BWV 019

Bach: Kantate BWV 19

Es erhub sich ein Streit

Lesung: Offb 12, 7-12

Evangelium: Mt 18, 1-11

Die Kantate „Es erhub sich ein Streit“ hat Bach zum Michaelisfest 1726 komponiert und uraufgeführt. Sie handelt vom Kampf und Sieg des höchsten der vier Erzengel (Michael, Raphael, Gabriel, Uriel) gegen den Satan, der immer wieder versucht, das Reich Gottes unter den Menschen zu verhindern, indem er die Herzen der Menschen vergiftet.

Michael (hebr. mi-ka-el, „wer ist wie Gott“ sollen die letzten Worte gewesen sein, die der Satan vor seinem Höllensturz gehört hat) ist der Engel, der „gegen alles kämpft, was Gott seinen Rang streitig macht“. In der Bibel tritt er an verschiedenen Stellen auf: zunächst weist er Adam und Eva aus dem Paradies – und ist seitdem Hüter des Paradiestores (im Gegensatz zu Petrus, der die Seelen am Himmelstor erwartet). Er besucht Abraham und offenbart ihm, dass Sara noch ein Kind erwarten wird, hindert ihn auch später daran, Isaak zu opfern (1 Mose 22, 11-18). Er ringt mit Jakob (1 Mose 32, 24-29) und setzt sich später in der Wolkensäule an das Ende des Zuges der Israeliten aus Ägypten (2 Mose 19-22). Auch in späteren Büchern des neuen Testaments taucht er auf: Bei Daniel im 12. Kapitel wird von ihm berichtet, dass er zur Endzeit auftreten wird, wo eine große Not über das Land kommen wird – Gottes Volk aber gerettet werden wird.

Die Vorstellung des Erzengel Michaels als „Drachentöter“ fußt auf Offb 12,7:

7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften,

8 aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel.

9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, / die Macht und die Herrschaft unseres Gottes / und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.

Wir kennen von Bach insgesamt drei Michaeli-Kantaten: BWV 130 („Herr Gott, dich loben alle wir“, zum 29.9.1724), BWV 19 („Es erhub sich ein Streit“ zum 29.9.1726) und BWV 149 („Man singet mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten“ zum 29.9.1728) – alles Leipziger Kantaten. Es gibt noch eine Chorfuge BWV 50 „Nun ist das Heil und die Kraft“ mit dem Text aus Offb 12,10 (s.o.), der Rest des Werks ist aber verloren gegangen und man weiß nicht, von wann es ist und zu welchem Anlaß es geschrieben wurde.

Der Text der Kantate ist eine Umdichtung eines Michaelis-Gedichts von Picander (Johann Heinrich Henrici). Wer den Text auf die Kantatenbedürfnisse umgearbeitet hat, ist ungewiß – vielleicht stammt sie von Bachs eigener Hand.

Der Schlußchoral (Satz 7) ist die 9. Strophe des Liedes „Freu dich sehr, du meine Seele“, Freiberg 1620)

1. Chor

Es erhub sich ein Streit.
Die rasende Schlange, der höllische Drache
Stürmt wider den Himmel mit wütender Rache.
Aber Michael bezwingt,
Und die Schar, die ihn umringt
Stürzt des Satans Grausamkeit.

Bach beginnt sein Werk mit einem sehr untypischen Chor-Einsatz, der – bis auf‘s Continuo – nicht vom Orchester eingeleitet wird: der Baß setzt gleich „in medias res“ mit einem streitbaren Fugenthema auf c ein, die anderen Stimmen rollen sich dann von unten her auf, bis der Sopran mit einem strahlenden hohen g das Eingreifen des Erzengels verdeutlicht. Auch die Besetzung mit Trompeten und Pauken weist darauf hin, dass Bach hier eindeutig ein musikalisches Schlachtengemälde vor Augen hatte: ein wildes, aber durchaus geordnetes harmonisches Getümmel im A-Teil des Chors zeigt es uns.

Im B-Teil (ab 1:27) treten die Instrumente mehr in den Hintergrund, dafür wird den Singstimmen umso mehr abverlangt: der Tenor auf „stürmt wider den Himmel mit wütender Rache“ läßt keinen Zweifel, um was für einen Kampf es sich dort handelt. Aber letztendlich hat die „rasende Schlange“ keine Chance: unaufhaltsam zieht sich die Melodieführung für den Drachen stetig nach unten.  Dann tritt Michael auf den Plan (ab 2:02): ein Trompetensignal leitet ihn ein, und dann singt der Chor ein homophones „Aber Michael bezwingt“. So sollen die Christen gegen den „alten, bösen Feind“ stehen, wie sie hier mit Michael gegen ihn stehen: Bach wendet diese musikalische Form des homophonen Chorgesangs mitten im Schlachtengetümmel immer wieder an, um zu zeigen, wie sich das Häuflein der Christen einmütig gegen den Feind stellt.

Aber unter diesem Einmütigkeitsgesang windet sich – im Continuo – der Drache weiter um die Füße des Bezwingers, und auch der homophone Gesang driftet im Kampfgeschehen wieder auseinander, wie bei „und die Schar, die ihn umringt“ zu hören ist.

Später dann wird der Satan in den Abgrund gestürzt: man hört es im Sopran (ab 2:40) an der ständig abfallenden, chromatischen Linie, und der Chor landet im Schlußton des  B-Teils unisono auf dem tiefen Grundton von e-moll.

Nach einem kurzen instrumentalen Nachspiel (er muß sich ja von e-moll wieder zurück nach C-Dur schrauben) läßt Bach dann den gesamten A-Teil nochmal wiederholen.

2. Rezitativ

Gottlob! der Drache liegt! Der unerschaffne Michael und seiner Engel Heer Hat ihn besiegt. Dort liegt er in der Finsternis mit Ketten angebunden, und seine Stätte wird nicht mehr im Himmelreich gefunden. Wir stehen sicher und gewiss, und wenn uns gleich sein Brüllen schrecket, so wird doch unser Leib und Seel mit Engeln zugedecket.

Nun wird rezitativisch dargelegt, dass der alte Streit des Widersachers gegen Gott ein Ende gefunden hat und der Satan in der Hölle gebunden liegt. Er kann nun nicht wieder hervor, sondern ist auf ewig an das Reich der Finsternis gekettet.

Wider kommt das ur-protestantische Selbstverständnis zum Ausdruck (letzter Satz): Wir stehen hier als kleines Häuflein der Gerechten, aber Gott wird uns aus der Bedrängnis herausführen.

3. Arie

Gott schickt uns Mahanaim zu;
Wir stehen oder gehen,
So können wir in sichrer Ruh
Vor unsern Feinden stehen.
Es lagert sich, so nah als fern,
Um uns der Engel unsers Herrn
Mit Feuer, Roß und Wagen.

Zum Sinnbild des „Mahanahims“ (= zwei Heerlager) heißt es in Gen 32:

2 Auch Jakob zog seines Weges. Da begegneten ihm Engel Gottes.
3 Als Jakob sie erblickte, sagte er: Das ist das Heerlager Gottes. Dem Ort gab er darum den Namen Mahanajim (Doppellager).

(Jakob kam von seinem Schwiegervater Laban zurück, mit dem er einen Vertrag auf gegenseitige Achtung der jeweiligen Stämme geschlossen hatte)

Dieses Bild des „Heerlagers Gottes“ mag Bach zu dieser eher allegorischen Arie inspiriert haben: zwischen Gottes himmlischen Heerscharen kann sich der Mensch so sicher fühlen wie in einer allegorischen Schäferlandschaft – der barocken Vorstellung vom Paradies.

Die beiden konzertanten Oboen verstärken diesen Eindruck.

4. Rezitativ

Was ist der schnöde Mensch, das Erdenkind? Ein Wurm, ein armer Sünder. Schaut, wie ihn selbst der Herr so lieb gewinnt, dass er ihn nicht zu niedrig schätzet und ihm die Himmelskinder, der Seraphinen Heer, zu seiner Wacht und Gegenwehr, zu seinem Schutze setzet.

Das folgende kleine Rezitativ ist in der Begleitung interessant. Normalen „Secco“-Rezitativen (siehe Satz 2, Satz 6) genügen zum Continuo ein tiefes Melodie-Instrument (in der Regel das Cello, manchmal auch das Fagott) und ein Akkordinsrument (meist Cembalo oder Orgel, auch Laute).

Wir kennen jedoch z.B. aus Bachs Passionen Rezitative, in der das Akkord-Instrument durch einen „Streicherteppich“ ersetzt wird: das sind immer die Jesus-Worte. Mit dieser „tragenden“ Begleitung deutet Bach dort stets an, dass Jesus der „von Gott begleitete“, also niemals gottferne Mensch ist: Gott und Jesus sind immer ein und dasselbe.

Genau das hören wir hier auch wieder: der profane, „schnöde“ Mensch wird hier durch den unterlegten „Streicherteppich“ zum  „Gottbegleiteten“ geadelt: Gott ist sich nicht zu schade, für jeden einzelnen von uns sein gesamtes Himmelsheer in Bewegung zu setzen und uns vor dem „alten, bösen Feind, der‘s jetzt wirklich Ernst meint“ (Luther, „Ein feste Burg ist unser Gott“ Kantate BWV 80) zu schützen.

5. Arie (Choralbearbeitung)

Bleibt, ihr Engel, bleibt bei mir!
Führet mich auf beiden Seiten,
Dass mein Fuß nicht möge gleiten!
Aber lernt mich auch allhier
Euer großes Heilig singen
Und dem Höchsten Dank zu singen!

Dieses kleine Wunderwerk des Bach‘schen Kantatenschaffens faßt die gesamte Botschaft der Kantate zusammen: die Bitte der Christenheit, dass Gottes Engel sie stets „auf beiden Seiten“ der Gratwanderung, die das Leben darstellt, begleiten möge.

Bach wählt hier einen punktierten 6/8-Takt – der Grund dafür liegt in der Melodie, die die Trompete spielt: es handelt sich um die Choralmelodie von „Herzlich lieb hab ich dich, o Herr“ (EGB 397). In deren dritter Strophe heißt es:

Ach Herr, laß dein lieb Engelein, am letzten End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen,
den Leib in sei‘m Schlafkämmerlein gar sanft ohn ein‘ge Qual und Pein ruhn bis zum jüngsten Tage!
Als denn vom Tod erwecke mich, daß meine Augen sehen dich
in aller Freud o Gottes Sohn, mein Heiland und Genadenthron!

Herr Jesu Christ!

Erhöre mich, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!

Dieses Lied von Martin Schalling (1532-1608) ist recht bekannt: Bach hat es auch tröstlich an das Ende der Johannes-Passion gesetzt. Es brauchte also nur der Melodie, damit die Zuhörer den Text vor Augen hatten, und so kann der Tenor einen völlig anderen Text singen, der sich mit dem nur melodiös angedeuteten auf geheimnisvolle Weise verknüpft:

  • „Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir“ heißt es gegen das „Ach Herr laß dein lieb Engelein“,
  • „Und dem Höchsten Dank zu singen“ hört man gegen „Ich will dich preisen ewiglich“.

So ist denn unser Leben hier auf der Erde textlich wie musikalisch wie geistlich stets mit dem Himmel verknüpft und von Gottes Geist durchwirkt.

Albert Schweitzer nannte diesen punktierten 6/8-Takt den „Engelsrhythmus“: so möchte man am Lebensende von den Engeln in den Himmel getragen werden, um in aller Freude Gott zu schauen. Die gleiche Vorstellung finden wir übrigens im Schlußchoral der Kantate 105 (Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht): in der Zeile, die vom Eingang in das ewige Leben spricht, wechselt die Streicherbegleitung in den punktierten 6/8-Takt.

6. Rezitativ

Laßt uns das Angesicht der frommen Engel lieben und sie mit unsern Sünden nicht vertreiben oder auch betrüben. So sein sie, wenn der Herr gebeut, der Welt Valet zu sagen, zu unsrer Seligkeit auch unser Himmelswagen.

Das kleine Alt-Rezitativ eint die versammelte Gemeinde in dem Wunsch, die Engel nicht durch sündiges Verhalten zu vertreiben oder auch nur zu betrüben. Sie sollen einen später – im Tode – zu Gott geleiten, wie es dann ja auch im Schlußchoral heißt:

7. Choral

Laß dein‘ Engel mit mir fahren
Auf Elias Wagen rot
Und mein Seele wohl bewahren,
Wie Lazrum nach seinem Tod.
Laß sie ruhn in deinem Schoß,
Erfüll sie mit Freud und Trost,
Bis der Leib kommt aus der Erde
Und mit ihr vereinigt werde.

Der Text ist die 9. Strophe von „Freu dich sehr, o meine Seele“, bei Christoph Demantius, Freiberg 1620. Die Melodie ist von Loys Bourgeois, 1551 („Wie nach einer Wasserquelle“) [EGB 524].

Über den Dreivierteltakt dieses grandiosen Schlußchorals wundert man sich schon nicht mehr: die Heimkehr der Seele nach gewonnener Schlacht ist weder eine beschwerliche Reise noch ein Triumphzug, sondern ein freudiger Tanz. Dieser Tanz wird sich dann mit den Engeln gemeinsam um Gottes Thron in Ewigkeit fortsetzen: deswegen sind sehr viele „Sanctus“-Vertonungen im Dreivierteltakt geschrieben.

Und so sind auch die Instrumente der Pracht und Freude mit dabei: Pauken und Trompeten.