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Kisten stapeln

Die ZEIT fragt: “Was war Ihr peinlichster Nebenjob“? Mein Beitrag:

sektflascheIch habe mal sechs Wochen bei Faber Sekt Flaschenkisten vom Band genomen und auf Paletten gestapelt (6,21 DM/Stunde). Da habe ich mir selbst immer Verfahren ausgedacht, wie man die Kisten so setzen muß, dass man mit möglichst wenig Kisten möglichst schnell in der 5. Etage ankommt, ohne dass eine Kiste irgendwo überhängt. Oder ob man zwei Türme bauen kann und die dann hinterher von der Mitte her auffüllt. Oder ob man absolut symmetrisch von der Mitte her oder zur Mitte hin bauen kann. Oder ob es praktisch ist, wenn man so baut, dass die letzte Kiste unten links in die Ecke paßt (Es ist nicht praktisch, weil die oberen Kisten ein wenig absacken, und man hat eine Menge Arbeit, die letzte Kiste dort unten einzuschlichten. Ohne Tritte geht es nicht, und danach sieht die Kiste mitgenommen aus. Man muß also beim Ausliefern die Palette so hinstellen, dass die Knautschkiste nicht gleich auffällt. Ich habe gelernt: Kunst ist Arbeit).

Anfangs noch kam der Vorarbeiter vorbei, und ich mußte dann unter Aufsicht eine solche halbfertige Palette wieder Ebene für Ebene auf eine andere Palette umschlichten – im laufenden Betrieb, versteht sich. Einmal hat er allerdings den “abstrakten” Aufbau unbemerkt beobachtet und gesehen, dass es geht. Ab dem Moment hat er nichts mehr gesagt, nur noch den Kopf geschüttelt und mich “Trümmerbauer” genannt. Oder das halbfertige Ergebnis mit “wieder so’ne Dresden-Palette, wat soll der Scheiß” kommentiert. Einmal hat mitten in so einer halbfertigen Dresden-Palette die Schichtglocke geklingelt: darauf hatte der nur gewartet. Ich mußte solange dableiben, bis die Palette voll war, weil er meinem Nachfolger – der schon in den Startlöchern stand – “diesen Mist nicht zumuten” wollte. Die Viertelstunde habe ich auf persönliche Intervention seinerseits nicht bezahlt bekommen: er ist einfach für mich zum Stempelkasten gelaufen und hat schon mal meine Karte vorgestempelt. Seitdem war ich vorsichtiger und habe die allerletzte Palette meiner Schicht nur noch vorschriftsmäßig geschlichtet.

Leider bin ich mir nach 6 Wochen mit der Ameise über den Fuß gefahren, da mußte ich ins Krankenhaus und der Job war beendet. Es war also nicht der Job, der peinlich war, sondern die Art und Weise, wie ich ihn verloren habe.