Archive for the 'Musik' Category

Wohlgetan

wasgottutAls ich vor ungefähr 10 Tagen mit dem Bummelzug1) nach Nürnberg fuhr, hatte ich zwei Stunden freie Zeit. Eigentlich wollte ich für den Pfarrbrief einen Artikel schreiben über die “Freude an der Musik” – das ist aber ein etwas schräges Thema, weil es zu Allgemeinplätzen einlädt. Jedenfalls fiel mir spontan nichts ein, was ich essentiell dazu beitragen könnte.

Aber ich konnte mich immerhin im “praktischen Teil” ein wenig warmlaufen. Ich hatte mein Notenlinien-Notizbuch dabei – das kleine, flexible Moleskin mit dem Gummi drum. Ein paar Variationen für Altblockflöte über “Was Gott tut, das ist wohlgetan” gingen mir sowieso die ganze Zeit im Kopf herum. Das schrieb sich  erstaunlich leicht von der Hand, und bis Ingolstadt hatte ich sieben Stück fertig, obwohl das Gedicht von Samuel Rodigast von 1675 nur 6 Strophen aufweist. Da ich mich nicht entscheiden kann, welche ich wegschmeißen soll, bleibt es jetzt eben bei sieben. Man kann ja eine als Vorspiel nehmen.

Jedenfalls habe ich das Ergebnis aus dem Moleskin gleich am nächsten Tag in Sibelius mal ordentlich gesetzt – und noch einen vierstimmigen Satz für die Klavierbegleitung dazu gemacht2). Auf der anschließenden Konzertreise in die Toskana war a) viel Zeit im Bus und b) auch ein paar Musiklehrer dabei: Walter hat mir eine Generalbaß-Aussetzung gemacht3). Damit sollte ein Kirchenmusiker das durchaus begleiten können.

Eine PDF-Version (mit ausgesetzter Klavier-Strophe) zum Selber-Spielen lässt sich hier herunterladen!


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Fußnoten:
  1. Der nennt sich heute “Regionalexpress”. Die allgemeine Empfindung dessen, was ein Express sein sollte, ist im Bewußtsein der Bevölkerung mit der Zeit gegangen. Aber die Bahn mißt das immer noch an der Geschwindigkeit, mit der die Züge zur Gründerzeit gefahren sind. Das hört sich besser an, denken die sich wahrscheinlich. [ ]
  2. Harmonisch ändert sich in der Begleitung nichts, da es nicht als Konzertstückchen gedacht ist, sondern als Begleitung zum Gemeindegesang. Man soll das singende Gottesvolk so wenig wie möglich confundieren [siehe "Bach in Arnstadt, 1706, Ratsprotokoll] [ ]
  3. Herzlichen Dank, lieber Walter! [ ]

Psalmtöne

psalmtoeneWeil ich heute abend mit einigen Leuten üben will, wie man die Psalmen aus dem Gotteslob singt, habe ich mir mal alle 9 Töne herausgeschrieben. Ich hatte mal irgendwo so eine Übersicht, aber sie ist irgendwohin verschwunden.

Jetzt hab ich eine. Feel free to copy – hier gibt’s es als PDF!

iTunes

musicmixWer Antenne [Bayern | Hessen | Kleinkleckersdorf], Hit- oder Classic Radio hört, der muß schon sehr abgebrüht sein im Weghören. Immer nur die besten Häppchen – Hits von morgens bis abends, dazwischen seichtes Gesäusel sonorer oder aufgeregte Moderator-Stimmen in der Tonlage des großen Onkels. Solche Sender lassen nur Hardcore-Weghörer hinhorchen.

iTunes, die Musiksoftware von Apple, schließt jetzt massiv auf: es gibt jetzt den Didschäy (evtl. Abk. v. Didschäyridoo, ist ja auch modern, ins Ureinwohnerhorn zu stoßen). Der macht sich anheischig, mir stets einen “kontinuierlichen Mix meiner Musik” zu.

Ja was denn? iTunes macht Schluß nach dem zu. Macht nichts, das Programm spielt ja auch keine vollständige Musik mehr.

Ich habe hier u.a. 1854 Titel mit dem Bach’schen Kantatenwerk. Das ist echt super, wenn der Didschäy die Kontrolle übernimmt: “Und neigte das Haupt und verschied” (245) – “Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage” (248) – “Ächzen und erbärmlich’ Weinen” (13) – “Und damit sei es auch genung” (212). Da gibt’s nur eins: Didschäy abstechen.

Ich erinnere mich, dass ein Freund mal ein modernes, japanisches Autoradio gekauft hatte – so modern, dass die “Shuffle”-Funktion sich anscheinend immer wieder selbst einschaltete. Der hat auf der Strecke Aachen-München 7 Hörspiele simultan in beliebiger Reihenfolge gehört – und keins fertig.

BWV 65

065-mosaik1Heute abend ist – nach langer Zeit – wieder einmal Kantatenabend. Ich werde den doch hoffentlich zahlreich herbeiströmenden Besuchern einen Eindruck von Bachs Kantate 65 “Sie werden aus Saba alle kommen” zu vermitteln suchen. Bach hat sie in seinem ersten Leipziger Jahr komponiert.

Wer es nachlesen möchte, findet es hier.

Karfreitagskonzert

Konzert Plakat zum Karfreitag 2009In der evangelischen Zachäus-Gemeinde wird am Karfreitag im Rahmen einer Andacht das Haydn-Streichquartett “Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze” aufgeführt. Dafür habe ich heute ein Plakat gemacht. Mal sehen, ob die Druckerei es rechtzeitig herbringt.

Amüsiert habe ich mit dem evangelischen Pfarrer schon festgestellt, dass die Evangelischen um 14 Uhr mit der Andacht zur Sterbestunde Christi beginnen, während das Gedenken bei uns, den Katholiken, immer erst ab 15 Uhr seinen Lauf nimmt.

passio-1994-plakatDie “Dornenkrone” habe ich seinerzeit für ein Plakat von 1994 gemacht: damals haben wir hier in Gröbenzell die “Sieben Worte” von Heinrich Schütz aufgeführt. Interessant, was hier auf der Platte alles so ein paar Computergenerationen überlebt hat.

Ich kann allen Gröbenzeller Bloglesern das Konzert nur empfehlen: die Instrumentalisten sind Mitglieder der Münchner Philharmoniker, des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks und der Chamber Orchestra of Europe. Das wird ein Kulturereignis für Gröbenzell, ohne Zweifel.

Johannespassion

In der Bibel sind uns vier Evangelien überliefert1): Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – das jüngste. Johannes deutet uns Jesus Christus als Gott-König: er wurde in die Welt gesandt, weil es in den alten Schriften so prophezeit war. Im Anfang war der “Logos” – die allumfassende Vernunft, und diese alles umfassende Vernunft war bei Gott, und Gott war und ist diese Vernunft – auf eine strenge, philosophische Weise wird auf diese Weise Sinn und Sein der Schöpfung auf eine Weltformel gebracht. Die göttliche Vernunft ward ein helles Licht in der Finsternis, und dieses Licht kann nie mehr vergehen. Mit unseren Realitätsvorstellungen hat der von Gott gesandte Jesus merkwürdig wenig zu tun: seine Leidensgeschichte ist notwendig, und deswegen bringt er sie möglichst schnell und ohne große Emotionen hinter sich. Er stirbt am Kreuz mit den Worten “Es ist vollbracht” – und meint damit nicht sein Leben, sondern die Konsequenz der Schrift. Für Johannes muß Jesus sterben, damit seine Auferstehung geschehen kann: das ist der zentrale Punkt seines Evangeliums. Menschliches Leid sind ihm nur schilderungswert, wenn damit die Prophezeihung erläutert und verifiziert werden kann.

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Fußnoten:
  1. Den Text habe ich für den Pfarrbrief von St. Johann Baptist, Gröbenzell, geschrieben [ ]

Unaufgeregt

Ökumene-Logo von GröbenzellGestern abend gab es hier in Gröbenzell die jährliche gemeinsame Sitzung des Pfarrgemeinderats und des evangelischen Kirchenvorstands. Die “ökumenische Zusammenarbeit” läuft, wie es unser Pfarrer darstellte, völlig unaufgeregt – so daß es zum Beispiel gar nicht mehr groß auffällt, dass oft sonntags abends der evangelische Pfarrer mit ein paar Ministranten in der Apsis steht und das gemeinsame Abendlob leitet. Da die Evangelischen mehr das Wort in den Vordergrund stellen, kommen dann die Katholiken in den Genuß einer ausgefeilten Predigt. Und da die Katholiken das Wort zugunsten der Liturgie manchmal ein wenig zurückdrängen, schnuppert so mancher aufrechte Protestant unversehens den Weihrauch während des Magnifikats.

Wir haben die gemeinsame Sitzung aus dieser Tradition heraus dann mit einer gemeinsamen Vesper begonnen. Kurz vorher rief allerdings der Kirchenmusiker an, dass er krank sei und deswegen die musikalische Gestaltung nicht übernehmen könne. Da habe ich mich denn zu einer Uraufführung entschlossen: zum ersten Mal, seit ich in Gröbenzell wohne, habe ich mich an die Truhenorgel geschwungen und die Vesper gespielt – was dann ebenfalls völlig unaufgeregt ablief. Für mich war die Umstellung von einer einzelnen Pfeife auf deren etwa 200 natürlich schon etwas ungewohnt, aber wie mir hinterher einer sagte:

“Na siehste. Es geht doch.”

Triller

Neulich suchte ich mal nach einer Beschreibung, wie die verschiedenen Trillermarkierungen auszuführen seien, aber es war nicht ganz so wichtig. Jetzt fand ich beim Netzschnüffeln zufällig eine Anleitung von Bachs Hand1):

ornaments

Da hat er aber schön geschrieben. Manchmal bin ich schon froh, dass ich nicht aus Originaldokumenten spielen muß, sondern auf fertig gesetzte Normnoten zurückgreifen kann. Heute hat man ja gar keine Handschrift mehr, sondern Sibelius2).


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Fußnoten:
  1. hier habe ich das Bild geklaut [ ]
  2. Sibelius ist ein Notensatzprogramm – meiner Meinung nach das mit dem schönsten Layout. Es gibt auch andere: früher habe ich viel mit Finale gearbeitet, bin aber irgendwann auf Sibelius umgestiegen. Außerdem kenne ich noch Capella und Toccata, beide für Windows und deswegen ebenso preiswert wie unerreichbar. Sibelius und Finale sind recht teuer, aber wirklich gut [ ]

Domkapellmeister

Das Münchner Domkapitel hat seinen Domkapellmeister, Herrn Karl-Ludwig Nies, entlassen. Auf dessen Dienst-Laptop fanden sich anläßlich einer Reparatur Dateien mit pornographischen Inhalt. Geltende Zivilgesetze wurden dadurch nicht verletzt: so gab es zum Beispiel keine kinderpornographischen Darstellungen.

Nun schlagen die Wellen in den Kommentaren recht hoch: müsse die Kirche nicht gerade hier besondere Duldsamkeit, Fürsorge und Menschenliebe gegenüber einem ihrer eigenen Amtsträger entfalten, dem hier ein Fehltritt unterlaufen sei? Man liest jetzt viel1) von Kopfschütteleien ob der harten Konsequenzen, und die ganze katholische Kirche wird vielfach als scheinheiliger Haufen hingestellt.

Fakt ist aber, dass jetzt kein Mensch den Gedanken an die Pornobildchen auf dem Laptop des Kapellmeisters verdrängen kann, wenn er einen feierlichen Gottesdienst im Dom besucht, während dessen Verlauf wunderschöne Musik unter der Leitung des Kapellmeisters erklingt. Man kann zwar die Forderung stellen, daß man das müsse – aber hier fordert man vergleichsweise viel, während die Forderung an den Kapellmeister, keine Pornobildchen auf den Dienstlaptop zu laden, vergleichsweise gering ist. Diese Forderung hätte dem Kapellmeister eigentlich auch unausgesprochen klar sein müssen.

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Fußnoten:
  1. zum Beispiel hier im Münchner Merkus online [ ]

divites

Magnificat VII. TonIm Heise-Ticker stand heute zu lesen, dass sich der Vorstand der Siemens-AG einen überaus kräftigen Schluck aus der Pulle genehmigt. Während der Staat die Steuergelder von Millionen Bürgern Milliardenfach den Reichen zum Fraß vorwirft, möchte Siemens-Aufsichtsratsvorsitzer Cromme im Jahr 2009 sein Einkommen von 310.000€ auf 796.000€ gesteigert wissen. Eine dem entsprechende Gegenleistung wird nicht verlangt.

Das wird er so nicht durchkriegen: ein paar Cent wird er dem Anstand schon lassen müssen. Aber mehr als Peanuts wird er nicht abgeben, aber statt dessen rumkrakeelen, was für ein Leistungsträger er sei. Und seine Kollegen alle mit.

Diese Unverschämtheit begreife ich nicht. Siemens verdient sich dumm und dusselig am Geschäft mit der Gesundheit – und der Kassenpatient bekommt keinen Termin mehr beim Arzt, obwohl er über 15% seines Verdiensts par ordre de la Muftisse abgezockt bekommt. Und diese Herren? Die stecken es sich ebenso bedenken- wie gewissenlos ein.

Dazu fällt mir nur Lk 1,53 ein:

Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und läßt die Reichen leer ausgehen1).

Diese Vertröstung wird den Herrschaften so passen, über sowas amüsieren sie sich königlich. Das war immer schon so.

Mir bleibt nichts übrig, als dagegen Musik zu setzen, und ich habe ihnen ein Magnificat im VII. Ton für’s edle Stammbuch geschrieben2). Aber auch diesen Ton werden sie nicht verstehen, weil ihnen die nackte Raffgier in den Augen steht. Zum Anhören des Schnipsels oben:

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.


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Fußnoten:
  1. Esurientes implevit bonis et divites dimisit inanes [ ]
  2. Wer möchte, kann es sich hier herunterladen. Wenn’s irgendwo aufgeführt wird, bitte ich um eine kurze Nachricht, Tantiemen bitte gleich an Herrn Cromme schicken, der und seine Spießgesellen kriegen’s letztendlich ja doch. [ ]

BWV

Schmieder: Bach-Werke VerzeichnisIn der Blog-Statistik läßt sich immer nachvollziehen, mit welcher Suchmaschinenanfrage dieses weblog gefunden wurde. In den letzten Tagen war auffällig oft meine angeklickt worden.

Eine Suchanfrage lautete auch “Was bedeutet BWV”. Da muß ich mich entschuldigen: ich schreibe nicht bei jedem Gebrauch dieser Abkürzung hin, dass es sich um das Bach-Werke-Verzeichnis von Wolfgang Schmieder handelt, in dem dieser 1950 alle damals bekannten oder angenommenen Kompositionen von Johann Sebastian Bach aufgelistet und durchnummeriert hat. Mir ist der Terminus “BWV” so geläufig, dass ich anhand der Nummer oft schon sehe, ob es sich um eine Kantate, ein Oratorium, Orgelwerke, Orchstersuiten etc. handelt1). Wenn man sich länger damit beschäftigt, dann geraten die Werke im Kopf so in eine geheimnisvolle Ordnung. Besonderen Spaß macht es, auf eine gegebene Nummer gleich den Titel sagen zu können oder umgekehrt. Aber sehr gut bin ich darin nicht.

Gut, man könnte bei den Kantaten meistens auf die Angabe der BWV-Nummer verzichten, denn der Titel ist meistens eindeutig. Aber nicht immer: es gibt gleich drei Kantaten mit dem Titel “Was Gott tut, das ist wohlgetan” (BWV 99, 100 und 101). Und da sie alle drei schön sind, kann man auf die Angabe der BWV-Nummer bei Weitem nicht verzichten.

Schmieder - WerkeverzeichnisUnd wenn einer Fuge BWV 542 sagt, dann kommt’s dem BWV-Acrobaten gleich: “Das Kaffeewasser kocht, das Kaffeewasser kocht“. Der Nicht-so-Kenner braucht hier vielleicht eher die Bezeichnung “Präludium und Fuge g-moll”, dann kann er auf “542″ getrost verzichten.


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Fußnoten:
  1. Hier findet sich ein Eintrag in der Wikipedia [ ]

Erlös

Die Gröbenzeller Weihnachtsliedervesper am 25.12. um 18:00 war wie immer gut besucht: die Kirche war voll. Das sind dann über 300 Leute, die gekommen waren, um mal wieder richtig Weihnachtslieder zu singen. Wir hatten den Chor, drei erste Geigen, drei zweite Geigen, zwei Bratschen, Cello, Fagott, Querflöten, 3 Blockflöten, Trompete und die Truhenorgel: das macht schon richtig feierlich was her. Zudem die schönen alten Weihnachtsliedersätze von Prätorius, Lohmann, Bach etc.: keinen weichgespülten Schnickschnack aus der Weihnachtsbäckerei.

Insgesamt hat’s über eine Stunde gedauert, die 9 Strophen von “Ich steh an Deiner Krippen hier” waren für die Gemeinde überhaupt kein Problem, weil man immer wieder zwischen Soli, Chor und Gemeinde abwechseln konnte1).

Die abschließende Sammlung an der Kirchentür brachte 380€ für die Gröbenzeller Kirchenmusik ein – das kann sich sehen lassen!


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Fußnoten:
  1. Letztes Jahr hatten wir 12 Strophen von “Vom Himmel hoch da komm ich her”. Geht genauso, keine Rede davon, dass drei Strophen das Äußerste sei … [ ]

Re-ligio

In der ZEIT Online stehen ein paar Statements, warum irgendwelche Leute religiös sind und andere nicht. Ich selber bin katholisch und weiß, warum. Deswegen empfinde ich die, die im Religiösen eher etwas Kindliches oder Dummes – auf jeden Fall nichts Erwachsenes, Beweisbares und Ernsthaftes – sehen, als ein wenig schnippisch. Aber das kann man auch anders sehen, kann sein. Einer schreibt zum Beispiel:

Wenn ich krank war und es mir schlecht ging, bat ich die unbekannte Macht in stillen Anrufungen um Hilfe, ich erhielt jedoch immer nur ein Schweigen als Antwort.

Hier handelt es sich tatsächlich um die Suche nach einer Re-ligio, einer Rückbindung: ich tu was Reales (nämlich Beten) und krieg dafür was Reales (nämlich Gesundheit). Christ-sein funktioniert aber so nicht, denn der Christ handelt nicht mit seinem Gott, und Gott handelt wahrscheinlich auch nicht mit seinem Christ. Menschen, die die Religion so bewerten wie oben zitiert, verstehen sie vielleicht überhaupt nicht – und sie können sie auch nicht verstehen. Wie macht man das denen klar?

Man könnte es musikalisch versuchen1). Nehmen wir einmal diese Noten hier:

Wer keine Noten lesen kann, der erkennt zwar Noten, aber sonst gar nichts – er hat keine Vorstellung, was das sein soll. Und er kann sich unter Umständen nicht einmal vorstellen, dass andere Menschen hier tatsächlich eine Melodie sehen: es ist der Anfang von “Es ist ein Ros entsprungen”.

Wenn ich so eine Melodie sehe, dann erkenne ich nicht nur, um was es sich handelt, ich denke dabei sofort auch eine kleine Variation hinzu. Dazu muß ich mich nicht groß anstrengen – es ist so, und ich kann eigentlich gar nicht anders, es ist einfach da. Zum Beispiel so:

Aber diese Variation, die man ohne weiteres dazu spielen kann, ist nicht vollkommen beliebig: sie folgt einer festen Gesetzmäßigkeit, innerhalb derer sie zwar frei ist, deren Grenzen sie aber nicht verlassen kann. Diese Gesetzmäßigkeit ist nicht in der Melodie selbst verborgen, sondern sie wird gebildet durch ein festes Fundament, das man einfach im Kopf haben muß – sonst kann man nicht mitspielen:

Das Fundament ist die Baßstimme, und wenn sich da eine Note ändert, dann macht das was Grundlegendes mit der Melodie – sie muß dann anders laufen2) – und die Variation funktioniert überhaupt nicht mehr.

Man kann nun nicht einfach zu “irgendeiner Macht” beten, dass einem was einfallen möge: es muß schon angelegt sein, und dann kommt es letztendlich von selber. Das muß man wissen und sich darauf verlassen können, und man muß viel üben und trainieren, denn man muß selbst die Voraussetzungen schaffen, dass überhaupt etwas passieren kann.

Das ist in der Religionsausübung natürlich ganz genau so: sie braucht Übung, und zwar langjährig und immerwährend, mal mehr, mal weniger. Jemand, der immer Atheist gewesen ist, kann überhaupt nichts zum Christentum sagen: er spricht wie ein Farbenblinder von einer Ampel. Er kann sie nutzen, weil er weiß, dass er fahren darf, wenn das untere Licht an ist. Er wird auch immer behaupten, dass es Farben – was immer das auch sei – überhaupt nicht braucht: er könne sich bewiesener Maßen auch ohne sie vollkommen sicher im Straßenverkehr bewegen. Dem ist nichts entgegenzusetzen: da hat er recht. Aber man kann daraus nicht folgern, dass die Farben abzuschaffen sind, weil die Farbenblinden sie nicht brauchen.


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Fußnoten:
  1. aber es wird trotzdem nicht klar werden, das weiß ich. [ ]
  2. Umgekehrt könnte man das vielleicht auch sagen, sonst wäre es nicht leicht möglich, zu einer gegebenen Melodie eine Baßstimme zu finden. Verschiedene Komponisten haben verschiedene Muster, wie sie Baßstimmen erfinden – das macht hauptsächlich den Charakter des Stückes aus. [ ]

O du fröhliche

Wie gesagt, in der Weihnachtsliedervesper will einer die Trompete spielen: das muß man gnadenlos ausnützen. Das geht natürlich auch sehr gut bei “O du fröhliche”. Ich habe mir heute schon anhören müssen: “Wenn ein Flötist für einen Trompeter was schreibt, dann ist der Trompeter eine arme Sau”. Na ja, das Publikum hat ja die Noten nicht, und man kann ja das ein- oder andere ein wenig, sagen wir kommoder gestalten. Was weiß ich, wie Trompete spielen geht.

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Der Chorsatz ist übrigens von dem dieses Jahr verstorbenen ehemaligen Münchner Domorganisten Max Eham. Wir haben ihn am 1. August auf dem Münchner Waldfriedhof begraben: es war eine wirklich schöne Beerdigung. Der singt jetzt oben bei den Engeln mit, und wir noch ein bißchen hier unten. Was auch nicht schlecht ist.

Dreikönigsspiel

In den letzten Wochen habe ich – passend zum Oberuferer Christgeburtsspiel vor einigen Jahren – mir das Oberuferer Dreikönigsspiel vorgenommen. Uta Probst, Lehrerin an der Steiner-Schule in Gröbenzell, hat die Komposition von Leopold von der Pals für ein Streichquartett transskribiert und ich hab’s gesetzt1) – so daß man jetzt nicht immer von fliegenden Blättern spielen muß.

Kleine persönliche Anmerkung dazu: Es wird dem Stück manchmal eine “antisemitische Aufführungspraxis” angehängt. Tatsächlich ist es so, dass in dem Theaterstück ein paar Juden den Herodes beraten, und die kann man – wenn man will – lächerlich darstellen. Aber eine lächerliche Darstellung der Juden steht weltweit an jeder Weihnachtskrippe. Bei Jesaja 1,3 lamentiert der nämlich:

Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht.

Die Praxis, Rind und Langohr an die Krippe zu stellen, soll also mitnichten die Naturverbundenheit Gottes herausstellen – im Gegenteil: sie ist ein – vor langer, langer Zeit – von der christlichen Kirche gezielt gesetztes Zeichen der Verachtung gegenüber den Juden. Weiß zwar heute keiner mehr – aber soll der, der es weiß, die Tiere jetzt da wegnehmen? Oder soll er sagen: das ist mir egal, für mich und die heutige Zeit ist das keine Verachtung der Juden mehr, sondern ein Zeichen dafür, dass Jesus Christus für die gesamte Welt gekommen ist, und nicht nur für uns Menschen? Ich denke, da muß man nicht lange reden.

Ähnliches geschieht auch in Bachs Passionen: da schreien und toben explizit die “Jüden”, und mordgeil verlangen sie nach dem Tod dieses Messias’. Aber es sind damit eben nicht namentlich die Juden gemeint, sie waren eben nur damals ebenfalls gerade in Palästina, als Jesus dort zur Erde kam. Er hätte auch in Bayern kommen können – sie hätten dasselbe Spielchen mit ihm getrieben (und ich fürchte, sie täten es heute noch).

Wir alle sind gemeint – nicht “die Juden”.


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Fußnoten:
  1. wer’s haben will, der darf sich gerne an mich wenden [ ]

Tochter Zion

Weihnachten naht – und damit auch die Weihnachtsliedervesper, die am 1. Weihnachtstag um 18:00 in St. Johann Baptist stattfindet. Da haben wir einen Chor, ein kleines Orchester – und singen aus vollem Halse Weihnachtslieder, eingebettet in ein feierliches Abendlob. Die Kirche ist voll, und es gibt kein Schlußlied, sondern drei bis sieben.

Dieses Jahr war einer unvorsichtig und hat zugegeben, dass er zu Hause im Musikverein die Trompete bedient. Das hört sich doch gut an: dann werden wir zum Einzug die “Tochter Zion” mit eine Fanfare begrüßen. So eine Oberstimme zu schreiben macht Spaß: da muß ich dauernd grinsen.

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Die hier wiedergegebene mp3-Aufnahme ist natürlich schwach: Chor, Orchester und Gemeindegesang sind durch ein synthetisches Klavier ersetzt. Man muß sich das halt volle Kanne vorstellen, mit Tannenbäumen, Kerzen, Weihrauch und einer größeren Schar rot-weiß berockter Ministranten.

Nachtrag: Wer den Satz haben will, der kann sich vertrauensvoll ans Diesellog wenden. Ich schick ihm dann die PDF-Datei. Natürlich gegen die Zusicherung, dass sie nicht unberechtigt weitergegeben oder öffentlich zugänglich ins Netz gestellt wird.

Totentanz

Gestern abend haben wir in St. Lorenz/Nürnberg Distlers “Totentanz”1) aufgeführt. Durch Musik und teilweise originale, teilweise nachgedichtete Texte wird in dieser Komposition der Unausweichlichkeit des Todes gedacht2). Der Tod tritt auf, holt sich einen Menschen und liest ihm die letzten Leviten, bevor es für immer in Gottes Reich geht. Dabei ist es dem Tod völlig gleich, ob es sich um Edelleute, Bischöfe, Ackerbauern, Kinder oder Greise geht: alle müssen mit, alle müssen den letzten Tanz nach seiner Pfeife tanzen.

Zwei Gedanken aus diesem mittelalterlichen Spektakel sind bemerkenswert:

Reich & Arm: Die Menschen, die im Leben arm oder machtlos waren, kommen in der vom Tod gehaltenen Rückschau auf ihr Leben immer besser weg. Wenn auch der Bauer sagt: “Deiner hab’ ich nicht gedacht!”, so bekommt er dennoch zur Antwort: “Wenn ich dein Tagwerk wohl anseh, mein ich, daß Gott dich nicht verschmäh.” Wogegen der Bischof auf seine Selbsterkenntnis “… bin ich verachteter zur Stund’ als ein unrein stinkender Hund” nur ein “aber mit hoffärtigen Sitten bist du auf hohem Pferd geritten!” erhält. Das Wort “Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr denn ein Reicher in das Himmelreich” scheint eine gesellschaftliche Ur-Erfahrung der Menschheit zu sein. Sonst würde dies an den entscheidenden Nahtstellen des Lebens nicht immer so dringend erwähnt.

Teufel & Hölle: An keiner Stelle des Totentanzes sind Hölle und Teufel erwähnt. Das ist auch stimmig: Diese beiden Instanzen gibt es in christlichen Zusammenhängen nicht3) – jedenfalls ist derlei von Gott für die Menschen nicht vorgesehen. So schickt der Tod auch niemanden in die Hölle, sondern sendet stets alle in Gottes Reich. Der Tod bestimmt nicht die Zukunft des Menschen, sondern schaut auf das Leben des Menschen zurück und gibt einen bewertenden Kommentar. Keinem der Abgeholten ist durch irgendeine Tat in dessen Leben (Der Edelmann: “Ich dachte nichts als Saufen und Prassen, schindet’ und plagt’ mein Untersassen.”) der Eingang in Gottes Reich verwehrt.

Kritik an Distlers Totentanz, NZ, 24.11.2008

Das erscheint mir ein interessantes Licht auf das “Mittelalter” zu werfen, das wir ja oft als ein wenig “finster” beurteilen. Das scheint so nicht gewesen zu sein – wohl aber vielleicht der Ausschnitt, den wir sehen.4)

Nachtrag: hier ist die Kritik aus den Nürnberger Nachrichten vom 24.11.2008. Danke an Tobias für’s Besorgen!


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Fußnoten:
  1. Vocalensemble St. Lorenz, Leitung: KMD Matthias Ank [ ]
  2. Die evangelische Kirche feiert diesen letzten Sonntag im Kirchenjahr als “Totensonntag”. Die Katholiken nennen diesen Sonntag “Christkönig” – als Zeichen der Hoffnung dafür, dass am Ende aller Zeiten Jesus Christus als König wiederkommen wird. [ ]
  3. Hölle & Teufel werden wohl immer wieder im Zusammenhang mit dem Christentum erwähnt, haben damit aber ursächlich nichts zu tun. Die Hölle macht sich jeder Mensch selbst, denn die Hölle ist eine Ausgeburt der Angst um oder vor irgendwas. Deswegen werden Schlüsselszenen in der Bibel auch immer mit einem “Fürchtet Euch nicht” eingeleitet: Irgendwas wird sich jetzt radikal ändern, aber man muß keine Angst haben. Teufel und Hölle haben hingegen immer einen sehr diesseitigen Bezug, der mit Angst vor der Veränderung – also dem Nicht-Loslassen-wollen – zu tun hat. [ ]
  4. Bild: St. Lorenz von der Empore der Hauptorgel aus gesehen, in Höhe des Dachbodens der Seitenschiffe. Vorne links die Laurenzius-Orgel, rechts im Querschiff ist die Stephanus, Orgel, die von hier nicht sichtbar ist. [ ]

Shake the dome

Zu jedem Konzert gehört eine Kritik1), und diese hier kann sich sehen lassen.

Der Titel “Shake the dome” bezieht sich auf ein Chorstück im “Solomon”: Der König zeigt der Königin von Saba, dass man mit Musik alle vier Temperamente so darstellen kann, dass man sich wie hineinversetzt fühlt. “Shake the dome” ist eine martialisch lärmende Partie:

Shake the dome, and pierce the sky2).
Rouse us next to martial deeds;
clanking arms, and neighing steeds,
Seem in fury to oppose. -
Now the hardfought battle glows.

Und das klingt auch so: Händel bietet alles auf, was er hat.


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Fußnoten:
  1. Danke an Hans-Jörg Geßler, der mir die Kritik besorgt hat! [ ]
  2. Laß das ganze Haus erzittern, durchbohre den Himmel mit dem Spieß, Auf! Zu martialischen Taten! Mit klirrenden Waffen und schnaubenden Rossen, die sich ungezähmt gegenüberstehen: So tobt die hartgefochtene Schlacht! [ ]

Generalprobe

Am Sonntag war in der Tübinger Stiftskirche Händels großartiges Oratorium “Solomon”, bei dem ich die Ehre hatte, sowohl singend als auch spielend mitwirken zu dürfen.

Eine Aufführung hat schon ihren besonderen Reiz, wenn alle im feinen Zwirn auf dem Podium stehen und punktgenau die Leistung bringen, für die sie monatelang geprobt und geübt haben.

Interessanter noch sind die Proben “mit dem gesamten Apparat” vorher: Chor und Orchester sehen sich ja in der Regel nur ein oder zweimal vor dem Konzert. Hier wird dann deutlich, was noch keiner der Ausführenden je gehört hat: wie Arien und Chöre zum ersten Mal ein großes Ganzes ergeben, wie die Tonarten und Besetzungen aufeinander folgen und wie die Anschlüsse der einzelnen Musikstücke untereinander zu bewerkstelligen sind.

Es ist sehr bemerkenswert, dass es nach einem großartigen Schlußakkord – mit Pauken, Trompeten und Chor – sofort rein geschäftsmäßig weitergeht: Sie bitte dort ein wenig lauter, Sie darf man hier nicht so heraushören und der Chor kann ein Ritardando noch genauer abnehmen. Alle sind in Arbeitskleidung, und es wird viel miteinander gelacht – aber auch höchst konzentriert gearbeitet. Nicht zu beneiden sind Streicher und Continuo: die spielen von Satz 1 bis 60 alle durch. Etwas weniger haben die Bratschen zu tun, noch weniger die Bläser, und nur ganz wenig die Blechbläser und Pauken. Deswegen organisiert ein erfahrener Dirigent die Hauptprobe so, dass jeder Musiker möglichst geringe Wartezeiten hat. Das wiederum führt dazu, dass man das Werk vor der Aufführung in der Regel nie in seiner letztendlichen Reihenfolge hört – höchstens im “Schnelldurchgang”, um die Anschlüssezu proben. Die Mittelteile werden dann oft aus Zeitnot weggelassen.

Wer sich ein Bild von der Stimmung machen möchte: ich hab ein wenig herumfotografiert.

Pappenheim

Chorwochenende mit dem Vokal-Ensemble an der Lorenzkirche Nürnberg unter der Leitung von Matthias Ank. Geprobt wird hauptsächlich Distlers “Totentanz”, der mir im Moment noch ein wenig schwergängig vorkommt. Aber das kann sich bei Distler noch ändern: man muß sich in seine schwermütige Harmoniewelt erst reindenken. Die geistliche Motette “Fürwahr, er trug unsere Krankheit” mit der komplexen 12-Ton-Fuge in der Mitte habe ich jetzt zwar oft gesungen, verstanden aber nach wie vor nicht: ich finde den inneren Zusammenhang nicht. Ganz anders der “Feuerreiter” oder die weltlichen Gesänge (“Ein Stündlein wohl vor Tag”, “Die traurige Krönung” etc.): die sagen mir mehr, weil sie nicht so depressiv sind. Der “Totentanz” hat übrigens heute Nacht ganz aktuelle Bedeutung: er hat sich Jörg Haider geholt, den Vorsitzenden der rechtspopulistischen BZÖ in Österreich. Könige, Bischöfe, Kinder, Kaufleute, Greise: alle müssen mit, keiner wird um Einverständnis gefragt.

Des Weiteren Schütz, Lasso und Palestrina mit Vertonungen zum Psalm 137 “Super flumina babylonis”1).

Erstaunt bin ich immer wieder über den Ideenreichtum und die musikalische Genialität von Arvo Pärt, hier hinsichtlich seiner Vertonung des Psalm 137 für Chor und Orgel. Er löst sich vollkommen vom Psalmtext und zeichnet nur noch das Weinen und Heulen nach, indem der Text zu Vokalisen zusammenschurrt. In der Melodieführung erweitert er einen zunächst einzelnen Ton solange durch Sekundintervalle, bis aus einem kleinen Schluchzen ein großes Weinen und Klagen geworden ist. Daraus wird eine leise, aber sehr eindringliche Musik, die den Text des Psalms genau ausdrückt.

Chorsingen ist gut für Leib, Geist und Seele. Und die Verpflegung in der Landvolkhochschule Pappenheim ebenso: aus solchem Institutionen kommt man immer ganz genudelt wieder raus.

Das zugehörige Konzert ist übrigens am 22. November in Nürnberg, Lorenzkirche.


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Fußnoten:
  1. An den Wasserflüssen Babylons saßen wir und weinten”. Hier der Text in der Einheitsübersetzung und in der Luther-Übersetzung [ ]