Archive for the 'Nachruf' Category

+ Steve Jobs

Am 5. Oktober 2011 ist Steve Jobs, der Gründer von Apple Computers, gestorben.

Es sterben viele Menschen um mich herum, auch berühmte und sehr bekannte, das ist so, ich nehme es zur Kenntnis und gehe zur Tagesordnung über. Aber bei Einigen ist es anders, denn sie haben einen irgendwo immer begleitet, man hat sie immer bemerkt, sie sind Bestandteil des eigenen Lebensgefühls gewesen. So einer war für mich Steve Jobs, und insgeheim habe ich immer gehofft, dass er nicht vor der Zeit stirbt, ab der ich alt und klapprig werde und mit Computern nichts mehr anzufangen weiß. Denn ich wollte immer wieder mal lachen und sagen: genau das ist es, die Kiste will ich haben1). Ich hatte mir so für mich gesagt: der ist genauso alt wie Du, und er wird auch mit Dir gleichzeitig älter, und da kommen ihm schon genau die Ideen, die du für deine Arbeit brauchst.

Tja, seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Er hatte wohl vor 30 Jahren schon die Vision, dass ein Computer so sein muss wie ein iPad, und das Ding hat er sich gebaut. Und damit zigtausenden von Menschen Arbeit gegeben, der Welt eine Vorstellung von der Eleganz der alltäglichen Dinge hinterlassen und viele Denkmale für Industriedesign geschaffen. Er war kein Techniker, kein Designer, kein Maler, Schriftsteller, Filmemacher oder sonst was. Er war einer, der alle diese zusammenführen konnte und ihnen sowohl eine gemeinsame Plattform als auch ein gemeinsames Ziel gab. Einer, der das Beste aus ihnen herauskitzeln konnte.

Ich habe nie Apple-Aktien gehabt, ich wüßte auch nicht, wozu das nötig sein sollte. Aber ich hatte innerlich wie äußerlich schönes Handwerkszeug für meine ganz alltägliche Arbeit. Kann man schon mal Danke für sagen.


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Fußnoten:
  1. Und das war sehr oft so. Bis auf den Apple II, die Lisa (zu teuer), den iPod 1 und Apple-TV habe ich mir immer alles gekauft. [ ]

+ Else Reuter

Am Epiphaniastag, dem 6. Januar 2010, kurz vor Mitternacht ist meine Mutter Else gestorben.

Sie wurde am 13. August 1926 in Mülheim an der Ruhr geboren, als Älteste von vier Geschwistern. Mit 83 Jahren hat sie ein gesegnetes Alter erreicht. Ich habe sie kurz nach Weihnachten im Irminen-Stift in Trier nochmal besucht, wo sie seit einiger Zeit auf der Pflegestation war. Sie saß dort am Tisch im Gemeinschaftsraum, bekam ein Schälchen Apfelkompott und ich habe ihr noch ein Glas Wasser gegeben.

Ihre Kindheit und Jugend war überschattet von Nazi-Regime und Führer-Kult. Sie hat da nie viel drüber gesprochen, weil ihr der Irrsinn dieser Zeit wohl später klar geworden war: sie war da hineingeboren, alle machten mit – und erst später, lange nach dem Krieg – gingen ihnen die Augen auf, auf was sie sich eingelassen hatten. Vielleicht auch, was man hätte tun können; allein: hinterher ist man immer klüger.

—-» + Else Reuter weiterlesen …

+ Fr. Palmatius Bösen

palmatiusIn den letzten Tagen ist Fr. Palmatius Bösen vom Orden der Barmherzigen Brüder in Trier verstorben1). Ich lernte ihn etwa 1981 näher kennen: er lebte in einer kleinen Hinterhofwohnung in der Nachbarschaft des Ottilienkollegs am Englischen Garten in München – nicht gerade die ideale Wohnsituation für einen Ordensbruder, aber es war nicht anders zu machen. Von dort ging er täglich zur Arbeit im Münchner Dom oder zum Religionsunterricht an einer benachbarten Schule. Gerne wurde er zu besonderen Veranstaltungen, z.B. den Professorenabenden, im Ottilienkolleg eingeladen und nahm ebenso gerne teil. Wir trafen uns immer wieder einmal im Garten des Kollegs und hielten ein Schwätzchen: ich kannte ihn nämlich von früher: er war zu meiner Gymnasialzeit Dombruder im Trierer Dom gewesen. Kraft dieses Amtes hat er mich wegen ungehörigen Benehmens im Trierer Dom einmal schwer zur Sau gemacht. Für mich war das nicht schlimm: ich ging da fast täglich durch (es war der kürzeste Geheimweg von der Schule zum Hauptmarkt), und sowas kommt vor.

Ich habe ihn als stillen, freundlichen Mann mit klaren An- und Absichten erlebt. Zuletzt traf ich ihn letztes Jahr anläßlich der Beerdigung von Max Eham. Er erschien mir etwas kleiner und durchsichtiger geworden, auch setzte er seine Füße sehr vorsichtig. Aber auf meine Frage hin betonte er, es ginge ihm gut. Das stimmt jetzt dann auch.


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Fußnoten:
  1. Zeitungsausschnitt: Münchner Kirchenzeitung vom 1. März 2009 [ ]

+ Ria Frohnhofen

Friedlich und bestens versorgt ist unsere Mutter am Dienstag, den 12. August verstorben. 1925 war sie am Niederrhein geboren worden und in ihrem geliebten Emmerich aufgewachsen. Ihre Jugend hat sie weitgehend an das Nazi-Regime verloren, Reichsarbeitsdienst und Funkeraufgaben standen im Mittelpunkt. Nach dem Krieg ein kurzes Studium an der PH in Aachen (vier Semester und noch mit viel Nazi-Pädagogik durchsetzt), Volks-, später Grundschullehrerin in Katzem, dann Lövenich bei Erkelenz. Verheiratet seit 1952, fünf Kinder, trotzdem weiter berufstätig, stets kulturell, philosophisch und literarisch sehr interessiert und wach bis ins hohe Alter.

Nach dem Tod ihres ältesten Sohnes Karl im Jahr 1999 wurde sie von Brustkrebs befallen, Anfang des laufenden Jahres ergaben sich zahlreiche Knochenmetastasen und der körperliche Abbau schritt dann trotz aller medizinischer Hilfen schnell voran. Der größte Segen für sie waren in den letzten Monaten das Morphium, aber auch die Aufnahme, zusammen mit ihrem Ehemann, in das Alten- und Pflegeheim der Johanniter in Erkelenz. Was immer Negatives über solche Heime heute erzählt und geschrieben wird; für die Johanniter in Erkelenz gilt es jedenfalls nicht. Unsere Eltern wurden dort in solch vorbildlicher Weise physisch, psychisch und geistig aufgenommen und betreut, dass es besser kaum vorstellbar ist – und privat schon gar nicht zu leisten wäre.

Geistig war unsere Mutter bis zum Schluss nahezu topfit. Noch am Sonntag diskutierte und verfasste sie über Stunden hinweg – offenbar mit letzter Kraft – ihr Testament, am Montag besuchte sie den Einschulungsgottesdienst ihres Enkels Marius; danach fiel sie in ein Halbkoma und starb einen Tag später. Auch im Krankenhaus in Erkelenz kümmerte man sich in den letzten Stunden ihres Lebens in jeder Hinsicht rührend um sie; von ihrer großen Familie war immer jemand zugegen und sie schlief friedlich ein.

Was bleibt als Erinnerung an sie? Unendlich vieles natürlich. Besonders aber: Sie war eine sehr fleißige, gläubige und intellektuell sehr rege Frau. Für feministisches Gejammer hätte sie weder Zeit und Lust noch Verständnis gehabt; stattdessen hat sie eifrig ihre Aufgaben in Beruf und Familie wahrgenommen. Wenn sie überhaupt darüber geklagt hat, dass ihr im Leben Chancen genommen wurden, dann lastete sie das nicht – wie es heute recht verbreitet ist – pauschal den Männern an, sondern sehr direkt den Nazis. Und dass dieses Regime wahrlich nicht nur durch Männer getragen wurde, war ihr sehr wohl klar.

Völlig gegen alle Tendenzen der heutigen Zeit war ihr Selbstverständnis als Pädagogin ausgerichtet. Absolut unverständlich wäre es für sie gewesen, eines ihrer Kinder in einen Beruf oder zu sonstigem zu drängen, nur weil dies aus irgendeinem Grunde gesellschaftlich lukrativ erschiene. Stattdessen war ihr – sicher sehr christlich geprägtes – pädagogisches Credo, dass jedes Kind, jeder Mensch jene Talente entfalten solle, die ihm ganz persönlich gegeben sind. Ob dieses Kind dann letztlich Schreinermeister, Arzt oder gar Politiker würde, war ihr wurscht. Wichtig war ausschließlich, ob dies dem Kind gemäß sei, so dass es selbst damit zufrieden werden könne. Vor diesem Hintergrund wäre es ihr völlig abstrus vorgekommen, ihre Kinder mit Nachhilfestunden oder ähnlichem zu etwas zu drängen; vor diesem Hintergrund war es ihr auch unerklärlich, dass man in der Gesellschaft seit den Siebzigern zunehmend nur solche Menschen noch als Menschen anerkannte, die mehr als die Volks- bzw. Hauptschule besucht hatten.

Mir selbst kam es völlig entgegen, dass sie sich – zusammen mit ihrem Mann – um meine schulische Entwicklung, einschließlich der Hausaufgaben nur insoweit kümmerte, als sie ab und an mal nachfragte, ob so weit alles okay sei. Da ich das in der Regel bejahte, interessierten andere Dinge. Diese lange Leine in schulischen Dingen würde ich vielen Kindern heute wünschen. Mir jedenfalls ermöglichte dies, dass mir der Spaß am Lernen erhalten blieb, dass ich mir jenes heraussuchen konnte, was mich wirklich zu lernen interessierte (und dies war in der Schule nur ein kleiner Teil) und anderes ungestraft beiseite legen konnte. Dies war aus meiner heutigen Sicht die wichtigste Voraussetzung dafür, dass ich später 12 Jahre lang mit riesigem Interesse studierte und auch heute gerne wissenschaftlich tätig bin. Hätte man mich irgendwann zum Lernen angehalten und gezwungen, so hätte ich dies wahrscheinlich ebenso gründlich zurückgewiesen wie das Ansinnen meines bekloppten Musik-Lehrers, ich müsse unbedingt Geige spielen. Vielleicht wäre das auch mal ein Hinweis für heutige Pädagogik: Einfach die Kinder mal in Ruhe das lernen lassen, was sie wirklich wollen und sie mit dem anderen möglichst verschonen. Für mich war dies eines der großen Geschenke unserer Mutter – und natürlich unseres Vaters, der dies auf seine Weise unterstützte.

Wenn unsere Mutter nun am kommenden Montag zu Grabe getragen wird, kann ich nicht wirklich traurig sein. Eher überwiegen die Gefühle der Dankbarkeit und auch der Erleichterung darüber, dass die schwere letzte Phase ihres Lebens überstanden ist. Ihr Sterben und ihr Tod sind für mich eine wichtige Erfahrung dessen, dass solches nicht im physischen und psychischen Desaster enden muss; vielmehr erfahre ich sie aufgehoben, erlöst und aufgenommen in jenes unendliche Geheimnis, das die Menschen sich in ihrer unendlichen Hilflosigkeit “Gott” zu nennen angewöhnt haben.

+ Maria Schommer

Meine liebe Schwiegermutter, Maria Schommer, ist am vergangenen Freitag, dem 4. April 2008 gestorben. Sie war am 2. Juni 1921 geboren – wäre dieses Jahr also 87 Jahre alt geworden.

Ich habe sie sehr gern gehabt, und ich konnte jederzeit mit ihr über alles reden, was mir in den Sinn kam. Sie war eine Frau, die sich das Denken niemals von anderen hat abnehmen lassen. Unsere Familiensituation war ja nun nicht gerade einfach: immerhin bin ich seit 1992 von ihrer Tochter geschieden – das sind nicht die optimalen Voraussetzungen für ein verständnisvolles interfamiliäres Miteinander. Sie sagte mir einmal “Weißt Du, Thomas: ich kann Dich in Vielem verstehen. Aber es ist und bleibt meine Tochter, und ich werde sie immer lieben.” Das war ihre klare Sprache – eine Sprache, die die Menschen verstehen konnten. Sie hat nie jemandem nach dem Mund geredet – egal, wie nah er ihr war -, und sie war dafür eine geachtete Persönlichkeit in dem Dorf, in dem sie lebte.

Eines ihrer Lieblingsgedichte war:

Die Zeit geht wie ein Rad herum und dreht uns alle um und um
kein Augenblick bleibt stehen.
Die Stunde flieht, der Tag vergeht, der Mond verbleicht, das Jahr vergeht:
wir gehen und vergehen.

Die Zeit ist flüchtig wie das Glück, es nützt uns nur der Augenblick,
den wir getrost verwalten,
ein Werk zu tun und hier und dort mit einer Hilfe, einem Wort,
die Stunde zu verhalten.

Schon mancher stürmte aus dem Haus und schaute nach dem Großen aus
und ließ die Zeit vergehen.
Wer nur nach großen Dingen sieht und so das kleine Leben flieht
bleibt töricht dabei stehen.

Man muß das Kleine tapfer tun, darf niemals warten, niemals ruhn
in diesem Weltgetriebe;
muß schmieden seinen kurzen Tag, so lang er glüht mit festem Schlag
was bleibt, ist nur die Liebe.

Ich habe ihr das Gedicht zum 80. Geburtstag im Jahre 2001 vertont. Dazu hatte ich eine Violinstimme eingefügt, weil die Judith gerade Geige lernte. Aber sie hatte noch keine b-s gelernt, nur Fis, und deswegen sah ihre Stimme mit den vielen Kreuzen in c-moll ein wenig seltsam aus. Aber immerhin konnte sie es so spielen.

Maria war von Grund auf und mit stetiger Reflexion katholisch – im besten Sinne, und viele Denkweisen habe ich im Laufe der Zeit von ihr übernommen. So konnte sie sich aufregen wie ein Rohrspatz über Katholiken, die neben ihrer streng geordneten Kirchenwelt nichts mehr bestehen lassen konnten – und ebenso regte sie sich auf über Menschen, die für nichts anderes lebten als ihren Bauch und ihren Wohlstand. Sie hatte einen gesunden Blick für das, was gut war für die Menschen, und wer zu ihr kam, fand eine gut und aktive Zuhörerin, deren Meinung nicht der Theorie, sondern der praktischen Lebenserfahrung geschuldet war.

Ich bin froh und dankbar, dass mir das Schicksal eine solche Schwiegermutter geschenkt hat: sie hat durch ihre nüchterne, aber stets liebevolle Art vieles einfacher gemacht als es zunächst aussah. Sie war einfach ein guter Mensch.

+ Norbert Schuster

Norbert Schuster +Mein Kollege Prof. Dr. theol. habil. Norbert Schuster (47), Priester der Erzdiözese Freiburg und Professor für Pastoraltheologie an der KFH Mainz, ist am Mittwoch vormittag gegen 10 Uhr gestorben.

Norbert Schuster war der jüngste Kollege unseres Fachbereiches und der geschäftigste. Er nahm nicht nur seine Professur an unserer Hochschule seit fünf Jahren mit großem Engagement wahr, sondern war gleichzeitig in einem Altenheim, in seiner Wohnpfarrei und in der Hochschule seelsorglich und liturgisch tätig. Er beriet die österreichische Bischofskonferenz und eine Reihe von deutschen Diözesen in pastoralen Fragen und hielt bundesweit Vorträge und Fortbildungen zum Themenschwerpunkt: “Wie bekommt und erhält ein kirchliches Krankenhaus sein kirchliches Profil?” Mit all diesen Engagements schien er mir deutlich überfordet; doch er wollte oder konnte in seinem Engagement nicht nachlassen. Er wirkte ständig wie ein Getriebener. Wer oder was trieb ihn eigentlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass er sich nach Geborgenheit sehnte, einer Geborgenheit, die eine Familie ihm hätte vielleicht geben können. Ein paar Mal schlug ich ihm vor, in den Ferien mal eine Woche gemeinsam zu wandern; doch am Ende fand er auch dazu dann doch immer wieder keine Zeit. Im Gegenteil: Er schlug mir weitere Arbeit vor: z.B. ein gemeinsames Institut zu gründen, in dem die Theologie der Sozialen Arbeit beforscht und gelehrt werden solle. Ich winkte nach einigen Vorarbeiten ab, konnte mir zusätzliche Arbeit derzeit einfach nicht vorstellen.

Wenn er eines wusste – so sagte er aufgrund seiner vielfältigen Erfahrungen mit Krankenhäusern, Demenzkranken und Pflegebedürftigen – so, dass er selbst nie pflegebedürftig werden wolle. Und dies – so wissen wir heute – hat er dann wohl auch mit aller Konsequenz am Ende so gelebt. Obwohl er Fußball sehr liebte, verzichtete er am vergangenen Sonntag abend auf das Anschauen des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft, um noch einige Arbeiten fertig zu stellen, die er mir dann per Mail um 22:13 Uhr zusandte. Am Montag früh ließ er sich mit Symptomen, die wohl auf einen Schlaganfall hindeuteten, ins Krankenhaus bringen; dort lehnte er aber – noch bei Bewusstsein oder über Patientenverfügung – alle Hilfen (auch eine Verlegung in die Uniklinik) ab, die lebensverlängernd hätten wirken können. Zwei Tage später, am Mittwoch vormittag, verstarb er.

So wild, selbstbestimmt und konsequent, wie er gelebt hat, ist er wohl auch gestorben. Möge er in Gott die Vollendung und Geborgenheit finden, nach der er sich so sehr gesehnt hat.