Jesu, meine freude

Jesu, meine freude

19.11.2007, Gröbenzell
Johann Sebastian Bach: Jesu, meine Freude
Motette BWV 227
Die Entstehungszeit dieser Motette scheint nicht gesichert, es gibt aber Hinweise darauf, dass sie 1723 zum Trauergottesdienst um die Operpostmeisterswitwe Johanna Maria Kees aufgeführt wurde. Ferner existiert eine Abschrift aus dem Jahr 1735 - also muß die Motette in dieser Zeit aufgeführt worden sein.
Die Funktion der Motette definiert Johann Gottfried Walther so:
„Motetto [...] ist eigentlich eine mit Fugen und Imitationibus stark ausgeschmückte, und über einen Biblischen Spruch bloß zum Singen ohne Instrumente (den Generalbaß ausgenommen) verfertigte musicalische Composition; doch können die Singstimmen auch mit allerhand Instrumenten besetzt und verstärkt werden.“
(Johann Gottfried Walther, Musikalisches Lexikon, 1732)
Es wird also hier auf einen reichhaltigen Instrumentalapparat verzichtet - Ausnahme bilden Orgel und Streicher-Baß: die Motette wird vom Chor allein aufgeführt. Eine Motette mit Orchester ist eine Kantate.
Die Lieddichtung
Die Motette „Jesu meine Freude“ ordnet sich ein in die 6 Choralstrophen des gleichnamigen Liedes von Johann Franck, gedichtet 1653. Johann Franck ist 1618 in Guben geboren, studierte in Königsberg Rechtswissenschaften und kehrte 1640n nach Guben zurück, wo er 1677 starb. In Guben war er zunächst Advokat, wurde später Ratsherr (1648) und Bürgermeister (1661) und schließlich 1671 Landesältester im Landtag der Niederlausitz. 30 Jahre seines Lebens bestimmten der Dreißigjährige Krieg (1618-1648): ein Eindruck, unter dem viele seiner geistlichen Lieddichtungen standen.
Das Lied selbst ist eine Umarbeitung eines Liebeslieds, dessen erste Strophe heißt:
Flora, meine Freude, / meiner Seelen Weide, / meine ganze Ruh, /
Was mich so verzücket / und den Geist bestricket, / Flora, das bist du; /
Deine Pracht / glänzt Tag und Nacht /
mir für Augen und im Herzen / zwischen Trost und Schmerzen.
Das war keineswegs ungewöhnlich in diesen Zeiten: viele heute als hochmystisch empfundene Kirchenlieder haben zunächst äußerst profane Quellen. Franck hat sich in seinem Text aber stark an Psalm 73, 23-73:
23 Ich aber bleibe immer bei dir, / du hältst mich an meiner Rechten.
24 Du leitest mich nach deinem Ratschluss / und nimmst mich am Ende auf in Herrlichkeit.
25 Was habe ich im Himmel außer dir? / Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde.
26 Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, / Gott ist der Fels meines Herzens / und mein Anteil auf ewig.
27 Ja, wer dir fern ist, geht zugrunde; / du vernichtest alle, die dich treulos verlassen.
Die Melodie
Die Melodie zum Gedicht von Johann Franck stammt von seinem Zeitgenossen Johann Crüger, der 1598 in Groß-Breseen geboren wurde und 1662 in Berlin starb. Groß-Breesen ist heute ein Stadtteil von Guben. Crüger studierte ab 1615 Theologie in Berlin, war dann dort ab 1622 Lehrer am Gymnasium „Zum grauen Kloster“ und nebenher Kantor an St. Nikolai. Er vertonte u.a. eigene und viele Gedichte von Paul Gerhardt.
Der Bibeltext
Bach hat in die 6 Strophen des Franck‘schen Chorals Stellen aus dem 8. Kapitel des Römerbriefs eingesetzt, die den Choraltext mit der Verkündigung des Neuen Testaments in Verbindung bringen.
Paulus beschreibt in seinem Brief an die Römer, warum jemand, der sich auf Jesus Christus beruft, keine Angst mehr haben muss. Dabei unterscheidet er den „alten Menschen“, der nach den „fleischlichen“ Gesetzen lebt, vom „neuen Menschen“, der aus dem Geist heraus lebt, den er von Jesus Christus bekommen hat.
Das Fleisch strebt nach Paulus nach irdischen Dingen, und es wird einst sterben - nichts wird von ihm übrig bleiben. Also wird ein Mensch, der sich allein nach dem Fleisch und dessen Bedürfnissen ausrichtet, dereinst ebenfalls sterben und dann für immer tot sein. Eine ausgesprochen drastische Vorstellung dessen, was Paulus mit „dem Fleisch“ meint, findet sich wiederum in Psalm 73, diesmal in den Anfangszeilen 3-12.
Nicht so der Mensch, der sein Leben an Jesus Christus ausrichtet: in ihm wohnt der Geist Gottes, und der Geist Gottes kann nicht sterben. Also wird auch der auf den Geist ausgerichtete Mensch niemals sterben können, sondern in Jesus Christus auferstehen und dann in dessen Geist weiterleben.
Das hat natürlich Konsequenzen: ein Mensch, der Jesus Christus nachfolgt, ist innerlich frei geworden von allem, was irdisch ist. Er muß keinerlei Verurteilung durch die Welt mehr gewärtigen: er trägt sein eigenes Gesetz des Lebens in sich.
Paulus ist der erste Theologe nach Jesus Christus: an dieser Stelle u.a. begründet er, warum es sinnvoll und vernünftig ist, Christ zu sein. Bach setzt die paulinischen Erkenntnisse und Herleitungen des christlichen Glaubens kongenial in Musik um.
Die Motette
Bach hat seine Motette vollkommen symmetrisch aufgebaut: Zentraler Punkt ist die Fuge „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich“ in Satz 6 - so wie dieser Satz ja auch als zentrale, freimachende Botschaft des Christentums verstanden werden kann. Die übrigen Sätze verdeutlichen diese Erkenntnis durch verschiedene Situationsbeschreibungen.


Jesu, meine Freude, meines Herzens Weide, Jesu, meine Zier,
ach wie lang, ach lange ist dem Herzen bange und verlangt nach dir!
Gottes Lamm, mein Bräutigam,
außer dir soll mir auf Erden nichts sonst Liebers werden.
Mit einem schlichten fünfstimmigen Choralsatz leitet Bach seine Motette ein. Der tongleiche Satz - allerdings dann mit dem Text von Strophe 6 - wird uns als Schlußchoral wiederbegegnen. Unvergleichlich ist hier wieder einmal Bachs Stimmführung des Tenors: es heißt von ihm, er habe im Orchester gerne die Viola (die Tenorstreicher) gespielt um zu zeigen, dass die Viola mitnichten das unwichtigste Instrument im Orchester sei.
Im Text deutet sich die Ängstlichkeit des fleischlichen Menschen an, der in der irdischen Welt sein Heil nicht finden kann - und dessen Versicherung, dass letztendlich nichts außer Jesus Christus jemals Relevanz hat.

Es ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.
Bach will uns mit Paulus sagen: Es gibt keine Verurteilung für die, die in Jesus Christus sind (Röm 8.1). Gleichzeitig soll aber auch diese noch aus der ersten Choralstrophe stammende Verunsicherung dokumentiert werden.
Wie macht Bach das musikalisch? Nun: er setzt eine starke Versicherung an den Anfang, hält dann erschrocken in allen 5 Stimmen inne und fragt mit einem Dominantseptimakkord nach, ob das denn wirklich stimmt? Danach wieder eine Pause, um dem Zuhörer symbolisch Zeit zum Nachdenken zu geben und bekräftigt es dann. Genau so ist es hier zu hören - es wird im Anfang des Satzes sogar zweimal wiederholt.
Anschließend zeigt er in musikalisch ausufernder Weise, wie man „nach dem Fleische wandeln kann“ - alle Stimmen irren in der Gegend herum, verzetteln sich und treffen sich schließlich „irgendwo“ auf einem D7-Akkord wieder. Aber dann kommt‘s: in „sondern nach dem Geist“ finden sich alle 5 Stimmen in der Klarheit des Geistes wieder - darum sind nicht viele Worte zu machen.
Derselbe Text wird anschließend erneut in abgewandelter Form - aber in der gleichen Grundform - noch einmal auskomponiert, und wieder ist die Antwort auf alles irdische Herumirren einfach und klar: „wandle nach dem Geist“.

Unter deinem Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei.
Laß den Satan wittern, laß den Feind erbittern, mir steht Jesus bei.
Ob es itzt gleich kracht und blitzt,
Ob gleich Sünd und Hölle schrecken: Jesus will mich decken.
Die zweite Strophe von Johann Francks Choral setzt Bach schon freier als den Einleitungschoral. Der Sopran singt zwar noch die Meldodie und beteiligt sich nicht an irgendwelchen Ausschmückungen. Aber schon der Baß im 1. Takt „versteckt“ sich ausdrucksstark hinter einer langgezogenen Haltenote. Der Tenor macht durch seine aufgeregte Achtelbewegung das „Wittern“ des Satans augenfällig.
Dann kommt die Stelle mit „kracht und blitzt“: davon mag Johann Frank, der die ersten dreißig Jahre seines Lebens im Krieg verbracht hat, wohl eine sehr eindrückliche Vorstellung gehabt haben. Die Silbe „blitzt“ blitzt tatstächlich ständig in allen Stimmen auf. Und „der Hölle Schrecken“ jagt den Tenor durch wilde Akkorde hindurch, bis bei „Jesus will mich decken“ wieder Ruhe einkehrt. Überhaupt: wieder ist der Tenor die am interessantesten geführte Stimme in dieser Vertonung.

Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
Nun folgt ein kleiner Terzettsatz für drei Frauenstimmen: Der Geist Jesu Christi macht die Menschen frei. Diese Freiheit wird dem, der genau hinhört, recht deutlich gemacht: im ersten Passus „Denn das Gesetz ... Christo Jesu“ laufen die beiden Sopranstimmen im Terzabstand parallell. Auch der Alt ist nicht ganz frei vom Thema: er läuft dem Sopran einen Takt hinterher, so dass die beiden Unterstimmen zeitlich wie tonal vollkommen aneinander gefesselt sind. Das ist zu auffällig, als dass es von einem Tonmeister wie Bach nicht gewollt sein könnte. Ein weiteres Indiz ist, dass der Knoten sich an der Stelle „hat mich frei gemacht“ elegant auflöst: jetzt sind alle Stimmen unabhängig und frei voneinander.
Auch das „Gesetz der Sünde“ ist wieder wunderschön thematisiert: eine aufsteigende Tonfolge, die sich in allen Stimmen „gesetzmäßig“ wiederholt. Das Fleisch kommt der Sünde eben nicht aus.

Trotz dem alten Drachen, trotz des Todes Rachen, Trotz der Furcht darzu!
Tobe, Welt, und springe, Ich steh hier und singe In gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht;
Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.
Hier gestattet sich Bach ein intensives Spiel mit dem Choraltext. Die originale Melodie von Johann Crüger „versteckt“ er in einer eigenen Stimmführung: sie ist zwar noch da, aber man muss genau hinhören, um sie wiederzufinden. Damit versetzt er den Zuhörer in eine Situation, in der dieser vor lauter Schlachtengetümmel die „Leitlinie“ nicht mehr wiederfindet.
Zunächst der „Trotz“, mit dem er mit einem D7-Akkord einen ehrwürdigen Choral beginnen läßt: das ist unerhört. Dann der „alte Drache“, der sich im Baß gefährlich aufbäumt, dann der Todesrachen, dem das Häuflein der Christen jedoch wieder einen Unisono-Trotz entgegensingt. Dann entspinnt sich ein kleines Zwischenspiel zwischen der Furcht (piano, zitternde drei Achtel) und einem entschiedenen „Trotz“ (forte, in allen vier Oberstimmen gleichzeitig). Dagegen hält der Baß auf die Silbe „zu“ einen sicheren Orgelton.
Dann tobt die ganze Welt, wie der Baß in ungestümer Sechzehntelbewegung aufwärts deklamiert - bis zu dem Punkt, an dem im Text „Ich steh hier und singe in gar sich‘rer Ruh“ auftaucht: das wirkt fast wie ein Schlaflied; kein musikalischer Tohuwabohu mehr, sondern sicherer Hafen in einer stürmischen Welt. Auch daß „Gottes Macht mich in acht hält“ gehört noch zu diesem ruhigen Mittelteil. Es mutet an, als stünde da eine Kinderwiege mitten auf einem Schlachtfeld.
Dann werden Erd‘ und Abgrund beschworen, dass sie ihre Schrecken für den „Menschen in Christo“ verloren haben: der Baß fällt fast noch hinein in einen solchen Abgrund, sein sicherer Halt geht verloren und hängt so gerade noch an einem tiefen Ais, das der e-moll-Tonart eigentlich fremd ist.
Wunderschön lautmalerisch ist in den drei Unterstimmen auch noch beschrieben, wie die Welt wider ihr von Christus zugedachtes Schicksal brummen muss: das schmeckt ihr gar nicht.

Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnet. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.
Der Mittelpunkt christlichen Gottesbildes ist, dass Gott uns Menschen von dem irdischen Leib einst befreien wird, weil sein Geist in uns wohnt. Und so ist diese Textstelle aus dem Römerbrief auch Zentrum der vorliegenden Motette: alle anderen 10 Sätze gruppieren sich spiegelbildlich um diesen einen Satz.
Wenn man darüber nachdenkt, in welche Musikform man das setzen könnte, dann kann man das eigentlich nur in Form einer Fuge machen: hier stellt eine Stimme das Thema vor, und alle anderen singen „kanonisch“ genau das gleiche. Natürlich macht Bach es so: er baut das ganze Stückchen wunderschön und lupenrein kanonisch auf. Der „Kanon“ in einem anderen Wortsinn ist das, was wir glauben sollen - es gibt also kaum eine bessere Form zur Verdeutlichung des Textes als eben den Kanon, der einer Fuge zugrunde liegt.
Aber der Text des Satzes hat ja auch noch einen zweiten Teil: „Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“. Hier zieht Paulus eine scharfe Trennlinie, und genauso scharf beantwortet Bach diesen Text: Mit „Kanon“ ist nichts mehr, hier wird eindringlich der Frevler ermahnt. Und das „Der ist nicht sein“ klingt zwar nicht unbedingt drohend, aber doch auf einmal merkwürdig endgültig.

Weg mit allen Schätzen! Du bist mein Ergötzen, Jesu, meine Lust!
Weg ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, Bleibt mir unbewusst!
Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod
Soll mich, ob ich viel muss leiden, Nicht von Jesu scheiden.
Weg, weg mit allen Schätzen! Der Sopran hält sich an die Crüger‘sche Melodie, die drei Unterstimmen umspielen frei. Am Deutlichsten wird die Handbewegung des Wegwerfens im Baß. Und wenn man genau hinhört, gibt es für die Unterstimmen nichts Wichtigeres als das Eins-sein mit Christus: ein synkopisches „Du, du“ im Alt, ein vorweggenommenes „Jesu“ im Baß. Aber über diesem drängenden und gleichzeitig irdisch-verspielten liegt die göttlich-starke Choralmelodie in einem klaren cantus firmus im Sopran. Klar, das der überall durchkommt: die Motette ist im Grunde fünfstimmig, hier sind dann beide Sopranstimmen zu einer vereinigt.
Schön auch, wie die Unterstimmen bei „Elend, Not, Kreuz, Schmach und Tod“ in die Knie gehen, und wie der Baß das Leiden ganz allgemein mit einer Jagd durch einige tonartfremde Töne markiert, während der Tenor vor Schmerzen fast schreit. Aber letztendlich finden sich doch alle Stimmen wieder zusammen - weil eben nichts sie von Jesus scheiden kann.

So aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen; der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen.
Der Anfangsteil des mit „Andante“ überschriebenen Satzes gestaltet sich in einem ruhig dahinfließenden Dreiertakt. Völlig aus dem Häuschen gerät das Stück bei „der Geist aber ist das Leben“: die Vorstellung, wie die Seele sich aus dem irdischen Leib befreit und endlich zu Jesus heimkehren kann mag hier wohl Pate gestanden haben.
Überraschend ist auf den ersten Blick der einleitende Baß-Soloton in C-Dur auf die Silbe „So“ - wie wenn sich einer hinsetzt und sagt: So ist es. Und auf den zweiten Blick, dass es sich um einen Terzettsatz handelt - die beiden Sopranstimmen fehlen.

Gute Nacht, o Wesen, das die Welt erlesen, mir gefällst du nicht.
Gute Nacht, ihr Sünden, bleibet weit dahinten, kommt nicht mehr ans Licht!
Gute Nacht, du Stolz und Pracht!
Dir sei ganz, du Lasterleben, gute Nacht gegeben!
Nun folgt eine groß angelegte vierstimmige Choralbearbeitung (S-S-A-T) über die Melodie von Johann Crüger.
Eine Baßstimme fehlt, der Cantus Firmus ist in den Alt gelegt, die Unterstimme im Tenor bleibt in ständiger Bewegung. Die beiden Sopranstimmen winden sich ständig umeinander, und das weltliche „Lasterleben“ malen sie weidlich in Sechzehntelmelismen aus.
Dieses Lehrstück polyphoner Chormusik endet für die drei Begleitstimmen auf dem gleichen Grundton a: jeder zusätzliche Akkordton würde die Nachtruhe für das Lasterleben wieder beenden.
Es ist einer kurzen Überlegung wert, warum Bach hier die tragende Stimmlage weggelassen hat: es ist ein Satz ohne Baßstimme. Wenn der Baß fehlt, ist das ein Zeichen der Gottesferne, denn auf der Baßstimme baut sich jedes Musikstück auf. Vielleicht wollte er demonstrieren, dass die weltlichen Schätze und Ehren eben nicht zu Gott führen.

So nun der Geist des, der Jesum von den Toten auferwecket hat, in euch wohnet, so wird auch derselbige, der Christum von den Toten auferwecket hat, eure sterbliche Leiber lebendig machen um des willen, dass sein Geist in euch wohnet.
Nun versichert Paulus den Leser des Römerbriefes, dass er gewiß eines Tages den sterblichen Leib verlassen kann, wenn nur Jesu Geist in ihm wohnt: wenn Gott, dessen Geist in Christus gewohnt hat, diesen von den Toten auferweckt hat, dann wird er auch jeden anderen, in dem sein Geist wohnt, auferwecken.
Bach verwendet zur Verdeutlichung dieses Zusammenhangs - dass es auf Gottes Geist ankommt, dem wir Wohnung geben sollen - die Musik von Satz 2 („die nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist“), ein wenig an den neuen Text angepaßt. Das schafft eine gewisse Symmetrie der Sätze - denn auch Satz 8 klingt ein wenig wie Satz 4.
Herausragend ist am Schluß des Satzes die Betonung des Geistes durch eine Solostelle des Sopran I - die anderen Stimmen haben in dieser Zeit Pause, damit dieser Geist „wehen kann wie er will“.

Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.
Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Zucker sein.
Duld ich schon hier Spott und Hohn:
Dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.
Es fehlt nun doch die „doxologische Schlußstrophe“, die alles noch einmal bekräftigt und bejaht. Vor dem Hintergrund der Schrecken des dreißigjährigen Krieges, den der Mensch erlebt hatte, der den Text schrieb, ist das eine wahrhaft königliche Vorstellung: Schafft alles Leid und Elend weg: jetzt betritt Jesus das Feld, und alle Not, alles Elend, alle Leid hat damit ein Ende. Auch wird alles irdische Leid, das der Erdenmensch erdulden muss, durch das Wissen um Jesus erträglich, ja geradezu zur Freude.
Einen entfernteren Abstand zur Spaßgesellschaft kann es nicht geben: das zeigt uns Bach auch dadurch deutlich, indem er hier nicht einen kunstfertigen Choralchorsatz hinsetzt (z.B. den Satz 9 noch fünfstimmig ausbaut), sondern den einfachen, fünfstimmigen Choral vom Anfang der Motette. Damit sagt er uns: Das, was Jesus Christus von den Menschen will, ist immer einfach: sie sollen seinem Geist folgen, der ihnen eingepflanzt ist - da braucht es keine komplizierten Wendungen.
Und ferner noch: an jeden Psalm, der in der Tagzeitenliturgie gesungen wird, wird eine Ehrenbezeugung angehängt: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist. Wie es war im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit. Amen“. Diesem „Sicut erat in principio et nunc et semper“ ist dadurch, dass es sich um genau den gleichen Satz handelt, Genüge getan: so wie es im Anfang war, so wird es immer sein.