Staatsgeld
Es wird in der zunehmend säkularen Gesellschaft immer wieder behauptet, die Kirchen sollten sich vom Staat unabhängig machen und keine Staatsgelder für Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und ihre sonstigen caritativen Einrichtungen mehr bekommen.
Das hat was für sich: Geld korrumpiert auch ganz schön. Nun habe ich heute zwei zufällige Artikel gesehen bzw. gehört, die einen da ganz schön ins Grübeln kommen lassen können.
Der erste war ein Link vom lawblog1) auf einen Anwalt in Nordeutschland, der sich – zur Not auch unentgeltlich – um Harzt-IV-Empfänger kümmert, deren Anträge falsch bearbeitet worden sind, deren Krankenkassen die Behandlungen nicht mehr zahlen wollen oder denen der Strom abgestellt werden soll2). Die Leute haben von staatlichen Stellen ohne Druck nichts mehr zu erwarten, manchmal haben sie einen jahrelangen Behördenmarathon hinter sich, bevor sie an einen Anwalt geraten, den sie bezahlen können oder der’s umsonst macht.
Der zweite war ein Beitrag im Deutschlandfunk, wo es um einen sogenannten “Mitternachtsbus” in Hamburg ging, der die Treffplätze von Obdachlosen anfährt und ihnen die Sachen, die sie in kalter Jahreszeit (oder auch sonst) brauchen, quasi “an die Platte” fährt. Es erfrieren sonst zu viele.
Das wären Aufgaben, die dem Staat zufielen – also der Institution, nach der immer alle rufen, wenn’s mal nicht mehr rundläuft. Die soll dann “Gerechtigkeit” walten lassen. Das Dumme ist nur: die Leute, für die die Kirchen die sozialen Anlaufstellen bilden, sind an der Gerechtigkeit des Staates längst gescheitert: es gibt sie, obwohl sie es laut Aussagen der Sozialministerin gar nicht geben darf. Und es gibt sie zu zigtausenden, es sind keine Einzelfälle.
Stellen wir uns einmal folgende absurde Situation vor: Ich wende mich ans Sozialamt und sage denen: Hallo, ich bin der Sowieso, ich würde gerne Ihren Klienten helfen. Ich möchte mich um die kümmern, die von Ihnen nicht die Hilfe erfahren, die sie laut Gesetz von Ihnen erfahren müßten. Was würde passieren? Dann gingen die Lichter aus, und die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiten ließen das Visier bis zum Sohnes3) runter. Denn sie sind ja der Meinung, dass sie allen so geholfen haben, wie es ihnen zusteht – obwohl Gerichte in 2/3 aller Streitfälle das Gegenteil feststellen. Kann sich hier jemand vorstellen, dass es mit Hilfe des Sozialamts eine Beratungsstelle für die Opfer des Sozialamts gibt? Ich kann es nicht.
Oder man stelle sich vor: Ich gehe zu irgendeiner staatlichen Stelle und schlage denen vor: Sagt mal Leute, da laufen so viele Obdachlose nachts in der Kälte rum. Könnt ihr mir nicht einen Bus sponsern? Ich such mir ein paar Leute und fahr die jede Nacht ab und schaue nach, ob die was brauchen. Auch diese Vorstellung ist völlig absurd: Es gibt keine Staats-Stelle, die man hier aufsuchen könnte. Und wenn es eine gäbe, dann würden die einem ganz sicher keinen Bus sponsern, damit man den Obdachlosen, die es laut Aussage der Bundes- und Landessozialministerinnen gar nicht geben kann, weil jeder ein verbrieftes Recht auf ein Dach überm Kopf hat, helfen könnte. Der Staat hat doch schon längst alles getan!
Ein Unterschied ist: ein Angestellter beim Staat tut das, wofür er bezahlt wird – und in keiner Stellenbeschreibung steht, dass man denen weiterhelfen soll, denen man schon geholfen hat. Ein anderer Unterschied ist: Solche Stellen würden, wenn überhaupt, nur “von oben” eingerichtet, man kann beim Staat keinen Antrag auf eine Initiative einreichen, weil das dann sofort immer für alle gelten muss, und das läßt sich nicht regeln. Bei der Institution Kirche ist das anders: da gibt es zwar ebenfalls administrative Stellen, die das Geld verteilen – aber sie geben es zu einem nicht geringfügigen Teil auch an Projekte, die überhaupt keine gesetzliche Grundlage haben können. Trotzdem kriegen die Leute was, trotzdem wird ihnen weitergeholfen.
Es muss sich jemand drum kümmern. Nicht schlecht, wenn es die Kirchen tun und einen Bus kaufen. Die Besatzung macht das dann unentgeltlich. Auch das wäre beim Staat völlig unmöglich. Wer danach schreit, den Kirchen das Staatsgeld wegzunehmen, der soll dafür sorgen, dass die caritative Arbeit der Kirchen vom Staat übernommen wird – oder schweigen.
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Fußnoten:
- lawblog-Linkliste, “Ein Anwalt hilft den Armen” [ ↩ ]
- Ob dieser Anwalt Untertützung von kirchlichen Stellen bekommt, weiß ich nicht. Das spielt in meiner Überlegung auch keine Rolle, denn es geht darum, dass immer wieder Menschen durch’s Raster fallen, denen irgendwer helfen muss. [ ↩ ]
- Der “Sohnes” ist für den Trierer die Stelle am Leib, die beim Bekreuzigen mit den Worten “und des Sohnes” erreicht wird. In der Regel wird damit ein etwas zu tief geratener Ausschnitt bemängelt. [ ↩ ]



