Gestern habe ich an meinem Geburtstag glatte 8 Stunden in Kirchen verbracht, wie ich kurz nachgerechnet habe: morgens 2 Gottesdienste in Nürnberg St. Maximilian Kolbe gespielt, abends Teilnahme an meinem allerersten Orgelkonzert in Nürnberg St. Anton. Das war sozusagen der Abschluss (ein paar Prüfungen kommen noch) meines ersten Lehrjahres im C-Kurs für Kirchenmusiker des Erzbistums Bamberg.
Wie alle anderen Teilnehmer dieses Konzerts hatte ich natürlich das große Flattern, aber das habe ich auch vor den Gottesdiensten, die zu spielen sind. Als ich dann vor der Orgel saß, gelang es mir, die Konzentration zu halten und die beiden Stücke – wenn auch mit kleinen Ungenauigkeiten, ok – abzuliefern. Danach krachte es gewaltig: das war der Stein, der mir vom Herzen fiel.
Ein peinlicher Moment blieb mir natürlich nicht erspart: das Plakat war mit “Junge Organisten stellen sich vor (+ politisch korrekter Appendix)”. An meinem 55. Geburtstag noch mit “junger Organist” bezeichnet zu werden ehrt mich, bezieht sich allein auf die Tatsache, dass mein Organistenleben erst 1 Jahr dauert.
Einen ganz großen Dank möchte ich dem Nürnberger Regionalkantor Frank Dillmann ausprechen, der die ganze Ausbildung organisiert und betreut: er brachte uns Kirschen in die Kirche und eine ordentliche Portion Nervennahrung in Form von Schokolade. Stundenlang hat er mit uns die Orgel einregistriert und dafür seinen Sonntag geopfert – selbstverständlich ist das nicht. Besser kann man das nicht machen, glaube ich.
Die Osternacht 2010 hat der Bayerische Rundfunk mit uns zusammen in der Lorenzkirche in Nürnberg gefeiert – wenn man in Anwesenheit des Fernsehens überhaupt von Feiern sprechen kann. Die übernehmen vollständig jegliche Regie, streichen, fügen hinzu und unterwerfen die Auferstehungsfeier dem Takt der Sekunden. Die “Beauftragte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern für Hörfunk und Fernsehn beim Bayerischen Rundfunk”, Frau Melitta Müller-Hansen, bat vor Beginn der Übertragung der Osternacht die Anwesenden um Verständnis für die “Gäste” – damit meinte sie die 5 Kameras nebst Personal. Das stimmt so nicht: wo Fernsehn ist, da sind die Anwesenden die Gäste, nicht umgekehrt. Gäste erkennt man daran, dass sie sich an die Regeln des Gastgebers halten müssen – an die Regeln von St. Lorenz hält sich kein Fernsehteam der Welt.
Normalerweise dauert eine Lorenzer Osternacht so zwischen drei und vier Stunden. Das Fernsehen hat die Sache auf 90 Minuten zusammengestrichen – da gibt es selbstverständlich kein Wieso und Warum. Entschuldigt wird das mit der imaginären Öffentlichkeit, die “am Bildschirm mitfeiern” möchte: die Alten und Kranken. Dagegen kann man nicht argumentieren, das wissen die längst.
Aber ab und zu – vielleicht alle 25 Jahre einmal – kann eine Gemeinde dieses Zugeständnis machen und den wichtigsten Gottesdienst des Kirchenjahres dem Mammon opfern: vielleicht gibt es ja wirklich Alte und Kranke, für die sich dieser durch und durch technokratische und Aufwand lohnt.
Resurrexi, et adhuc tecum sum allelúia: posuísti super me manum tuam, allelúia: mirábilis facta est sciéntia tua, allelúia, allelúia. — Dómine, probásti me, et cognovísti me: tu cognovísti sessiónem meam.1)
Das Video ist ein Ausschnitt aus der Übertragung und zeigt unser “Resurrexi”2) von Leonhard Lechner (1553-1606), das das Vocalensemble von St. Lorenz in Nürnberg unter Leitung von Matthias Ank gesungen hat. Unterdessen wurden die während der Passionszeit geschlossenen Flügel der Seitenaltäre wieder aufgeklappt, so dass die kostbar mit Blattgold belegten gotischen Schnitzereien wieder sichtbar wurden.
Übrigens: im (akustischen) Hintergrund schreit eines der beiden Babies, die später noch getauft wurden. Sie hatten noch eine lange Predigt und eine noch längere Taufzeremonie vor sich, bei der auch sie alles gaben, was ihre Stimmchen zu bieten hatten.
________ Fußnoten:
Ich bin auferstanden und immer bei dir. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Wie wunderbar ist für mich dieses Wissen. Halleluja — Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich. Wo immer ich bin: du weißt von mir. [ ↩ ]
Ich singe ja viele Konzerte: im Laufe der Jahre wird das zur Routine. Man probt, tritt auf und wieder ab. Aber es gibt auch immer wieder besondere Konzerte, die außerhalb der Professionalität noch zusätzlich irgend etwas haben.
Der vergangenen Sonntag in Reutlingen war wieder so ein Fall: wir sangen mit dem Südwestdeutschen Kammerchor Tübingen ein Programm zum “Pater Noster”. Alles sehr schön – wenn da nicht in der Mitte noch “Jesu meine Freude” (BWV 227) von Johann Sebastian Bach gewesen wäre. Das ist nicht einfach schön, das ist von einer anderen Welt.
Ich beschäftige mich ja jetzt seit einigen Jahrzehnten mit Bach: verstanden, was er macht und will, habe ich längst. Ich habe viele Vorträge über seine Kantaten gehalten (unter anderem auch über “Jesu meine Freude“), ich kenne seine musikalische Formensprache, aus der er nie ausbricht – weil er aus ihr nicht ausbrechen muß, denn innerhalb dieser barocken Grenzen ist ihm immer wieder was Neues eingefallen1). Er hat sich – im Gegensatz zu seinem genialen Zeitgenossen Händel zum Beispiel – nie wiederholt2): verschiedene Sujets haben ihm immer wieder neue musikalische Architekturen entlockt, und die Komplexität seiner Tonsprache ist nie an die Grenzen gestoßen, die schon zu seinen Lebzeiten von der Klassik niedergerissen wurden: Bach ist Bach, man kann ihn nicht einordnen, er bleibt ein Monolith. Aber man frage mich nicht, wie er das macht: ich weiß es nicht und ich finde es auch nicht heraus. Vielleicht kann man davon eines lernen: im Einzelfall kann man noch so viele Tricks und Kunstgriffe aufdecken: alles ganz klar und logisch, würd’ ich auch so machen, wenn ich’s könnte. Wie und warum es aber die Seele berührt und ergreift: das ist nicht zu beschreiben und bleibt unerklärlich. Er konnte es einfach, das muss man so stehen lassen.
Meine Wahrnehmung für die Nuancen in seiner Musik verschärft sich selbstverständlich im Laufe der Jahre – und vieles, was andere so oder so interpretieren, würde ich nicht machen. Bach transportiert durch seine Musik ein vollkommen unerschütterbares Vertrauen in Gottes Heilsplan – und nicht nur das, sondern er erklärt auch immer, warum das so ist. Was auch immer Gottes Plan vorsieht: er wird gut ausgehen, und wir müssen keine Angst haben. Viele, die sich vielleicht mit der Theologie von Bach’s geistlichem Werk nicht so auseinandergesetzt haben, sondern ihm als dem bedeutendsten Vertreter musikalischen Schaffens ein konzertantes Denkmal setzen wollen, gehen halt mit den Worten: wo’s im Text kracht und blitzt3), lassen wir’s halt krachen und blitzen.
Nicht so Rolf Maier-Karius und der Südwestdeutsche Kammerchor: nicht auf den Satan, nicht auf die Stürme, nicht darauf, dass es kracht und blitzt – wo wir Angst haben müssen also – kommt es an, sondern auf das Vertrauen in Gott. Der wichtigste Punkt ist: Jesus will mich decken, das andere sind nur Beschreibungen. So hat Maier-Karius es interpretiert, und so verstehe ich Bach.
Da erinnert er mich an einen Mönch: warum soll der aus seiner Zelle? Er hat sein äußeres Leben freiwillig auf das streng reglementierte Klosterleben beschränkt, damit er seiner inneren Entfaltung keine Grenzen setzen muss … [ ↩ ]
Doch, doch: es gibt ein paar Eigen- wie Fremdplagiate, aber sie machen nie einen aufgewärmten Eindruck: in den neuen Zusammenhang passen sie hinein. Das kann ich von Händel nicht so sagen: da kommt einem manches zu bekannt vor. [ ↩ ]
Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern, laß den Feind erbittern, mir steht Jesus bei.
Ob es itzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken: Jesus will mich decken. [ ↩ ]
Gestern abend waren wir in der Nürnberger Lorenz-Kirche zu einer exquisiten Veranstaltung: Hans Sachs (1494-1576) hat ein Zimmerchen in der Laurentiusorgel bezogen und kann auf Knopfdruck durch den Organisten den Prediger auf der Kanzel zur Ordnung rufen1). Das tut er, indem er die Fenster öffnet und dann einige Sekunden lang zur Musik eines Zimbelsterns herausschaut.
Kantor Matthias Ank umrahmte das festliche Ereignis durch vielerlei Intonation des Chorals “Jesu meine Freude”: begonnen durch das Choralvorspiel von Johann Sebastian Bach (1685-1750), dann eine gleichnamige Partita von Johann Gottfried Walther (1684-1648), die beide auf der barocken Laurentiusorgel gespielt wurden. Dann ging es mit einer weiteren Partita über “Jesu meine Freude” an die romantische Stephanusorgel: ein Werk von Johann Christian Heinrich Rinck, der von 1770-1846 lebte. Den Schluß des kleinen Konzerts über das Wochenlied zum heutigen Sonntag Laetare bildete der Symphonische Choral op 87.2 über “Jesu meine Freude” von Sigfrid Karg-Ehlert (1877-1933), der – na was soll’s – über alle drei Orgeln gleichzeitig verteilt erklang. Die große Hauptorgel im Westchor von St. Lorenz kann ordentlich für Schalldruck sorgen: man hat das Gefühl, dass die Wände wackeln, und Kantor Matthias Ank an den drei Orgeln2) weiß Kraft und Anmut sehr ausgewogen zur Geltung zu bringen: unvermutete Töne und gewaltige Akkorde wabern durch die gotische Halle und lassen sich dann von zarten Flötenschleiern ablösen.
Dann kam der große Augenblick: Matthias Ank sang der – leider etwas kleinen – versammelten Gemeinde die Silberweise3) von Hans Sachs vor, danach drückte er auf’s Knöpfchen: langsam öffneten sich im Bauch der Laurentiusorgel zwei kleine Fensterläden, und Hans Sachs schaute heraus. Dazu erklang der Cymbelstern. Nach einer Minute hatte er genug gesehen und zog sich wieder in den Orgelbauch zurück – das war’s.
Da erhebt sich nun die Frage: Was soll das denn? Was hat so eine Spielfigur für einen Sinn? Hätte man das Geld nicht besser für andere Dinge ausgegeben?
Ich finde: sowas muss sein. Wenn wir kein Geld mehr für Spiele haben, dann Gnade uns Gott: wir sind als Christen nicht nur zum Leiden und Arbeiten auf der Welt. Der Hang zum Spielen durchdringt unser ganzes Leben – nur in Diktaturen wie der ehemaligen DDR ist das Spielerische dem Pragmatismus geopfert worden, indem man Menschen einfach in “hingeschissene” Plattenbauten gesetzt hat und ihnen das Recht auf Zweckfreiheit und Schönheit in ihrer Umgebung schlichtweg abgesprochen hat. Wer für’s Spielen keine Mittel mehr herausrücken möchte, der verzweckt die Menschen und nimmt ihnen den Sinn in ihrem Leben: der Sinn ist nicht nur im Helfen, Arbeiten und Werken, sondern auch in dem, was “nur für mich” ist: das Spielen eben. Dafür muß ein beträchtlicher Teil der erwirtschafteten Ressourcen zur Verfügung stehen, sonst verlieren wir uns.
Der Hans Sachs in der Laurentiusorgel der Nürnberger Lorenzkirche ist nicht der einzige Orgelschrat auf der Welt: auch die wunderschöne Trierer Domorgel4), 1972 vom Bonner Orgelbauer Klais fertiggestellt, hat in ihrem Bauch einen Flötenpan. Der kann, wenn er aus seiner Klappe herausgelassen wird, sogar auf einer Panflöte spielen.
________ Fußnoten:
Der große Kantor Bach hatte dafür keinen Knopf zur Verfügung, sondern musste dazu stets Kantaten komponieren. Ich bin überzeugt davon, dass die musikalische Aussage dieser Musik manchmal im diametralen Gegensatz zu dem lag, was der Superintendent von der Kanzel herunterdonnerte [ ↩ ]
Die drei Orgeln lassen sich der Einfachheit halber alle von einem Spieltisch aus spielen. Allerdings auf 5 Manualen, und die Noten stehen noch darüber, so daß die Nackenmuskulatur des Organisten stark in Anspruch genommen wird. [ ↩ ]
“Ave, ich grüß dich schone” – eine protestantische Umdeutung des “Salve Regina”. [ ↩ ]
Für mich ist die Trierer Domorgel die schönste Schwalbennesterorgel der Welt [ ↩ ]
Gestern abend haben wir in St. Lorenz/Nürnberg Distlers “Totentanz”1) aufgeführt. Durch Musik und teilweise originale, teilweise nachgedichtete Texte wird in dieser Komposition der Unausweichlichkeit des Todes gedacht2). Der Tod tritt auf, holt sich einen Menschen und liest ihm die letzten Leviten, bevor es für immer in Gottes Reich geht. Dabei ist es dem Tod völlig gleich, ob es sich um Edelleute, Bischöfe, Ackerbauern, Kinder oder Greise geht: alle müssen mit, alle müssen den letzten Tanz nach seiner Pfeife tanzen.
Zwei Gedanken aus diesem mittelalterlichen Spektakel sind bemerkenswert:
Reich & Arm: Die Menschen, die im Leben arm oder machtlos waren, kommen in der vom Tod gehaltenen Rückschau auf ihr Leben immer besser weg. Wenn auch der Bauer sagt: “Deiner hab’ ich nicht gedacht!”, so bekommt er dennoch zur Antwort: “Wenn ich dein Tagwerk wohl anseh, mein ich, daß Gott dich nicht verschmäh.” Wogegen der Bischof auf seine Selbsterkenntnis “… bin ich verachteter zur Stund’ als ein unrein stinkender Hund” nur ein “aber mit hoffärtigen Sitten bist du auf hohem Pferd geritten!” erhält. Das Wort “Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr denn ein Reicher in das Himmelreich” scheint eine gesellschaftliche Ur-Erfahrung der Menschheit zu sein. Sonst würde dies an den entscheidenden Nahtstellen des Lebens nicht immer so dringend erwähnt.
Teufel & Hölle: An keiner Stelle des Totentanzes sind Hölle und Teufel erwähnt. Das ist auch stimmig: Diese beiden Instanzen gibt es in christlichen Zusammenhängen nicht3) – jedenfalls ist derlei von Gott für die Menschen nicht vorgesehen. So schickt der Tod auch niemanden in die Hölle, sondern sendet stets alle in Gottes Reich. Der Tod bestimmt nicht die Zukunft des Menschen, sondern schaut auf das Leben des Menschen zurück und gibt einen bewertenden Kommentar. Keinem der Abgeholten ist durch irgendeine Tat in dessen Leben (Der Edelmann: “Ich dachte nichts als Saufen und Prassen, schindet’ und plagt’ mein Untersassen.”) der Eingang in Gottes Reich verwehrt.
Das erscheint mir ein interessantes Licht auf das “Mittelalter” zu werfen, das wir ja oft als ein wenig “finster” beurteilen. Das scheint so nicht gewesen zu sein – wohl aber vielleicht der Ausschnitt, den wir sehen.4)
Nachtrag: hier ist die Kritik aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.11.2008. Danke an Tobias für’s Besorgen!
________ Fußnoten:
Vocalensemble St. Lorenz, Leitung: KMD Matthias Ank [ ↩ ]
Die evangelische Kirche feiert diesen letzten Sonntag im Kirchenjahr als “Totensonntag”. Die Katholiken nennen diesen Sonntag “Christkönig” – als Zeichen der Hoffnung dafür, dass am Ende aller Zeiten Jesus Christus als König wiederkommen wird. [ ↩ ]
Hölle & Teufel werden wohl immer wieder im Zusammenhang mit dem Christentum erwähnt, haben damit aber ursächlich nichts zu tun. Die Hölle macht sich jeder Mensch selbst, denn die Hölle ist eine Ausgeburt der Angst um oder vor irgendwas. Deswegen werden Schlüsselszenen in der Bibel auch immer mit einem “Fürchtet Euch nicht” eingeleitet: Irgendwas wird sich jetzt radikal ändern, aber man muß keine Angst haben. Teufel und Hölle haben hingegen immer einen sehr diesseitigen Bezug, der mit Angst vor der Veränderung – also dem Nicht-Loslassen-wollen – zu tun hat. [ ↩ ]
Bild: St. Lorenz von der Empore der Hauptorgel aus gesehen, in Höhe des Dachbodens der Seitenschiffe. Vorne links die Laurenzius-Orgel, rechts im Querschiff ist die Stephanus, Orgel, die von hier nicht sichtbar ist. [ ↩ ]
Zu jedem Konzert gehört eine Kritik1), und diese hier kann sich sehen lassen.
Der Titel “Shake the dome” bezieht sich auf ein Chorstück im “Solomon”: Der König zeigt der Königin von Saba, dass man mit Musik alle vier Temperamente so darstellen kann, dass man sich wie hineinversetzt fühlt. “Shake the dome” ist eine martialisch lärmende Partie:
Shake the dome, and pierce the sky2).
Rouse us next to martial deeds;
clanking arms, and neighing steeds,
Seem in fury to oppose. -
Now the hardfought battle glows.
Und das klingt auch so: Händel bietet alles auf, was er hat.
________ Fußnoten:
Danke an Hans-Jörg Geßler, der mir die Kritik besorgt hat! [ ↩ ]
Laß das ganze Haus erzittern, durchbohre den Himmel mit dem Spieß, Auf! Zu martialischen Taten! Mit klirrenden Waffen und schnaubenden Rossen, die sich ungezähmt gegenüberstehen: So tobt die hartgefochtene Schlacht! [ ↩ ]
Am Sonntag war in der Tübinger Stiftskirche Händels großartiges Oratorium “Solomon”, bei dem ich die Ehre hatte, sowohl singend als auch spielend mitwirken zu dürfen.
Eine Aufführung hat schon ihren besonderen Reiz, wenn alle im feinen Zwirn auf dem Podium stehen und punktgenau die Leistung bringen, für die sie monatelang geprobt und geübt haben.
Interessanter noch sind die Proben “mit dem gesamten Apparat” vorher: Chor und Orchester sehen sich ja in der Regel nur ein oder zweimal vor dem Konzert. Hier wird dann deutlich, was noch keiner der Ausführenden je gehört hat: wie Arien und Chöre zum ersten Mal ein großes Ganzes ergeben, wie die Tonarten und Besetzungen aufeinander folgen und wie die Anschlüsse der einzelnen Musikstücke untereinander zu bewerkstelligen sind.
Es ist sehr bemerkenswert, dass es nach einem großartigen Schlußakkord – mit Pauken, Trompeten und Chor – sofort rein geschäftsmäßig weitergeht: Sie bitte dort ein wenig lauter, Sie darf man hier nicht so heraushören und der Chor kann ein Ritardando noch genauer abnehmen. Alle sind in Arbeitskleidung, und es wird viel miteinander gelacht – aber auch höchst konzentriert gearbeitet. Nicht zu beneiden sind Streicher und Continuo: die spielen von Satz 1 bis 60 alle durch. Etwas weniger haben die Bratschen zu tun, noch weniger die Bläser, und nur ganz wenig die Blechbläser und Pauken. Deswegen organisiert ein erfahrener Dirigent die Hauptprobe so, dass jeder Musiker möglichst geringe Wartezeiten hat. Das wiederum führt dazu, dass man das Werk vor der Aufführung in der Regel nie in seiner letztendlichen Reihenfolge hört – höchstens im “Schnelldurchgang”, um die Anschlüssezu proben. Die Mittelteile werden dann oft aus Zeitnot weggelassen.
Wer sich ein Bild von der Stimmung machen möchte: ich hab ein wenig herumfotografiert.
Oberlinger spielt sehr virtuos, pointiert und rhythmisch präzise, man sieht ihr die Freude am gekonnten Handwerk an. Aber vor laute Emphase bläst sie manche Töne zu forsch an, so dass sie nicht richtig ansprechen können. Auch ist das Begleitorchester zu laut, alle Flöten unterhalb der Sopranino gehen leider im Steicherklang mehr oder weniger unter. So nimmt man die wunderschönen Altflöten-Arpeggien in Vivaldis “tempesta di mare” leider nicht mehr wahr, sondern sie versaufen in den Streicherwogen, denn die tieferen Töne brauchen mehr Zeit zum Anschwingen. Aber das macht andererseits auch den Reiz des Live-Konzerts aus: für eine Tonkonserve wäre eine Aufnahme dieses Konzerts nicht zu brauchen. Hier jedoch sieht man, wie die Musiker das machen: da nimmt man ihrer Begeisterung geschuldete kleine Ungenauigkeiten gerne in Kauf.
Die Tempi waren insgesamt weniger auf den Klang als auf virtuose Akrobatik getrimmt: das hat man heute so. Vielleicht wird man da irgendwann wieder behutsamer.
Die “Sonatori de la gioiosa marca” glänzten zwischendurch mit einer Bearbeitung des die Jahrhunderte durchziehenden “La folia”-Themas1), diesmal von Antonio Vivaldi. Hier konnte der Cellist bravourös zeigen, was er kann: das konnte sich sehen lassen!
Wußtet Ihr, dass es in Argentinien Zeitungen gibt, die auf Deutsch erscheinen? Ich nicht. Jetzt allerdings schon: im “Argentinischen Tageblatt” vom 31. Mai 2008 ist eine Konzertkritik unseres Auftritts in der Kathedrale von Bariloche1)2) am Lago Nahuel Huapa.
Gut – der Artikel sagt weniger über die musikalische Qualität des Konzerts: jedenfalls nicht so, wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Aber der Artikel bringt ein wenig das argentinische Lebensgefühl zum Ausdruck, das ich dort beobachten konnte: das Genießen des Augenblicks, das Sich-einlassen auf das, was jetzt im Moment passiert.
Hierzulande wird mir da zu viel zerredet. Vor lauter Überlegungen, was denn alles passieren könnte, werden schöne Projekte gar nicht mehr in Angriff genommen …
Gestern abend war wieder einmal Zeit für eine “Konzert-Vesper”: ich hatte die Ehre, mit dem Komponisten Lothar Graap aus Schöneiche b. Berlin einige seiner Werke im Rahmen des Abendlobs aufzuführen. Er hat eine Menge Werke für Blockflöte und Orgel geschrieben – das ist insofern interessant, als dass es natürlich eine Menge Musikliteratur für Blockflöte und Tasteninstrumente gibt, aber nicht speziell für die Orgel, die ja auch noch über ein Pedal verfügt.
Jedenfalls war es für mich wieder ein herausragendes Erlebnis. Graaps “Kleine Suite” ist ein entzückendes Stückchen, liegt (für die Flöte) gut in der Hand und macht ordentlich was her. Wir werden es am Samstag abend in Geretsried nochmal aufführen: Lothar Graap und seine Frau machen ein paar Tage Urlaub am Starnberger See.
Nach der Vesper raunte mir der Komponist zu:
“Mensch, mir sind da eine Menge Sachen eingefallen, was man noch machen könnte!”
“Ein kleines Magnifikat für Schola, Gemeinde und Orgel und darüber eine Altflöte vielleicht?”
Leider sind wir im Verkehrsstau steckengeblieben und kommen erst um 19:35 in der Tiefgarage an: während des ersten Stücks können wir nicht in den Konzertsaal. Aber die G-Dur Partita (829) klingt auch durch die geschlossene Tür noch erstaunlich klar. Merkwürdig, dass man sogar ante portas jeden Ton hört – aber dafür nicht die Nebengeräusche der Zuschauer.
Nach der ersten Partita können wir rein: wir haben Stehplätze für 10€ oben auf der Empore. Andrasz Schiff läßt sich nicht lange beklatschen, setzt sich, konzertiert sich kurz und beginnt mit der zweiten Partita in a-moll (827). Der hat ja gar keine Noten auf dem Flügel! Der spielt das alles komplett auswendig! Und das in unglaublicher Ruhe, die Hände gleiten über die Tasten, als würden sie ein Hemd bügeln, kein Geflatter und Herumhantieren – und glasklare Interpretation. Er arbeitet alle musikalischen Linien, die ständig von den Bässen in die Höhen und zurück mäandern, klar heraus – es ist überhaupt kein Problem, beim Zuhören die Konzentration zu bewahren.
Ich bin überhaupt erstaunt über diesen Mann: der sitzt da auf der großen Bühne ganz allein vor einem schwarzen Steinway-Flügel, der Hocker etwas tiefer gestellt als ich es mir einstellen würde, sein Körper bewegt sich kaum, nur ganz selten geht der rechte Fuß mal zum Pedal rüber, ansonsten stehen die Füße glatt auf dem Boden. Nur die Arme und Hände bewegen sich – aber wenig, nie hektisch, immer in großer Ruhe, als flösse die Musik einfach aus den Fingerspitzen über die Tasten in das Instrument hinein und dann aus letzterem heraus ins Publikum.
Er spielt und spielt, einen Satz nach dem anderen, jeden mit dem ihm eigenen Charakter: Bachs Musik perlt ohne jede Anstrengung hervor, wird an keiner Stelle zäh oder langweilig, immer fällt ihm wieder was Neues ein, wo man denkt: stimmt, so könnte man es auch machen. Ich denke mir oft, dass der alte princeps musici jetzt oben im Himmel irgendwo sitzt, mit den Augen zwinkert und brummt: Hast du etwa gedacht, mir fiele nichts mehr ein? Stell dir ruhig vor, ich säße da, könnte es einfach laufenlassen und müßte nicht diese blöden Noten schreiben …
Nach vier Partiten – die ich ohne Weiteres und ohne Ermüdungserscheinungen stehend freihändig angehört habe – gibt es eine halbe Stunde Pause. Ist schon erstaunlich: ich bin immerhin um 15:40 von Gröbenzell mit dem Zug losgefahren, danach mit Gundel zu Freunden, dort zu Abend gegessen, dann durch den Stau von Nürnberg nach Neumarkt – das ist eigentlich ein Tagesprogramm, nach dem man sich gegen 20:00 etwas mehr dem entspannteren Teil zuwenden möchte. Nichts da: diese Musik und ihe Interpretation ist so interessant, dass man davon nicht müde wird. Nach der Pause haben wir dann tatsächlich Sitzplätze: zwei Zuhörer sind anderer Meinung wie ich jetzt hier beispielsweise und haben sich verdrückt. Auch gut.
Schiff betritt die Bühne, muß sich kurz zwangsbeklatschen lassen und beginnt die fette Ouvertüre der D-Dur-Partita (828), wiederum wunderbar leicht und vollkommen ohne Effekthascherei gespielt – man könnte auch anders, weiß ich, aber Bachs Musik braucht das gar nicht. Die d-moll-Toccata für Orgel wird ja auch manchmal dermaßen aufgebauscht, als würde Lautstärke irgendwas ausmachen: braucht’s nicht.
Wunderbar dann die letzte e-moll Partita (830) – ebenso perfekt, perlend und flüssig gespielt wie die anderen. Wie ein Mensch sich ein 2stündiges Konzertprogramm Note für Note merken kann, kann ich nicht nachvollziehen: es war keine einzige Unsicherheit, kein Fehler, nichts Störendes zu hören. Der konnte das einfach, nebenbei hat der bayerische Rundfunk das aufgenommen für eine Live-CD-Einspielung. Es gibt Leute, die können 2 Stunden fehlerlos rezitieren, das muss man einfach mal als Tatsache so stehen lassen.
Nach dem letzten Akkord steht Andrasz Schiff auf und verneigt sich – in den Flügel hinein. Dann geht er um ihn herum an die andere Seite, hält sich mit der Hand am Instrument fest und verneigt sich ins Publikum. Solche Gesten sind einfach schön.
________ Fußnoten:
Ganz besonderen Dank an Sabine Fulda, die in weiser Voraussicht ein paar Konzertkarten mehr gekauft hatte – ich bin für sowas zu unorganisiert. [ ↩ ]
Heute wollte ich mir und meinem Sohn mal was Besonderes gönnen: Weihnachtsoratorium Teil 4 – 6 im Prinzregententheater München. Am Pult Enoch zu Guttenberg.
Gesamteindruck: Technisch so weit als möglich perfekt – aber Bach war das nicht. Das war ein manirierter Zirkus-Musikstil, der von der tiefen Bach’schen Spiritualität nichts mehr übrig ließ.
Erster Schreck: die “Adler-Arie” aus Kantate IV “Ich will nur dir zu Ehren leben”. In einem Affentempo runtergefiedelt – wer das kann, der muß wohl sehr gut Geige spielen, aber man fragt sich: wozu hier? Im Original (BWV 213, Satz 7) handelt diese Arie von einem (man hört tatsächlich zwei) Adler, der sich vom Felsen abstößt, ein Stück tiefer sackt, sich dann vom Aufwind nach oben tragen läßt und schwebend kreist. Adler fliegen majestätisch, sie flattern nicht rum wie ein Kolibri. Gut – hier im Weihnachtsoratorium findet sich ein anderer Text. Aber was, zum Teufel, hat das mit “Mein Heiland, gib mir Kraft und Mut” zu tun? Macht denn die Gewissheit über Gottes Beistand uns so hektisch wie ein Schmetterling?
Zweiter Schreck: die Sopranistin Sibylla Rubens. Die Dame hat ein Vibrato von mindestens einem Halbton (kann auch mehr sein – es ging einfach zu schnell zum Hinhören) drauf. In der von Guttenberg eingepeitschten Geschwindigkeit ist die sich noch am Einschwingen, da ist das Orchester schon einen halben Takt weiter. Mit so einem Tremolo in der Stimme mag man Opernarien singen können – Bachs filigrane Musik aber wirklich nur dann, wenn das Tempo dem Anlaß und dem Interpreten angepaßt ist. In der Guttenberg’schen Jet-Version müßte jeder Ton sitzen, sonst ist er verspielt – ich fürchte, nicht einmal Emma Kirkby hätte hier eine Chance. Die anderen Solisten waren sicherlich nicht schlecht – wurden aber durch die irrwitzigen Tempi glatt an die Wand getackert. Kann ja sein, dass jemand glaubt, ausschließlich artistisches Können würde Bach gerecht: artistisches Können ist aber erst die Voraussetzung für Bach, womit die Spiritualität seiner Musik geweckt werden kann. Weder Menschen noch Maschinen kann man andauernd unter Vollast laufen lassen – wozu denn überhaupt?
Dritter Schreck: “Ehre sei Dir, Gott, gesungen”. Guttenberg hatte einen solchen Affenzahn drauf, dass für die Feinheiten eines Glorias keine Zeit mehr blieb. In solch einem irren Tempo hingeschmissen, dass der Eindruck entstand: hier wird auf Zeit und auf Brillianz gespielt. Aber Brillianz ist bei Sturmwind in einem 90-Leute-Chor nicht mehr zu machen – obwohl sie sehr gut und sehr exakt waren. In dem Rauschen geht gar nichts mehr, selbst auswendig nicht. Dass es Spaß machen kann, sowas – zum Beispiel an einem Chorwochenende – so schnell zu singen: keine Frage. Manchmal ergeben sich sogar ganz neue Höreindrücke, weil man Zusammenhänge feststellt, die man vorher nie bemerkt hat. Aber wenn man keine feststellt, dann soll man das auch wieder bleiben lassen. Und hier gibt es wirklich keinen einzigen Grund, das so runter zu rattern.
Vierter Schreck: keine noch so winzige Pause zwischen Kantate 5 und Kantate 6. Kantate 5 ist zum Sonntag nach Neujahr, Kantate 6 zu Dreikönig – (meistens etwas) später. Möglicherweise wollte Guttenberg uns klarmachen, dass das Epiphanias-Fest manchmal noch VOR den Sonntag nach Neujahr fällt, und dass man deswegen die Kantate 6 so schnell spielen müsse, dass ihr Schlußton VOR den Beginn der Kantate 5 zu liegen kommt. Er hat’s fast geschafft und sich selbst überholt.
Fünfter Schreck: “Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken”. Der Feind, der hier gemeint ist, sind die Teufel in der Hölle, ist doch klar, und die Hölle ist unten. Deswegen hört man das Erzittern dieser Feinde natürlich (besonders) unten, in den Bässen – so ist es komponiert, so soll es gehört werden. Nun ist es physikalisch aber so, dass Baßtöne sich relativ langsam aufbauen. Bei Geschwindigkeiten, in denen die Oboe noch lustig tirilieren kann, hört man in den Bässen nur noch brmbrmbrm – einfach weil die Saiten eines Kontrabasses nicht schneller aufgeschaukelt werden können, es geht einfach nicht. Solche Feinheiten sind dem Geschwindigkeitsrausch total zum Opfer gefallen.
Sechster Schreck: Man stelle sich den Schlußchor “Nun seid ihr wohl gerochen vor”. Das ist ein Jubelchoral, ein musikalisches Schlachtengemälde über den siegreichen Kampf Jesu gegen die Mächte der Finsternis. Komponiert ist es auf die Choralmelodie von “Herzlich tut mich verlangen” – besser bekannt als “O Haupt voll Blut und Wunden”, mit dem hier schon an die kommende Passionsgeschichte erinnert wird. Das braucht Tempo, fraglos. Aber hier leider wieder viel zu schnell genommen: die Trompeten hatten nur ächzend die Chance, das Schlachtengetümmel strahlend zu übertönen. Es waren sehr gute Trompeter, keine Frage – aber Musik besteht nicht nur aus extrem schnellen Tonwechseln, sondern auch aus der Ausgestaltung und Akzentuierung der Einzeltöne.
Ja, und wie kann man das alles noch toppen? Der schafft das: Man stelle sich nun den Schlußakkord bei “das menschliche Geschlecht.” vor: bei “-schlecht” (sic!) schlägt Guttenberg auf 1-2-zack ab, dreht sich blitzschnell um und brüllt “Gesegnete Weihnacht” in’s Prinze!
Ja mi lext am Arsch: is des a Gaudi! Ich nehme an, Enoch zu Guttenberg hatte sich ein Taxi für 21:40 bestellt. Denn begonnen hat er um 20:35 – die drei Kantaten in 65 Minuten durchgezogen. Bach auf der Nähmaschine, sozusagen. Und ich dachte immer, Masaaki Suzuki hätte den Weltrekord im 100-m-Bachrennen.
Ach, ehe ich’s zu erwähnen vergesse: das Publikum raste und tobte vor Begeisterung. Verstehe ich nicht – aber sie haben es getan. Bleibt nur eins: Leute, die Bach (und nicht Guttenberg und seine Stars) hören wollen, gehen besser für 10 Euro in eine Aufführung um die Ecke – und nicht für 42€ auf die hinterste Reihe ins Prinze. Ich glaube, die können sich ab jetzt ohne mich feiern.
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