Archive for the 'Musik' Category

Kultur

Ich habe – nebenberuflich – immer wieder dahingehend zu argumentieren, dass man ein schönes, aussagefähiges Kirchenlied nicht durch irgendein “Laudato si”-Gebrüll1) aus dem Kindergarten ersetzen kann. Dieser Tage fand ich einen Gedanken von Albert Schweitzer zu dem Thema:

Kultur fällt uns nicht wie eine reife Frucht in den Schoß. Der Baum muss gewissenhaft gepflegt werden, wenn er Frucht tragen soll.

Die meisten Leute sind halt ein wenig kulturresistent, weil man eine oder mehrere Schichten tief schürfen muss, um dazu was Tragfähiges sagen zu können.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

hat Karl Valentin diesen Konflikt auf den Punkt gebracht, der von vielen nicht richtig verstanden oder als solcher überhaupt wahrgenommen wird. Wenn Du – zum Beispiel als Organist – an 4 aufeinanderfolgenden Takten eines Orgelwerks 18 Stunden lang übst, die dann bei der Aufführung nach 4 Sekunden vorbei sind, du das ganze Stück aber nicht spielen kannst, wenn Du diese 4 Sekunden nicht beherrschst: dann weißt du, was Kunst ist, weil Du es wissen wolltest.

Einer, der es nicht wissen will, der wird es nie lernen.


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Fußnoten:
  1. Oder auch gegen sinn- und poesiefreie Texte à la “Wie der Strahl der Nebelleuchte durch die Sichtwand bricht” [ ]

Karfreitags-Hymnus

Wer noch einen schönen Hymnus für den Karfreitagsgottesdienst sucht, der sollte sich vielleicht mal “Heilig Kreuz, du Baum der Treue” anschauen. Weil ich die Melodie nicht finden konnte, habe ich sie mir vorsingen lassen und aufgeschrieben.

Bei uns wird die Karfreitagsliturgie dieses Jahr von der Frauenschola gestaltet: wenn die das zur Kreuzverehrung singen, wird das bestimmt sehr schön. Den Text findet ihr weiter unten, einen Download der PDF-Datei ebenfalls.

1. Heilig Kreuz, du Baum der Treue,
edler Baum, dem keiner gleich,
keiner so an Laub und Blüte,
keiner so an Früchten reich:
Süßes Holz, o süße Nägel,
welche süße Last an euch.

2. Beuge, hoher Baum, die Zweige,
werde weich an Stamm und Ast,
denn dein hartes Holz muss tragen
eine königliche Last,
gib den Gliedern deines Schöpfers
an dem Stamme linde Rast.

3. Du allein warst wert, zu tragen
aller Sünden Lösegeld,
du, die Planke, die uns rettet
aus dem Schiffbruch dieser Welt.
Du, gesalbt vom Blut des Lammes,
Pfosten, der den Tod abhält.

4. Lob und Ruhm sei ohne Ende
Gott, dem höchsten Herrn, geweiht.
Preis dem Vater und dem Sohne
und dem Geist der Heiligkeit.
Einen Gott in drei Personen
lobe alle Welt und Zeit. – Amen.

Kirchenmusik

Heute abend war Kirchenmusikerkonferenz hier am Ort, die mit folgenden Gedanken eingeleitet wurde:

Musik ist eine Himmelsgabe…

…weil sie etwas kann, was die Welt reich und die Seele weit macht: Musik kann berühren und aufrichten, klagen, lachen, weinen und loben. Für alle Höhen und Tiefen des Menschen gibt es einen Klang, eine Melodie aus dem universellen Reich der Musik.

So erfüllt die Musik wie kaum ein anderes Tun der Kirche den tröstenden Ruf an alle Mühseligen und Beladenen, denn sie kann Wunden heilen, Stricke des Herzens und Fesseln des Geistes lösen. Sie kann dies auch dort, wo die Sprache des Glaubens und das Wort vom Kreuz auf taube Ohren stoßen. Wie oft kommen Menschen nach Hektik und Alltag, Anstrengung und Angst in Kirchen, hören Klänge und Konzerte und spüren: Die Ohren zum Himmel sind offen und die religiöse Musikalität der Seele ist wieder befreit.

Die Kunst, die die Kirche hervorgebracht hat, ist neben den Heiligen, die in ihr gewachsen sind, die einzige wirkliche Verteidigung, die sie für ihre Geschichte vorzubringen hat.1)

Die Herrlichkeit, die durch sie entstanden ist, verbürgt den Herrn, nicht all die gescheiten Ausflüchte, die die Theologie für das Schreckliche findet, an dem die Geschichte leider auch so reich ist. Wenn die Kirche die Welt verwandeln, verbessern soll, wie kann sie das tun, und dabei zugleich auf die Schönheit verzichten, die mit der Liebe eng zusammengehört und mit ihr die größtmögliche Annäherung an die Auferstehungswelt ist?

Die Kirche muss anspruchsvoll bleiben, sie muss eine Heimstatt des Schönen sein. Nur so bezeugt sie das Abgründige des österlichen Glaubens, dass die Dunkelheit des Todes die Rückseite von blendendem Licht ist.

Peter Hofer


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Fußnoten:
  1. Joseph Ratzinger, zur “Theologie der Kirchenmusik” [ ]

Fünfte

Diese Jungs hier waren wirklich gut …

Gestern hatte ich eine Stunde Zeit in München: Neuhauser Straße vom Stachus bis zum AppleStore hinunter gelaufen. Dabei ein paar ganz gute Straßenmusiker mitbekommen – eine tapfere Mädchen-Band spielte virtuos, aber brav Werke von Vivaldi (na was wohl?), Pachelbel (na, was wohl?) und Astor Piazzolla, dem argentinischen Tango-Nuevo-König.

Ein paar hundert Meter weiter kamen dann diese fünf1) Herren zur Sache – und die konnten es wirklich. Ich hörte die Badinerie von JSB, gespielt auf Melodika, teilweise mit Unisono-Geige, dazu aberwitzige Jazz-Akkorde und -Improvisationen auf dem Klavier. Und Auch Beethovens 5., erster Satz, hatten sie so verhackstückt, dass man immer wieder in irgendwelche harmonische Irrgärten entführt wurde und sich nur am immer wieder reinhämmernden Kopfmotiv (tatatataaa) reorientieren konnte. Einfach nur gut.

Die Band war die “Munich Groove Connection” – und den Groove haben sie drauf. Besonders der am Klavier. Hörprobe auf deren webSite - da klingt’s allerdings etwas brav, was gestern in der Fußgängerzone nicht der Fall war.


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Fußnoten:
  1. von denen man hier nur 4 sieht, vom 5. gibt’s nur ganz rechts am Rand den Fuß, denn er sitzt auf seiner Cajon [ ]

Bergfest

Jetzt habe ich auch Ferien: heute war die Orgel-Zwischenprüfung (und ich hoffe, ich habe sie geschafft) für die Kandidaten des C-Kurses der Erzdiözese Bamberg. Das Ergebnis gibt’s dann später per eMail.

Man mußte 3 verschiedene Stücke spielen, von denen ich mir ausgesucht hatte:

  • Bach, Präludium und Fuge C-Dur aus “8 kleine Präludien und Fugen”
  • Josef Rheinberger, Trio Nr. 3 a-moll op. 49
  • GL 295 “Wer nur den lieben Gott läßt walten” + selbsterdachtes Vorspiel

Dann war noch ein Vom-Blatt-Satz aus dem Orgelbuch zum Gotteslob zu spielen: na ja, GL 703 kannte ich gar nicht. Das ist nicht einfach, mitsingen hätte man nicht können.Aber jetzt ist es geschafft.

In ungefähr einem Jahr werde ich viel mehr schwitzen: da ist dann Abschlussprüfung.

Orgelsonntag

Gestern habe ich an meinem Geburtstag glatte 8 Stunden in Kirchen verbracht, wie ich kurz nachgerechnet habe: morgens 2 Gottesdienste in Nürnberg St. Maximilian Kolbe gespielt, abends Teilnahme an meinem allerersten Orgelkonzert in Nürnberg St. Anton. Das war sozusagen der Abschluss (ein paar Prüfungen kommen noch) meines ersten Lehrjahres im C-Kurs für Kirchenmusiker des Erzbistums Bamberg.

Wie alle anderen Teilnehmer dieses Konzerts hatte ich natürlich das große Flattern, aber das habe ich auch vor den Gottesdiensten, die zu spielen sind. Als ich dann vor der Orgel saß, gelang es mir, die Konzentration zu halten und die beiden Stücke – wenn auch mit kleinen Ungenauigkeiten, ok – abzuliefern. Danach krachte es gewaltig: das war der Stein, der mir vom Herzen fiel.

Ein peinlicher Moment blieb mir natürlich nicht erspart: das Plakat war mit “Junge Organisten stellen sich vor (+ politisch korrekter Appendix)”. An meinem 55. Geburtstag noch mit “junger Organist” bezeichnet zu werden ehrt mich, bezieht sich allein auf die Tatsache, dass mein Organistenleben erst 1 Jahr dauert.

Einen ganz großen Dank möchte ich dem Nürnberger Regionalkantor Frank Dillmann ausprechen, der die ganze Ausbildung organisiert und betreut: er brachte uns Kirschen in die Kirche und eine ordentliche Portion Nervennahrung in Form von Schokolade. Stundenlang hat er mit uns die Orgel einregistriert und dafür seinen Sonntag geopfert – selbstverständlich ist das nicht. Besser kann man das nicht machen, glaube ich.

Ehrung

Gestern bin ich vom Vorstand des “Förderkreis für geistliche Musik in Gröbenzell” zum Ehrenmitglied ernannt worden. Das ehrt mich sehr, und anläßlich der Verleihung der Urkunde und einer Flasche Spätburgunder habe ich mich wieder einmal in der alten Heimat Gröbenzell eingefunden.

Ich war eine oder zwei Wahlperioden Vorsitzender dieses Vereins, dessen Hauptaufgabe es ist, Spendengelder zur Finanzierung von Kirchenmusik einzusammeln. Den Anlass zur Gründung des Vereins ergab eine radikale Streichung von Haushaltsmitteln der katholischen Kirche: es war einfach kein Geld mehr da, vor allem für kleinere Pfarreien mit relativ wenig Publikum, aber dennoch hohem Anspruch. Das hätte bedeutet, dass festliche Gottesdienste mit Orchester, Bläsern etc. nicht mehr stattfinden konnten: ein solcher Gottesdienst kostet immer wieder ein paar hundert, manchmal auch tausend Euro, weil Solisten und Instrumentalisten nicht allein soli deo gloria1) singen und spielen.

Unter meiner Ägide sind zwei wichtige Neuerungen in der Satzung neu verankert worden: erstens, dass aus einem einfachen, der Aufsicht der Kirche unterstehenden Verein ein beim Amtsgericht eingetragener Verein (e.V.) gemacht wurde, der sich nicht mehr in die finanziellen Karten schauen lassen mußte. Denn das erzbischöfliche Ordinariat in München hat das Recht, den Vereinen, die der Kirchenstiftung zuzuordnen sind2), in die Rechnungsbücher zu schauen: das bedeutet, dass bei etwaig vorhandenem Vermögen erst mal dieses angegriffen werden muss – und erst im Nachhinein schießt die Erzdiözese wieder zu. Das hätte dazu führen können, dass vor allem das Vermögen des Vereins zur Finanzierung der gesamten Kirchenmusik herangezogen worden wäre – und dann wären wir wieder da gewesen, wo wir vor der Gründung des Vereins schon mal waren: kein Geld mehr für’s Besondere.

Und zweitens, dass die evangelische Zachäus-Gemeinde von Gröbenzell mit ins Boot geholt wurde. In Gröbenzell bestand eine außerordentlich gute und fruchtbare Zusammenarbeit der evangelischen und katholischen Pfarreien, und speziell auf musikalischer Ebene war die Fluktuation sehr groß: Katholiken sangen und spielten bei den Protestanten mit und umgekehrt. Ich wollte auch gerne hin und wieder mal eine Bach-Kantate hören bzw. aufführen, und das ging am besten da, wo sie hingehört: nach der Predigt eines evangelischen Pastors in eine evangelische Kirche. Außerdem hat ein größer gezogener Verein einfach auch mehr Aussicht auf fördernde Mitglieder.

Es war eine schöne Zeit in Gröbenzell, und auf musikalischer Ebene ging sehr viel3). Denn die Kirchenmusik steht zum christlichen Glauben wie die Haustür zum Haus: sie ist nicht der Glaube selber, aber sie empfängt die Menschen an der Schwelle in der Art, in der der Hausherr seinen Gästen seine Wertschätzung vermitteln möchte. Sie öffnet die Tür zum Herzen und ermöglicht, dass die Verkündigung des Evangeliums auch dort ankommt. Wer hingegen die Kirchenmusik verkümmern läßt, der läßt auch eine der vielen möglichen Türen zum Glauben verrotten – und muß sich nicht wundern, wenn die Diebe und Räuber4) dann leichtes Spiel haben.


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Fußnoten:
  1. Gott allein zur Ehre, also hier auf Erden für lau. [ ]
  2. damit sind Gruppierungen und Vereine gemeint, die aus der Mitte der Pfarrgemeinde mit enger Bindung an die Kirche entstanden sind. [ ]
  3. mit ein Grund, warum ich mich im Herbst letzten Jahres entschlossen habe, selber Kirchenmusiker zu werden und den C-Kurs der Erzdiözese Bamberg zu besuchen [ ]
  4. Darunter verstehe ich insbesondere das Absingen von doofen Liedern mit doofen Texten im Gottesdienst, “weil die Leute das gerne hätten”. Sie könnten auch was Vernünftiges gerne haben, wenn man sich die Mühe machte, es ihnen näherzubringen. Ok, ich gebe zu: das ist viel Arbeit und dauert lange. [ ]

Schiff ohne Kirche

Gestern zur Matinée in Neumarkt/Oberpfalz. Da fährt man auf der Autobahn hin, die mich über den Jahreswechsel 2010/2011 für einen Monat den Führerschein gekostet hat: nichts los am Wochenende, bleibt viel Zeit zum Blitzen und eine entsprechende Ausbeute. Ein Monat ohne Lappen ging schnell vorüber, jetzt habe ich ihn ja wieder.

András Schiff spielte Bachs Wohltemperiertes Klavier II, von C-Dur bis h-moll einmal durch, je 24 Präludien und Fugen. Ohne Noten, er spielt das so, wie Märchenerzähler Märchen erzählen: drei Stunden am Stück. Überhaupt keine aufgeregte Pose, keine Show, die Hände bewegen sich nie maniriert über die Tasten, alles an dem Mann bleibt ruhig, er sitzt vor dem Flügel in einer konzentrierten Heiterkeit, die es dem Zuhörer gestattet, sich von der Musik forttragen zu lassen, ohne dass der Interpret einen ständig wieder zurückholt. Man hört Bach, Bach, Bach – immer neue Ideen, nie wird es langatmig, nie bleibt eine Idee unfertig ausgearbeitet – und dazu schön und weich interpretiert von diesem begnadeten Pianisten.

Eigentlich gehört der Sonntag vormittag ja dem Gemeinde-Gottesdienst, es sollte einem nicht so leicht gemacht werden, dem etwas vorzuziehen. Deswegen hätte ich persönlich es lieber, wenn solche Konzertevents auf den Nachmittag oder in den Abend hinein verlegt würden. Real aber leben in einer säkularen Welt: man würde wahrscheinlich recht verständnislose Kommentare ernten, wenn man eine Verlegung aus diesem einen Grunde beantragte. Ist halt eine andere Gemeinde, die der Matinée-Besucher.

iPad I

Ich habe mir natürlich auch ein iPad gekauft. Man fragt mich seitdem, was ich denn damit wolle: es könne ja eigentlich gar nichts.

Ja, das stimmt, es kann nichts, was man so gewohnt ist. Ich entdecke aber ständig neue Anwendungsmöglichkeiten. Irgendwie kann man das auch immer alles mit einem Laptop oder dem iPhone machen. Aber man kann auch mit dem Schraubenzieher einen Nagel in die Wand hauen – das Werkzeug ist dafür aber eher suboptimal.

Heute habe ich was Neues ausprobiert: Wenn man Gottesdienste an der Orgel spielt, blättert man sich u.U. einen Wolf. Warum nicht die Noten auf dem iPad via PDF anzeigen? Rechtefreie Noten gibt’s zu Hauf, und das iPad ist groß genug.

Ich hab’s ausprobiert: es funktioniert1). Statt einer Tasche mit dicken Notenbüchern hab ich jetzt nur das iPad und den Orgelschlüssel dabei. Schick.

Aber ich glaube, dass ich im Gottesdienst doch lieber drauf verzichte: sieht einfach angeberisch aus, so ein iPad auf der Orgel. Ich werd’s nur zum Üben benutzen.


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Fußnoten:
  1. ScreenShot: Mariä Himmelfahrt wirft seine Schatten voraus. Nur der Druckfehler … [ ]

Poesia cromatica

Letzte Woche Konzert in Gomaringen (bei Tübingen) und im ehemaligen Zisterzienser-Kloster Bebenhausen: mit dem Südwestdeutschen Kammerchor sangen wir a-capella-Werke von Michelangelo Rossi, Carlo Gesualdo und Morten Lauridsen. Das Gomaringer Konzert fand im Innenhof des Schlosses statt: Freiluft-Singen ist immer eine besondere Herausforderung, weil keine Raumakustik den Chorklang unterstützen kann. Und dann war das Konzert um 18 Uhr, wo die Sonne noch hoch stand und einem die Schweißperlen auf’s Gesicht trieb. Ins Konzert eingestreut gab es Gedicht-Lesungen, die die Aufführung interessant und vielseitig machten: anderthalb Stunden frühbarocker Liebesschmerz wäre sonst doch ein wenig ermüdend. Highlights waren sicherlich die Vertonungen italienischer Madrigale durch den amerikanischen Komponisten1) Morten Lauridsen (*1943): der beherrscht sein Métier und weiß, wie man Chorklang zur Geltung bringt.

Trotz WM-Fußballspiel hatten sich eine Menge Zuschauer im Schloß eingefunden. Konzerte dieser Art haben zunehmend gegen die übermächtige Konkurrenz des Fernsehns zu kämpfen: die Leute sind anscheinend übersättigt von “Leichter Kost” – was Vernünftiges geht nicht mehr rein2). Eine bestimmte Schicht erreicht man sowieso nicht, aber auch das bis dato kulturbeflissenenere Bildungsbürgertum schwächelt langsam. Auf der diesjährigen Konzertreise nach Durham/England zeigte sich ebenfalls kein anderer Trend: Publikum und Chor hielten sich zahlenmäßig die Waage.

Nur bei den groß aufgemachten Orchesterkonzerten gelingt es noch, die Säle einigermaßen zu füllen: ein fetter Messias zieht halt noch. Solche Konzerte sind für den veranstaltenden Chor jedoch immer Verlustgeschäfte: die Kosten für’s Orchester und die Solisten holt man mit den Eintrittsgeldern nie herein. Deswegen sind solche a capella-Konzerte für die Chöre wichtig: sie bringen das Geld für die großen Publikumsmagnete. Leider engt sich auch hier das Spektrum Jahr für Jahr ein: Weihnachtsoratorium, h-Moll-Messe, Messias kriegt man voll. Alles andere wird mehr und mehr zur Zitterpartie, ob denn auch genug Leute kommen.

Es geht sowieso nur, weil die Chormitglieder kein Geld bekommen. Es gibt mal einen Reisekostenzuschuß, aber Noten etc. werden in der Regel selber bezahlt. Egal – macht Spaß.


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Fußnoten:
  1. Die sind gut, die Amerikaner. John Withacre zum Beispiel ist ein genialer Chor-Komponist. [ ]
  2. Das Fernsehen liefert eine Art Babybrei, wozu man keine intellektuellen Zähne mehr braucht. [ ]

Resurrexi

Die Osternacht 2010 hat der Bayerische Rundfunk mit uns zusammen in der Lorenzkirche in Nürnberg gefeiert – wenn man in Anwesenheit des Fernsehens überhaupt von Feiern sprechen kann. Die übernehmen vollständig jegliche Regie, streichen, fügen hinzu und unterwerfen die Auferstehungsfeier dem Takt der Sekunden. Die “Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Hörfunk und Fernsehn beim Bayerischen Rundfunk”, Frau Melitta Müller-Hansen, bat vor Beginn der Übertragung der Osternacht die Anwesenden um Verständnis für die “Gäste” – damit meinte sie die 5 Kameras nebst Personal. Das stimmt so nicht: wo Fernsehn ist, da sind die Anwesenden die Gäste, nicht umgekehrt. Gäste erkennt man daran, dass sie sich an die Regeln des Gastgebers halten müssen – an die Regeln von St. Lorenz hält sich kein Fernsehteam der Welt.

Normalerweise dauert eine Lorenzer Osternacht so zwischen drei und vier Stunden. Das Fernsehen hat die Sache auf 90 Minuten zusammengestrichen – da gibt es selbstverständlich kein Wieso und Warum. Entschuldigt wird das mit der imaginären Öffentlichkeit, die “am Bildschirm mitfeiern” möchte: die Alten und Kranken. Dagegen kann man nicht argumentieren, das wissen die längst.

Aber ab und zu – vielleicht alle 25 Jahre einmal – kann eine Gemeinde dieses Zugeständnis machen und den wichtigsten Gottesdienst des Kirchenjahres dem Mammon opfern: vielleicht gibt es ja wirklich Alte und Kranke, für die sich dieser durch und durch technokratische und Aufwand lohnt.

Resurrexi, et adhuc tecum sum allelúia: posuísti super me manum tuam, allelúia: mirábilis facta est sciéntia tua, allelúia, allelúia. — Dómine, probásti me, et cognovísti me: tu cognovísti sessiónem meam.1)

Das Video ist ein Ausschnitt aus der Übertragung und zeigt unser “Resurrexi”2) von Leonhard Lechner (1553-1606), das das Vocalensemble von St. Lorenz in Nürnberg unter Leitung von Matthias Ank gesungen hat. Unterdessen wurden die während der Passionszeit geschlossenen Flügel der Seitenaltäre wieder aufgeklappt, so dass die kostbar mit Blattgold belegten gotischen Schnitzereien wieder sichtbar wurden.

Übrigens: im (akustischen) Hintergrund schreit eines der beiden Babies, die später noch getauft wurden. Sie hatten noch eine lange Predigt und eine noch längere Taufzeremonie vor sich, bei der auch sie alles gaben, was ihre Stimmchen zu bieten hatten.


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Fußnoten:
  1. Ich bin auferstanden und immer bei dir. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen. Halleluja — Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Wo immer ich bin: du weißt von mir. [ ]
  2. Ich bin auferstanden. Hier ist das gregorianische Original mit Noten, gesungen von der Schola Gregoriana, Mailand [Start ab ca. 0:44] [ ]

Licht

Ich singe ja viele Konzerte: im Laufe der Jahre wird das zur Routine. Man probt, tritt auf und wieder ab. Aber es gibt auch immer wieder besondere Konzerte, die außerhalb der Professionalität noch zusätzlich irgend etwas haben.

Der vergangenen Sonntag in Reutlingen war wieder so ein Fall: wir sangen mit dem Südwestdeutschen Kammerchor Tübingen ein Programm zum “Pater Noster”. Alles sehr schön – wenn da nicht in der Mitte noch “Jesu meine Freude” (BWV 227) von Johann Sebastian Bach gewesen wäre. Das ist nicht einfach schön, das ist von einer anderen Welt.

Ich beschäftige mich ja jetzt seit einigen Jahrzehnten mit Bach: verstanden, was er macht und will, habe ich längst. Ich habe viele Vorträge über seine Kantaten gehalten (unter anderem auch über “Jesu meine Freude“), ich kenne seine musikalische Formensprache, aus der er nie ausbricht – weil er aus ihr nicht ausbrechen muß, denn innerhalb dieser barocken Grenzen ist ihm immer wieder was Neues eingefallen1). Er hat sich – im Gegensatz zu seinem genialen Zeitgenossen Händel zum Beispiel – nie wiederholt2): verschiedene Sujets haben ihm immer wieder neue musikalische Architekturen entlockt, und die Komplexität seiner Tonsprache ist nie an die Grenzen gestoßen, die schon zu seinen Lebzeiten von der Klassik niedergerissen wurden: Bach ist Bach, man kann ihn nicht einordnen, er bleibt ein Monolith. Aber man frage mich nicht, wie er das macht: ich weiß es nicht und ich finde es auch nicht heraus. Vielleicht kann man davon eines lernen: im Einzelfall kann man noch so viele Tricks und Kunstgriffe aufdecken: alles ganz klar und logisch, würd’ ich auch so machen, wenn ich’s könnte. Wie und warum es aber die Seele berührt und ergreift: das ist nicht zu beschreiben und bleibt unerklärlich. Er konnte es einfach, das muss man so stehen lassen.

Meine Wahrnehmung für die Nuancen in seiner Musik verschärft sich selbstverständlich im Laufe der Jahre – und vieles, was andere so oder so interpretieren, würde ich nicht machen. Bach transportiert durch seine Musik ein vollkommen unerschütterbares Vertrauen in Gottes Heilsplan – und nicht nur das, sondern er erklärt auch immer, warum das so ist. Was auch immer Gottes Plan vorsieht: er wird gut ausgehen, und wir müssen keine Angst haben. Viele, die sich vielleicht mit der Theologie von Bach’s geistlichem Werk nicht so auseinandergesetzt haben, sondern ihm als dem bedeutendsten Vertreter musikalischen Schaffens ein konzertantes Denkmal setzen wollen, gehen halt mit den Worten: wo’s im Text kracht und blitzt3), lassen wir’s halt krachen und blitzen.

Nicht so Rolf Maier-Karius und der Südwestdeutsche Kammerchor: nicht auf den Satan, nicht auf die Stürme, nicht darauf, dass es kracht und blitzt – wo wir Angst haben müssen also – kommt es an, sondern auf das Vertrauen in Gott. Der wichtigste Punkt ist: Jesus will mich decken, das andere sind nur Beschreibungen. So hat Maier-Karius es interpretiert, und so verstehe ich Bach.

Was mich besonders gefreut hat ist, dass der Rezensentin Susanne Eckstein von der Südwest-Presse diese Interpretation aufgefallen ist: Chapeau.


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Fußnoten:
  1. Da erinnert er mich an einen Mönch: warum soll der aus seiner Zelle? Er hat sein äußeres Leben freiwillig auf das streng reglementierte Klosterleben beschränkt, damit er seiner inneren Entfaltung keine Grenzen setzen muss … [ ]
  2. Doch, doch: es gibt ein paar Eigen- wie Fremdplagiate, aber sie machen nie einen aufgewärmten Eindruck: in den neuen Zusammenhang passen sie hinein. Das kann ich von Händel nicht so sagen: da kommt einem manches zu bekannt vor. [ ]
  3. Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
    Laß den Satan wittern, laß den Feind erbittern, mir steht Jesus bei.
    Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken: Jesus will mich decken. [ ]

Hans Sachs im Gehäus’

Gestern abend waren wir in der Nürnberger Lorenz-Kirche zu einer exquisiten Veranstaltung: Hans Sachs (1494-1576) hat ein Zimmerchen in der Laurentiusorgel bezogen und kann auf Knopfdruck durch den Organisten den Prediger auf der Kanzel zur Ordnung rufen1). Das tut er, indem er die Fenster öffnet und dann einige Sekunden lang zur Musik eines Zimbelsterns herausschaut.

Kantor Matthias Ank umrahmte das festliche Ereignis durch vielerlei Intonation des Chorals “Jesu meine Freude”: begonnen durch das Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach (1685-1750), dann eine gleichnamige Partita von Johann Gottfried Walther (1684-1648), die beide auf der barocken Laurentiusorgel gespielt wurden. Dann ging es mit einer weiteren Partita über “Jesu meine Freude” an die romantische Stephanusorgel: ein Werk von Johann Christian Heinrich Rinck, der von 1770-1846 lebte. Den Schluß des kleinen Konzerts über das Wochenlied zum heutigen Sonntag Laetare bildete der Symphonische Choral op 87.2 über “Jesu meine Freude” von Sigfrid Karg-Ehlert (1877-1933), der – na was soll’s – über alle drei Orgeln gleichzeitig verteilt erklang. Die große Hauptorgel im Westchor von St. Lorenz kann ordentlich für Schalldruck sorgen: man hat das Gefühl, dass die Wände wackeln, und Kantor Matthias Ank an den drei Orgeln2) weiß Kraft und Anmut sehr ausgewogen zur Geltung zu bringen: unvermutete Töne und gewaltige Akkorde wabern durch die gotische Halle und lassen sich dann von zarten Flötenschleiern ablösen.

Dann kam der große Augenblick: Matthias Ank sang der – leider etwas kleinen – versammelten Gemeinde die Silberweise3) von Hans Sachs vor, danach drückte er auf’s Knöpfchen: langsam öffneten sich im Bauch der Laurentiusorgel zwei kleine Fensterläden, und Hans Sachs schaute heraus. Dazu erklang der Cymbelstern. Nach einer Minute hatte er genug gesehen und zog sich wieder in den Orgelbauch zurück – das war’s.

Da erhebt sich nun die Frage: Was soll das denn? Was hat so eine Spielfigur für einen Sinn? Hätte man das Geld nicht besser für andere Dinge ausgegeben?

Ich finde: sowas muss sein. Wenn wir kein Geld mehr für Spiele haben, dann Gnade uns Gott: wir sind als Christen nicht nur zum Leiden und Arbeiten auf der Welt. Der Hang zum Spielen durchdringt unser ganzes Leben – nur in Diktaturen wie der ehemaligen DDR ist das Spielerische dem Pragmatismus geopfert worden, indem man Menschen einfach in “hingeschissene” Plattenbauten gesetzt hat und ihnen das Recht auf Zweckfreiheit und Schönheit in ihrer Umgebung schlichtweg abgesprochen hat. Wer für’s Spielen keine Mittel mehr herausrücken möchte, der verzweckt die Menschen und nimmt ihnen den Sinn in ihrem Leben: der Sinn ist nicht nur im Helfen, Arbeiten und Werken, sondern auch in dem, was “nur für mich” ist: das Spielen eben. Dafür muß ein beträchtlicher Teil der erwirtschafteten Ressourcen zur Verfügung stehen, sonst verlieren wir uns.

Der Hans Sachs in der Laurentiusorgel der Nürnberger Lorenzkirche ist nicht der einzige Orgelschrat auf der Welt: auch die wunderschöne Trierer Domorgel4), 1972 vom Bonner Orgelbauer Klais fertiggestellt, hat in ihrem Bauch einen Flötenpan. Der kann, wenn er aus seiner Klappe herausgelassen wird, sogar auf einer Panflöte spielen.


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Fußnoten:
  1. Der große Kantor Bach hatte dafür keinen Knopf zur Verfügung, sondern musste dazu stets Kantaten komponieren. Ich bin überzeugt davon, dass die musikalische Aussage dieser Musik manchmal im diametralen Gegensatz zu dem lag, was der Superintendent von der Kanzel herunterdonnerte [ ]
  2. Die drei Orgeln lassen sich der Einfachheit halber alle von einem Spieltisch aus spielen. Allerdings auf 5 Manualen, und die Noten stehen noch darüber, so daß die Nackenmuskulatur des Organisten stark in Anspruch genommen wird. [ ]
  3. “Ave, ich grüß dich schone” – eine protestantische Umdeutung des “Salve Regina”. [ ]
  4. Für mich ist die Trierer Domorgel die schönste Schwalbennesterorgel der Welt [ ]

Nokia-Fuge

Es gibt halt immer wieder Leute, die auf völlig abseitige Ideen kommen – und wenn man sich damit befaßt hat, dann denkt man: da hätte ich auch drauf kommen können. Aber man ist eben nicht drauf gekommen.

Der Kanadier Vincent Lo (von Beruf Grafik-Designer und Hobby-Komponist) hat sich wahrscheinlich über den beschissenen Nokia-Klingelton genauso aufgeregt wie ich – besonders wenn er von Bauarbeitern eingestellt ist und die das Handy auf Stentor-Lautstärke gedreht haben, kannst Du alles Weitere vergessen. Jedenfalls hat sich Vincent Lo mit Fugentechnik beschäftigt und den Nokia-Klingelton als Basis für eine Klavierfuge im Stil von Johann Sebastian Bach hergenommen – mit erstaunlichem Ergebnis.

Man kann das bei YouTube nachhören und -schauen. Oder gleich hier.

Novalis

Spruch-op158-29Ich bin gerade fertig geworden mit einer Erstellung einer Partitur zur Komposition op 158 von Heinrich J. Hartl1). Der Komponist ist blind und hat das ganze Werk auf Musik-Kassetten gesprochen: Stimme für Stimme, Takt für Takt. Ich habe zunächst die Kassetten auf den Mac digitalisiert, so dass man sich das in iTunes anhören kann. Dann habe ich das 17-stimmige Werk gesetzt. Es wird irgendwann Mitte 2010 in Nürnberg von Schülern des Labenwolf-Gymnasiums Nürnberg aufgeführt.

Macht Spaß, sowas. Diese ruhige, ungezwungene Art, eine Partitur zu setzen, gefällt mir. Vielleicht können wir noch öfter auf diese Weise zusammenarbeiten.


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Fußnoten:
  1. Hier ist ein Interview mit Heinrich J. Hartl in den Nürnberger Nachrichten vom 28.11.2009 [ ]

Mißbrauch

Ich war heute zum ersten mal in meiner neuen Pfarrei in St. Johannes, Oberasbach, im Gottesdienst. Leider hatte ich es mit diesem Einstiegstermin nicht sehr gut getroffen: es handelte sich um eine Eucharistiefeier “mit dem Jugendchor aus Ebensfeld”. Es hätte nicht schlimmer kommen können.

Dreimaliger Mißbrauch ist dieser “musikalischen” Gestaltung ohne langes Überlegen vorzuwerfen:

  1. Gewalt gegen liturgische Musik: Musik – speziell liturgische Musik – folgt bestimmten Regeln. Man kann nicht einfach eine verstimmte Gitarre falsche Akkorde spielen lassen und das ist dann toll. Auch die Ausrede, man habe sich immerhin bemüht, hilft hier nicht weiter: wer so unmusikalisch ist, dass er nicht hört, dass die Gitarre falsch gestimmt ist, sollte im Gottesdienst keine Musik machen dürfen. Wer überdies eine junge Gitarristin immer wieder an der gleichen Stelle völlig falsche Akkorde spielen läßt, der verdirbt das Kind unter Umständen für’s ganze Leben: das ist sträflicher musikalischer Mißbrauch.
  2. Gewalt gegen die Gemeinschaft der Gottesdienstbesucher: Kirchenbesuch hat was mit Gemeinschaft zu tun. Die Zuhörer müssen mitsingen können, und dazu brauchen sie eine einfühlsame Führung. Wenn man keinen Baß dabei hat – der Baß ist das Fundament jeglicher Musik -, dann kann man eben nicht spielen, dann muß man aufhören, absagen oder wieder nach Hause gehen. Ein paar piepsig gehauchte Klarinettentönchen, eine Kindergeige und eine falsch gespielte Altflöte reichen nicht aus.
  3. Gewalt gegen lärmempfindliche Ohren: die Oberasbacher Johannes-Kirche hat eine gute Akustik, man braucht keine Verstärkeranlage. Was diese Mitglieder des “Jugendchores” (das mittlere geschätzte Alter war so zwischen 30 und 40) an Watt-Power aufgebaut1) hatten, war völlig fehl am Platze. Der “Chor” und die Sängerin brüllten in einem Frequenzbereich von 1000-8000 Hz2) einfach alles nieder, was sich nicht wehrte – und auch die tapfere Gemeinde wehrte sich nach kurzer Zeit nicht mehr. Eine Verstärkeranlage gehört nicht notwendiger Weise in einen Kirchenraum: was man nicht mit der eigenen Stimme schafft, muß auch nicht weiter verstärkt werden. Ein Chor, in dem einige Mitglieder in ein Mikro singen, ist wie eine Erbsensuppe, in die man noch 6, 7 Eßlöffel Salz hineingibt: das Zeug wird trotz guter Zutaten vollkommen ungenießbar, das Salz dominiert und verdirbt alles. Eine gute Suppe ist die Kombination aller Zutaten in gleichwertiger Anordnung. Man muß an Stimmtechnik arbeiten, nicht an Elektrotechnik.

Muß man im Sonntagsgottesdienst alles zulassen, nur weil es den Bandmitgliedern Spaß macht? Oder weil die Mehrheit der im Antenne-Bayern-Dauerfeuer gehärteten Gottesdienstbesucher das für “eine frische und moderne Form” hält?

Nein, das muß man nicht. Gottesdienst (zumindest gilt das für den katholischen Teil der Bevölkerung) ist ein Gemeinschaftsereignis, das Ruhe und Frieden in den Wochenbeginn bringen kann und will. Es besteht überhaupt keine Verpflichtung zur Bespaßung der Teilnehmer. Es gibt Menschen, die wollen Lärm und die finden das gut – daran ist nichts auszusetzen. Aber es gibt auch die anderen, die es lieber etwas ruhiger und hintergründiger angehen ließen. Kirche will eigentlich der Ruhe und der Sammlung Raum geben. Wer schlechte Musik haben will, kann das anschließend zu Hause tun, indem er das Radio einschaltet und den lautesten Sender sucht.


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Fußnoten:
  1. Mit Verlaub: was sollen eigentlich diese schwarzen, aufgeständerten und quirlig verkabelten Riesenboxen in einem Raum, den der Architekt für den liturgischen Gebrauch bestimmt hat? Und wieso müssen Kreuzwegstationen kurzfristig als Ständer für Audiorecorder herhalten? Ist hier denn eigentlich alles dem beliebigen Verbrauch durch die Bandmitglieder überlassen? [ ]
  2. Das menschliche Ohr hört so zwischen 50 und 18000 Hz. Bässe und Höhen waren einfach weggeregelt, aber dafür knisterte es laut. [ ]

Kirchenmusikerstelle

Manchmal gibt es wirklich extrem feinsinnige Blog-Postings. Hier möchte ich dem geneigten Leser als Sonntagsbeschäftigung mal das Nachlesen folgender Stellenanzeige “KirchenmusikerIn gesucht” empfehlen.

Auffallend

felsen_thumbnailGestern hörte ich im Radio ein Interview mit Harry Rowohlt, dem verschmitzten Übersetzer und Kolumnisten. Beiläufig erwähnte er, dass der den “New Yorker” abonniert habe, weil er viel Bahn fahre und das doch immer ein immenser Prestigegewinn sei, in der Bahn zu sitzen und bedeutungsvoll mit den Blättern des “New Yorker” zu rascheln.

Ebenso prestigeträchtig sei es, mit rotem Stift Korrekturfahnen für Bücher zu korrigieren: das unterstreiche die eigene Wichtigkeit noch mehr als das Lesen des “New Yorker”.

Das Ultimative sei jedoch – und das könne er leider nicht -, im Zug Partituren zu studieren und sich dabei leise hin und her zu wiegen. Das ließe die Leute in andächtigem Staunen und der Erkenntnis ihrer eigenen Dürftigkeit schweigend verharren.

Da hat er recht. Das habe ich schon mal ausprobiert: ich fuhr von München nach Nürnberg zu einer Probe der Matthäuspassion. Es war unter Androhung peinlicher Folter gefordert, die Stücke vorzubereiten, damit nicht Noten gelernt, sondern Musik gemacht werden konnte. Der Klavierauszug war mir zu langweilig, also hatte ich eine dicke Partitur mitgenommen und studierte die Baßstimme Seite für Seite aus der Partitur. Kurz hinter Ingolstadt sprach mich eine Dame an, ob ich das wirklich so lesen könnte. Sicher, meinte ich, verschwieg dabei allerdings, dass ich die Matthäuspassion sehr gut kannte und deswegen gar nicht so darauf angewiesen war, jede Stimme quasi aus dem Trockenen mit den anderen in Beziehung setzen zu müssen, damit sich ein vollständiges Klangbild ergibt. Dirigenten können das in der Regel tatsächlich auch mit ihnen unbekannten Stücken.

Ich zeigte ihr dann in der Partitur die Stelle, wo der Vorhang im Tempel zerreißt und die Erde erbebt: das sieht in Noten sehr gut aus1). Sie war verblüfft und ich konnte – ganz im Sinne Harry Rowohlts – einen erheblichen Prestigegewinn verbuchen.

Allerdings: das mit dem Wiegen, das lasse ich immer sein. Das ist mir dann doch zu dick aufgetragen.


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Fußnoten:
  1. Die halben Noten mit den drei Fähnchen im Baß (“die Erde erbebete”) bedeuten für den Kontrabassisten: immer hin und her, und zwar so schnell wie möglich. Das donnert schon ganz gewaltig, wenn man auf der Holzbühne steht. [ ]

Doppelgott

Viele Menschen sind auf der Suche nach geheimen Zusammenhängen – so auch Zahlenmystiker bei der Interpretation der Werke Johann Sebastian Bachs1). Wenn man die Zahlenwerte des Namens B-A-C-H addiert (A=1), dann kommt man auf 14. Man denkt sich nun noch schnell ein Verfahren aus, wie man Noten in Zahlen umsetzt – und findet den Zahlenwert “14″ in jeder Komposition Bachs wieder. Mei, war des a Hund!

Natürlich findet man die 14 auch in Mozarts Werken andauernd – und den Zahlenwert für MOZART auch ständig in jeder einzelnen Bachkantate – und flugs wird aus Johann Sebastian Bach eine Art Johannes, der Mozart schon angekündigt hat. Und um die magische Zahl 6, die die Anzahl von Jahren enthält, nach denen Mozart nach Bachs Ableben geboren ist, wird dann zur Grundzahl der Matthäuspassion. Oder der Aria von der Tobackspfeife.

Selbstverständlich hat Musik auch was mit Konstruktion zu tun. Bach hat wunderbare Fugen über die Tonfolge B-A-C-H gemacht, was er aber zum Beispiel nicht gekonnt hätte, wenn er Franzose gewesen wäre: denn die nennen das H “si bémol” und alle anderen Töne haben dort die mehrbuchstabigen do-re-mi-Namen2). Er hat ganz sicher auch andere Zahlen spielerisch in seinen Kompositionen versteckt, einfach weil er es konnte, und weil er die Fähigkeit hatte, jede Melodie und die Begleitstimmen dazu ganz nach Lust und Laune so zu verbiegen, wie er es wollte (Ich kann das zum Beispiel nicht, aber ich kann mir wenigstens vorstellen, dass das geht). Zudem hat er einen außerordentlichen Sinn für Systematik gehabt – immerhin hat er zweimal den ganzen Quintenzirkel mit Präludien und Fugen in Dur und Moll durchkomponiert (Wohltemperiertes Clavier I + II). Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er dabei mit C-Dur angefangen hat und dann stur von unten bis oben bis h-moll durchmarschiert ist – hätte er sicher machen können, aber warum sollte er? Wenn man so durch die Stadt läuft, fällt einem vielleicht was in F-Dur ein, aber nicht unbedingt in D-Dur. Vielleicht weil Frühling ist oder sowas, und D-Dur paßt besser zu Silvester und ist mehr gelb.

Ich denke, man macht einen Fehler, wenn man ein komplettes Werk zur Begutachtung vorliegen hat (so, wie es halt am Ende eines arbeitsreichen Lebens vor einem liegt), und dann irgendeine durchgängige Konsequenz hineininterpretiert. Das Ergebnis ergibt sich halt, Teile davon sind sicherlich gewollt, aber das Meiste ist eben gerade so entstanden, weil es eine Lücke gegeben hat, in die es hineingepaßt hat3). Den Kreationisten ist ja auch nicht auszureden, dass Gott die Welt an sieben Tagen (Ha! Das ist genau B-A-C-H geteilt durch 2, und 2 repräsentiert wiederum ein B, und das ist der Anfangsbuchstabe von Buddha! Ist das eigentlich schon mal jemandem aufgefallen? Das ist ein sicheres Zeichen, dass Bach ein Doppelgott ist!) genau so geschaffen hat, dass sie jetzt die Krone der Schöpfung sind. Also, wenn man sich die mal so anshaut, sieht man das auch nicht sofort … und man ist ein wenig enttäuscht, ich gebe es zu.

Nur – mit der Musik ist es wie mit der Schöpfungsgeschichte. Wenn wir anfangen, darüber nachzudenken, wird sie unerklärlich – und auch ein bißchen unerträglich, man wird verrückt davon. Wir müssen sie einfach in ihrer Gänze und Vollständigkeit akzeptieren lernen, ohne nach Bauplänen zu forschen. Es ist nichts Schlimmes dabei, nach Gesetzmäßigkeiten zu suchen – man muß es aber bei Zeiten auch mal lassen können, sonst verliert man den Blick für einfache, nicht zielgerichtete Schönheit.


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Fußnoten:
  1. Hier findet sich ein Spiegel-Artikel von 2006 zu dem Thema [ ]
  2. Die lassen sich natürlich auch trefflich hernehmen, wie Josquin des Prez beweist: aus den Worten “Laissez faire moi” (Lassen Sie mich mal machen) eines Lakeien hat er eine ganze Messe auf die Tonfolge “La sol fa re mi (A-G-F-D-E) gemacht, und als er damit fertig war, war der Lakei immer noch am machen. [ ]
  3. So ist Bach der größte und schöpferischste Kirchenmusiker, den wir kennen. Wollte er aber nie sein: er wollte sein Leben lang Hofkapellmeister sein und weltliche Musik komponieren und aufführen. Aber er ist halt in Leipzig an der Thomaskirche gelandet und hat dann da für seinen Lebensunterhalt das geleistet, wofür er angestellt war. [ ]

Jingle

Wir hatten ja früher als Kinder auch schon Fernsehen – aber wir durften nicht viel gucken. Nur freitags abends, da durften wir, und die ganze Familie saß vor der Glotze, die damals etwas weniger despektierlich “Mattscheibe” hieß. Die Freitage zogen sich immer ziemlich lang hin, bis 6 Uhr war1).

Und was kam? Die Titelmelodie fand ich jetzt zufällig beim Rumsuchen in iTunes. Ich sag’s nicht, wie die Sendung hieß: wer die Melodie hört, der weiß es, und wer’s nicht weiß, den interessiert es nicht.

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Fußnoten:
  1. ich glaube, es kam um 6, ich weiß es nicht mehr genau [ ]