Abgelehnt
Am 12. Februar berichtete der SPIEGEL online:
Margot Käßmann erhält Preis für Zivilcourage
Die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, erhält für ihren Rücktritt nach einer betrunkenen Autofahrt den Europäischen Kulturpreis für Zivilcourage. Die von der Kulturstiftung Pro Europa ausgelobte Auszeichnung wird am 4. März in der Frankfurter Paulskirche verliehen.
Verstehe ich nicht.
Margot Käßmann erhält den Preis nicht für ihren Rücktritt nach der besoffenen Autofahrt, sondern mehr so wie die im geschützten Umfeld der deutschen evangelischen Kirche vollmundige Äußerung, “nichts ist gut in Afghanistan”. Und so Sachen. Deswegen hat Frau Käßmann den blödsinnigen Preis folgerichtig abgelehnt.
Was aber, so frage ich mich, haben die Medien eigentlich mit Frau Käßmann? Zu was machen die sie? Für was ist sie ein Symbol, dass sie ihr jetzt sogar einen Preis für Zivilcourage antragen, den sie ablehnen muss, weil man nach einer Trunkenheitsfahrt niemals einen Preis annehmen kann, der damit auf welche Weise auch immer in Verbindung gebracht werden kann?
Befriedigt Frau Käßmann die Sucht der Medien nach wandelnden Paradoxa? Möglichkeiten gäbe es: Als Frau in einem typischen Männerberuf. Als Delinquentin eines sonst doch eher typischen Männervergehens. Kleine schwache Gut-Frau gegen den großen bösen, starken Macht-Mann. Als Bischöfin dort, wo die katholische Kirche keine Frauen zuläßt.
Oder fühlen die Medien ihre eigene Themenhurerei und suchen jetzt nach einer weiblichen Lichtgestalt, die die ständige Herumstocherei nach geldbringendem Dreck1) überstrahlt, so dass sie dadurch ein wenig geadelt wird? Brauchen sie wieder so eine Jeanne d’Arc – die dann später öffentlich zur Demontage und medialen Hinrichtung freigegeben wird? Eines müßte ihnen doch klar sein:
Wenn Margot Käßmann diesen Preis entgegen genommen hätte, dann wäre es endgültig vorbei mit ihr gewesen: dann wäre sie ab diesem Zeitpunkt medial erpressbar gewesen.
Ich glaube: sie werden es weiter versuchen. Ich wünsche Frau Käßmann weiterhin die Klarsichtigkeit, Sorgfalt und Standfestigkeit, dass sie bei diesem aufgezwungenen Tanz mit dem Tiger nicht hinfällt. Die Medien werden versuchen, sie zur Göttin hochzuschreiben – um sie dann voll auf die Schnauze platschen zu lassen.
Im Moment ist Minister Guttenberg dran.
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Fußnoten:
- Also genau der Tatbestand, mit dem geldgeiler Voyeurismus zu medialer Zivilcourage hochstilisiert wird. [ ↩ ]



Hm, bei Guttenberg liegt die Sache m.E. anders. Wenn er tatsächlich in dem Ausmaß betrogen hat, wie es medial berichtet wird, ist er aus meiner Sicht in einem öffentlichen Amt nicht mehr tragbar, insbesondere nicht in der Regierung. Immerhin hat er wie jeder andere Doktorand >an Eides statt< versichert, dass er sich bei der Abfassung seiner Dissertation regulär verhalten hat.
Ist es schlechter politischer Stil, wenn ein Baron wegen eines Plagiat- Verdachts in die Schusslinie gerät? Das ist typisch für Deutschland, wie für den Westen, Import aus den USA. Das ist aus politischer Sicht überhaupt kein Stil. Politischen Stil hätte es, wenn er in die Schusslinie geraten würde, nicht weil er als deutscher Kriegsminister Krieg zwar endlich Krieg nennt, sondern weil er ihn aber gleichunwohl an maßgeblicher Stelle verantwortet. Er geriet auch in die Schusslinie, weil er mit seiner Frau den völkerrechtswidrigen Krieg in Afghanistan verschönert, nicht etwa weil er einen Krieg weiterführt, der mit widerlegten Behauptungen begründet wurde.
Die EKD Ratsvorsitzende Margot Käßmann dagegen gerät durch ihre Einschätzung »Nichts ist gut in Afghanistan« in die Schusslinie. Sie erhält den Europäischen Kulturpreis für Zivilcourage, aber nicht etwa für ihre Einschätzung zu Afghanistan, sondern für ihren Rücktritt nach einer betrunkenen Autofahrt. Deshalb lehnt sie den Preis ab. Das ist Zivilcourage und schlechter politischer Stil im Umgang mit Frau Käßmann.