Wer nur den lieben Gott läSSt walten

Wer nur den lieben Gott läSSt walten

Johann Sebastian Bach: Wer nur den lieben Gott läßt walten
Kantate BWV 93 zum 5. Sonntag nach Trinitatis
Gröbenzell, 14.6.2007
Satz 1 - Coro „Wer nur den lieben Gott läßt walten“
Wer nur den lieben Gott lässt walten
Und hoffet auf ihn allezeit,
Den wird er wunderlich erhalten
In allem Kreuz und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
Der hat auf keinen Sand gebaut.
Der Einleitungssatz zur vorliegenden Kantate ist für jeden der 6 Verszeilen nach demselben Muster aufgebaut:








•(dann beginnt wieder ein Zwischenspiel/Nachspiel der Instrumete mit dem Hauptthema)
Satz 2 - Rezitativ: „Was helfen uns die schweren Sorgen“
Was helfen uns die schweren Sorgen? Sie drücken nur das Herz mit Zentnerpein, mit tausend Angst und Schmerz.
Was hilft uns unser Weh und Ach? Es bringt nur bittres Ungemach.
Was hilft es, dass wir alle Morgen mit Seufzen von dem Schlaf aufstehn und mit beträntem Angesicht des Nachts zu Bette gehn?
Wir machen unser Kreuz und Leid durch bange Traurigkeit nur größer. Drum tut ein Christ viel besser, er trägt sein Kreuz mit christlicher Gelassenheit.




Satz 3 - Arie: „Man halte nur ein wenig stille“

Sehr eng am Text komponiert folgt nun eine Tenor-Arie. Es handelt sich hier um eine freie Umdichtung der 3. Strophe des Neumark-Lieds, geschaffen vom unbekannten Textverfasser. Die ersten sechs Zeilen des geänderten Texts lassen sich exakt auf die Melodie von „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ singen. Die beiden Schlußzeilen sind jedoch in jeder Hinsicht überzählig: sie passen erstens nicht in den 6zeiligen Choral hinein und haben zweitens auch eine Silbe mehr im Versmetrum.
Möglicherweise war diese Umdichtung aus dramaturgischen Gründen notwendig: Neumark leitet in der dritten Strophe schon eine gewisse „Vergnügtheit“ ein, während Bach lieber noch ein wenig an die „Kreuzesstunde“ erinnern möchte: die „Erlösung“ geschieht erst ab Satz 4.



Wenn man sich den Melodieverlauf der ersten beiden Takte genau anschaut, findet man den Anfang der Choralmelodie wieder - allerdings diesmal nach (Es-)Dur transponiert.




Satz 4 - Duett (S/A): „Er kennt die rechten Freudenstunden“
Er kennt die rechten Freudesstunden,
Er weiß wohl, wenn es nützlich sei;
Wenn er uns nur hat treu erfunden
Und merket keine Heuchelei,
So kömmt Gott, eh wir uns versehn,
Und lässet uns viel Guts geschehn.


Auch hier bleibt Bach - wie immer - nahe am Text: die „Freudenstunden“ kann man sich ohne große Geistesakrobatik in eine allegorische Gartenlaubenszene versetzt vorstellen.
Gleichzeitig spielen die Streicher die Choralmelodie zwischendrin als Cantus firmus hinein.
Satz 5 - Rezitativ mit Choral: „Denk nicht in deiner Drangsalshitze“
Denk nicht in deiner Drangsalhitze, wenn Blitz und Donner kracht und dir ein schwüles Wetter bange macht,
Dass du von Gott verlassen seist. Gott bleibt auch in der größten Not, ja gar bis in den Tod mit seiner Gnade bei den Seinen. Du darfst nicht meinen,
Dass dieser Gott im Schoße sitze, der täglich wie der reiche Mann, in Lust und Freuden leben kann.
Der sich mit stetem Glücke speist, bei lauter guten Tagen, muß oft zuletzt, nachdem er sich an eitler Lust ergötzt, „Der Tod in Töpfen“ sagen.
Die Folgezeit verändert viel! Hat Petrus gleich die ganze Nacht mit leerer Arbeit zugebracht und nichts gefangen: Auf Jesu Wort kann er noch einen Zug erlangen. Drum traue nur in Armut, Kreuz und Pein uuf deines Jesu Güte mit gläubigem Gemüte; nach Regen gibt er Sonnenschein
Und setzet jeglichem sein Ziel.
Eine beliebte Art der Umdichtung „tropiert“ den Originaltext in einen neu verfaßten Text hinein - dieses Verfahren hat der Textdichter auch hier angewandt. Die komplette 6zeilige Strophe ist kunstvoll durch zusätzlichen Text so erweitert worden, dass das Evangelium vom Tag und auch andere Bibelstellen zitiert werden können:
•Petrus‘ satter Fischzug wird genannt
•„der Tod in Töpfen“ geht auf eine Geschichte aus dem 2. Buch der Könige (Kapitel 4) zurück, wo es über den Propheten Elischa heißt:
38 Elischa kehrte nach Gilgal zurück. Im Land herrschte damals eine Hungersnot. Als die Prophetenjünger vor ihm saßen, befahl er seinem Diener: Setz den großen Topf auf und koch ein Gericht für die Prophetenjünger!
39 Einer von ihnen ging auf das Feld hinaus, um Malven zu holen. Dabei fand er ein wildes Rankengewächs und pflückte davon so viele Früchte, wie sein Gewand fassen konnte. Dann kam er zurück und schnitt sie in den Kochtopf hinein, da man sie nicht kannte.
40 Als man sie aber den Männern zum Essen vorsetzte und sie von der Speise kosteten, schrien sie laut und riefen: Der Tod ist im Topf, Mann Gottes. Sie konnten nichts essen.
41 Doch er befahl: Bringt mir etwas Mehl! Er streute das Mehl in den Topf und sagte: Setzt es nun den Leuten zum Essen vor! Jetzt war nichts Schädliches mehr im Topf.
In diesem Rezitativ singt der Tenor die Original-Textzeilen von Georg Neumark - wie es sich gehört - auf die richtige (wennglaich auch ein wenig ausgeschmückte) Choralmelodie, während die Einschübe des unbekannten Textdichters den freien Rezitativ-Stil führen.


Satz 6 - Arie (Sopran): „Ich will auf den Herren schauen“





Satz 7: Schlußchoral „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
Verricht das Deine nur getreu
Und trau des Himmels reichem Segen,
So wird er bei dir werden neu;
Denn welcher seine Zuversicht
Auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Schlicht heißt in diesem Falle nicht „einfach“: Bachs großartige Satztechnik weist durchaus darauf hin, dass für ihn der vierstimmige Satz das Zentrum seines theologischen Verständnisses ist. Die meisten seiner Kantaten enden mit einem solch schlichten Choral, denn der Mensch steht am Ende doch immer wieder in Einfachheit vor Gott. Diese Einfachheit überträgt Bach auf das singende Gottesvolk: Koloraturen sind „im Normalfall“ nicht notwendig, Gott durchschaut den Menschen sowieso.
Es gibt anhand des Textes hier auch keinerlei Anlaß, irgendwelche Effektvollen Wendungen hineinzukomponieren: der Text ist längst von allen weltlichen Anfechtungen losgelöst, also müssen die auch in der Musik nicht vorkommen.
Bachs vierstimmige Choralsätze sind in ihrer Art nicht mehr zu übertreffen, bilden sie doch die Grundlage jeder musikalischen Ausbildung und Kompositionstechnik.
Bach sagt uns damit: achte auf das, was einfach ist und halte es in Ehren. Aber das Einfache, das musst Du so gut machen, wie du kannst.