz slüzzelîn:
Dû muost immer drinne sîn

Also vor allem in dem Sinne, dass das Schlüsselchen unauffindbar ist? Wann wird das Schlößchen wieder aufgetan?

Ein paar Meter weiter findet sich ein passendes Herzchen mit den Initialen H+B auf den Beton einer anderen Brückenwand gemalt, ebenfalls mit der Datierung 2002. Möglicherweise ist die Sache also noch nicht ausgestanden, Horst und Brigitte waren mal verheiratet, sind es immer noch oder warten auf den 11.11.11 als nächstmöglichen Heiratstermin. Wird ja auch langsam Zeit, nach 9 Jahren.


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Fußnoten:
  1. Hier ist der genaue Standort, in der Biegung der Fußgängerbrücke über die Pegnitz – wer will, möge hinwallen und sich seine eigenen romantischen Gedanken machen [ ]
  2. Hier ein Beitrag des Cicero zu dem Gedicht [ ]

Abgelehnt

Am 12. Februar berichtete der SPIEGEL online:

Margot Käßmann erhält Preis für Zivilcourage

Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, erhält für ihren Rücktritt nach einer betrunkenen Autofahrt den Europäischen Kulturpreis für Zivilcourage. Die von der Kulturstiftung Pro Europa ausgelobte Auszeichnung wird am 4. März in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Verstehe ich nicht.

Margot Käßmann erhält den Preis nicht für ihren Rücktritt nach der besoffenen Autofahrt, sondern mehr so wie die im geschützten Umfeld der deutschen evangelischen Kirche vollmundige Äußerung, “nichts ist gut in Afghanistan”. Und so Sachen. Deswegen hat Frau Käßmann den blödsinnigen Preis folgerichtig abgelehnt.

Was aber, so frage ich mich, haben die Medien eigentlich mit Frau Käßmann? Zu was machen die sie? Für was ist sie ein Symbol, dass sie ihr jetzt sogar einen Preis für Zivilcourage antragen, den sie ablehnen muss, weil man nach einer Trunkenheitsfahrt niemals einen Preis annehmen kann, der damit auf welche Weise auch immer in Verbindung gebracht werden kann?

Befriedigt Frau Käßmann die Sucht der Medien nach wandelnden Paradoxa?  Möglichkeiten gäbe es: Als Frau in einem typischen Männerberuf. Als Delinquentin eines sonst doch eher typischen Männervergehens. Kleine schwache Gut-Frau gegen den großen bösen, starken Macht-Mann. Als Bischöfin dort, wo die katholische Kirche keine Frauen zuläßt.

Oder fühlen die Medien ihre eigene Themenhurerei und suchen jetzt nach einer weiblichen Lichtgestalt, die die ständige Herumstocherei nach geldbringendem Dreck1) überstrahlt, so dass sie dadurch ein wenig geadelt wird? Brauchen sie wieder so eine Jeanne d’Arc – die dann später öffentlich zur Demontage und medialen Hinrichtung freigegeben wird? Eines müßte ihnen doch klar sein:

Wenn Margot Käßmann diesen Preis entgegen genommen hätte, dann wäre es endgültig vorbei mit ihr gewesen: dann wäre sie ab diesem Zeitpunkt medial erpressbar gewesen.

Ich glaube: sie werden es weiter versuchen. Ich wünsche Frau Käßmann weiterhin die Klarsichtigkeit, Sorgfalt und Standfestigkeit, dass sie bei diesem aufgezwungenen Tanz mit dem Tiger nicht hinfällt. Die Medien werden versuchen, sie zur Göttin hochzuschreiben – um sie dann voll auf die Schnauze platschen zu lassen.

Im Moment ist Minister Guttenberg dran.


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Fußnoten:
  1. Also genau der Tatbestand, mit dem geldgeiler Voyeurismus zu medialer Zivilcourage hochstilisiert wird. [ ]

Rätselhafte Schilder 2

Ob dieses Schild hier rätselhaft ist, weiß ich nicht. Es hängt in einer Münchner Kneipe auf dem Männerklo über jedem (!) Urinal.

Es zeigt deutlich, dass Männer alkoholgefährdet sind und Frauen damit keine Probleme haben oder – notfalls – im letzten Moment die Kurve kriegen. Die Notaufnahme-Statistik der Krankenhäuser spricht zwar eine andere Sprache, aber Schild ist Schild.

Mich würde mal interessieren, ob in den Lokuskabinen für Frauen auch so Schilder hängen, wo zwei Männer mit ihrem Alkoholproblem ganz gut umgehen können, die zwei Frauen aber durch die Prüfung ras(s)eln oder gegen einen Brückenpfeiler. Nur bin ich nie auf dem Frauenklo.

Die angegebene webSite bleibt jedenfalls bei der Ansicht, dass junge Frauen mit Alkohol super umgehen können. Obwohl: nackt ins Internet gestellt zu werden, weil man sternhagelvoll war, ist natürlich nicht schön – und das Problem wird auch ganz superoffen angesprochen. Aber das sind sie nicht selber schuld, sondern der Ficken-Likör, der zwar keine Limo ist, aber woher sollen sie das denn wissen? Und wenn sie von der ganzen Party-Limo rotzbesoffen sind, dann sind sie wehrlos, und das nützen böse Männer schamlos aus.

Rätselhafte Schilder 1

Also, der Deutsche hat ja ein recht positives Verhältnis zum Schild: wenn es ihm zu blöd wird, hängt er ein Schild auf des Inhalts, dass alles, was ihm zu blöd ist, ab sofort verboten ist1). Also so in der Art “Alles verboten. Der Besitzer.”. Das befreit ihn, den Besitzer, und läßt ihn mal kurz durchatmen2) auf der langen Reise durch den eigenen Besitz.

Damit das Schild auch physikalisch an Gewicht gewinnt, liebt er es, mal alles ordentlich durch den Laminator zu orgeln, gibt’s ja alle Naslang bei ALDI. Wir hatten hier mal einen, der hatte sich extra zu diesem Zweck einen DIN-A-3 Laminator gekauft, und er hat alles laminiert, was sie nicht wehrte. Das Problem war, dass er auch Plakate durchlaminierte, und die wurden dann so schwer, dass sie nicht mehr aufgehängt werden konnten: das Tesafilm konnte die Bedeutungsschwere des Plakats nicht mehr halten, vor allem nicht bei Wind und Wetter.

In einer Filiale der Nürnberger Sparkasse entdeckte ich das ob stehende Bild. Ich stand eine Weile andächtig davor und fragte mich, was es mir sagen wollte. Und ob mir jemand einfiel, den der Inhalt vielleicht interessieren könnte. Und warum es in so einem wahrlich bedeutungsvollen Bilderrahmen mit einem 4-cm-Stahlstift in die Wand gehauen war. Und warum es in Sparkassen-Rot mit dem Logo der Sparkasse versehen war.

Die Antwort auf alle diese Fragen muß ich dem geneigten Leser schuldig bleiben – aber Eure Meinung würde mich interessieren. Es hing direkt neben den Geldautomaten. Da hat man Zeit, es gründlich zu lesen.


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Fußnoten:
  1. Oder erlaubt. Es gibt ja Gebots- und Verbotsschilder [ ]
  2. Ob andere Nationen ein ähnliches Verhältnis zum Schild haben, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass an italienischen Autobahnen jede Brücke mit mehreren Schildern numeriert (Vorne, links, rechts, oben, unten und hinten, glaube ich) ist. Das gibt mir hinsichtlich der Italiener zu denken. [ ]

143 Theologen

In den letzten Tagen haben wieder einmal 143 Theologen eine Erklärung dazu abgegeben, wie die katholische Kirche zu reformieren sei. Die Liste der Vorschläge ist altbekannt, aber um sie von ähnlichen Forderungskatalogen der letzten Jahrzehnte abzugrenzen, wurde der Hinweis deutlich, dass es sich um Forderungen “für die deutsche katholische Kirche” handelt. Der Zug der Weltkirche ist ja für die Deutschen längst abgefahren, denn universell gesehen können die Katholiken nicht klagen: das wächst und gedeiht.

Wieder einmal gellt der Schrei nach dem “verheirateten Priester” durch das selbstbewußte und sich selbst bestimmen wollende Katholikenvolk. Dass die aber auch in nennenswerter Zahl irgendwo herkommen müssen: das scheint nicht das Problem der Forderer zu sein.

Die Priester müssen aus der Mitte des Volkes kommen, aus der Mitte derer, die insgesamt die Kirche bilden. Ob sie verheiratet sind oder nicht: das scheint mir eine eher zweitrangige Frage zu sein, wenn es innerhalb des Volkes keine Kultur des Priesternachwuchses mehr gibt. Wo sind denn die Familien, aus deren tiefer, gelebten Religiosität so ganz selbstverständlich ein Priester nachwächst? Kennt einer eine? Und wenn es sie gäbe: würde der sich ernstlich die Frage stellen, ob das Verheiratet-Sein für ihn zur Berufsausübung wesentlich ist?

So wie ich das sehe, hat der Priesterberuf an sich für die meisten Menschen doch irgendwie was Außerirdisches, was Rührendes, was Gutmenschliches an sich. Also etwas, was in die gewohnten gesellschaftlichen Bezüge überhaupt nicht mehr hineinpasst, so eine Art Tauchstation für Weltfremde, etwas, was irgendwie nicht versicherbar ist.

Wenn wir mehr Priester haben wollen, dann müssen wir alle gemeinsam an einer Kultur arbeiten, aus dem junge Gottesmänner herauswachsen können – und wenn wir gleich damit anfangen würden, dann müßten wir noch mindestens ein Viertel Jahrhundert Geduld haben. Die Priesterseminare dürften nicht mehr so unter sich bleiben. Das ist nicht die Schuld der Kirche, der damit auch gleich Abschottungstendenzen vorgeworfen werden. Das ist unser ökonomistisches Denken, dass mehr nach Lösungen sucht als nach Erlösung.