Tabernakel
Die Tage hatte ich ein langes Telefonat mit meinem Vetter Johannes aus Berlin, Architekt seines Zeichens, hat gerade die katholische Pfarrkirche St. Jodokus in Bielefeld renoviert. Das Projekt kenne ich nur von den Bildern, die auf seiner webSite veröffentlicht sind: daher kann ich die Proportionen und genauen Tiefenwirkungen nur abschätzen – aber ich werde bei nächster Gelegenheit mal hinfahren und mir das ansehen.
Was ich besonders schön an der Realisierung finde: der Tabernakel mit dem Allerheiligsten findet nicht, wie es sonst aus von Vorsicht geleiteten Erwägungen heraus üblich ist, im umschlossenen Kirchenenraum Platz. Sondern er wurde bewußt aus der Kirche heraus in die Welt geschoben, indem man einen Durchbruch nach außen gemacht hat und eine von außen sehr deutlich wahrnehmbare “schützende Hülle” drum gebaut hat.
Für mich hat das eine geradezu befreiende Symbolik. Dazu fällt mir sofort die Bibelstelle aus 2 Moses 3,5 ein1):
“Der Herr sagte: Komm nicht näher heran! Leg deine Schuhe ab; denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.”
Das ist durchaus ein Grund, warum der Tabernakel eben nicht am Altar positioniert sein soll: da soll keiner – nichtmal die Priester in Ausübung ihres Amtes – acht- und gedankenlos dran vorbeilaufen und ihn einfach so für das Tagwerk vereinnahmen. Gott – und damit auch seine Repräsentation im Tabernakel – ist nicht von dieser Welt, und er braucht selbst in der Kirche, die von ihm erzählt und ihn verkündigt, einen besonderen Platz2).
Überzeugend deutlich wird an der architektonischen Lösung auch die Tatsache, dass sich die Kirche – zumindest die katholische – nicht nur dem Hier und Jetzt verpflichtet sieht, sondern auch das “et in saecula saeculorum” in den Blick nimmt: aus dem alten, gotischen Kirchenraum wächst etwas Neues heraus, das das Heilige in sich trägt, aber ohne das Alte, Überlieferte sinnlos wäre. So stellt die Architektur hier eine Wahrheit der katholischen Lehre überzeugend dar: Christus wirkt durch die Zeit hindurch, und in jeder Zeit ist er lebendig und schafft Neues.
Jetzt scheint es da aber ein Problem zu geben: diese “Ausuferung” des Allerheiligsten nach außen in die Welt fordert die Bielefelder Sprayer-Szene zum Taggen auf. Der schützende Raum mit seiner ungeschützten Außenwand wird wohl häufig zum Ziel dessen, was man gemeinhin als “Schmiererei” bezeichnen würde.
Irgendwie finde ich das gar nicht so schlecht: Da steckt eine Menge Zeichenhaftes drin, das einen gestandenen Katholiken durchaus nachdenklich werden lassen kann.
Der Tabernakelraum schiebt sich ja tatsächlich wie etwas Unerhörtes aus dem geschützten Kirchenraum in eine Welt, die sich schon lange nicht mehr darin einig ist, dass das Christentum eine Leitkultur darstellt. Das hat schon etwas sehr Freches und Provokantes; zurückhaltende Vornehmheit vermisst der gutmenschelnde Kritiker hier sicherlich ebenso schmerzlich wie öffentlich. Da geht eine Kirchengemeinde hin und behält es einfach nicht für sich, dieses Allerheiligste, sondern sie lässt es wieder zu, dass es sich ein Loch in die Mauern sprengt und nach außen Bahn bricht! Und siehe da, die Sprayer von Bielefeld wissen ganz genau, wo sie ihre Tags anbringen müssen, damit es auch am meisten weh tut: ich habe mir sagen lassen, dass die ebenso einladenden Kirchenwände bei weitem nicht so begehrt sind wie diese neue Tabernakelwand. Sensibel sind sie schon, diese Schmierfinken!
Ein Allerheiligstes, das sich aus seinem Tempel begibt, um sich verunzieren zu lassen? Haben wir das nicht schon mal als “O Haupt voll Blut und Wunden”3) in Bachs Matthäuspassion gehört? Ist nicht Christus obszön ans Kreuz genagelt worden, noch schnell vor Pessach, damit das schöne Fest nicht besudelt wird? Ist es nicht eine der drei Säulen der Kirche4), genau dahin zu gehen, wo es eben gar nicht mehr so schön ist, wo gelitten und ganz unfein gestorben wird? Sich das anzutun und mit zu leiden?
Gut: man könnte Einiges tun, um der Verunreinigung des Allerheiligsten durch Leute, die es nicht besser wissen, Einhalt zu gebieten:
- Man könnte ein Gitter drum bauen. Damit keiner an meinen Gott rankommt. Machen wir mit unseren Geldschränken ja auch, und auch mit unseren Gefangenen.
- Man könnte ein paar Pflanzen setzen, die das Allerheiligste mit gnädiger Langsamkeit dem verstörten Blick der Öffentlichkeit wieder nehmen. Das wäre die vornehme Tour, und das Allerheiligste ist in ein paar Jahren wieder zugewuchert. Diese Lösung wird gerne genommen, und Efeu ist der größte Feind des Taggers.
- Ein Glashaus kann man auch aufbauen. Das Allerheiligste vor Wind und Wetter schützen – und vor allem vor denen, die provozieren wollen. Mir ist nur unklar, wie man allen Ernstes begründen will, dass Gott sich von irgendeiner Institution vor Provokation schützen lassen möchte: ich glaube, das hat er so nie gesagt.
- Man kann die Außenfront mit Lotosfarbe bepinseln: der nächste Regen wäscht dann alles ab. Ich erinnere mich allerdings nicht an eine einzige Bibelstelle, in der nachgewiesen ist, dass Jesus irgendwas in der Art gesagt hat: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Wenn ich morgen aufstehe, bin ich wieder sauber, ihr aber seid immer noch dreckig wie die Ferkel. Im Gegenteil: nachdem ihm die Jünger ihm auf dem Berg Tabor eine klinisch reine Einraumwohnung bauen wollten, hat er gemeint: laßt das sein, Jungs, wir gehen wieder nach unten zu den Menschen. Und redet nicht so viel von dem, was ihr hier gesehen habt.
Ich weiß nicht, was die Pfarrei zu tun gedenkt. Aber dass diese Tabernakel das Potential hat, ein paar Grundgedanken christlicher Ethik sehr anstößig nach außen zu tragen, das scheint mir gewiß. Vielleicht könnte man eine Art Klagemauer draus machen? Oder selber fleißig was drauf sprayen, die Firmlinge zum Beispiel? Es als unpassend farbiges Zeugnis für Gottes unbequeme Gegenwart verstehen? Die Feinde dagegen toben lassen (Ps. 83, Apg. 4,25) und mit Gelassenheit abwarten, was passiert? Vielleicht kommt man mit dem einen oder anderen Feind sogar ins Gespräch – und siehe da, es ist gar keiner?
Wird spannend.
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Fußnoten:
- Die Geschichte mit dem Dornbusch, der brannte und doch nicht brannte [ ↩ ]
- Um es genau zu sagen: er hat da keinen Platz, er entzieht sich. Aber was soll man machen. [ ↩ ]
- Ganz genau steht es in der 2. Strophe des alten Paul-Gerhard-Lieds: “Du edles Angesichte, davor sonst schrickt und scheut das große Weltgewichte: Wie bist du so bespeit! Wie bist du so erbleichet! Wer hat dein Augenlicht, dem sonst kein Licht nicht gleichet, so schändlich zugericht’t?” [ ↩ ]
- Diakonie [ ↩ ]



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