Johannespassion

BWV 245
 
 

4.4.2007, St. Ottilien


Johann Sebastian Bach: Johannespassion

Silvia Rüdiger: Bilder zur Johannespassion


Inhalt:

  1. Zur Johannespassion    3

  2. Zu Bachs Johannespassion    4

  3. Zu den Bildern    5

  4. 1 - Herr, unser Herrscher    6

  5. 2 - Petrus, der nicht denkt zurück    9

  6. 3 - Erwäge, wie dein blutgefärbter Rücken    12

  7. 4 - Die Jüden aber schrieen und sprachen    14

  8. 5 - Es ist vollbracht    16

  9. 6 - Ach Herr, laß dein lieb Engelein    19


Zur Johannespassion

Theologisch gesehen stellt der Passionsbericht nach Johannes das jüngste überlieferte Evangelium dar. Johannes hat nicht so sehr die körperlich erfahrbare Verdeutlichung des Leidens und Sterbens im Blick: viel mehr geht es ihm darum, Jesus Christus als den von Gott auf die Erde gesandten König - den Gesalbten - sichtbar zu machen. An vielen Stellen zeigt sich das:

  1. so beginnt das Johannes-Evangelium nicht mit der von Matthäus berichteten Geburtsgeschichte im Stall von Bethlehem, sondern mit einer philosophischen Einleitung: Im Anfang war das Wort ... und es ist Fleisch geworden.

  2. In Johannes‘ Evangelium ist deswegen Jesus Christus immer als der Gottkönig beschrieben, als der Gesandte, der von außerhalb in diese Welt kam und aus ihr auch wieder hinausging. Die „Nebenschicksale“ der Menschen um ihn herum werden wohl wahrgenommen, denn Christus kommt ja wegen der Menschen in diese Welt. Aber er selbst bleibt König und kennt seine Rolle. Es gibt bei Jesus darüber auch keinen Zweifel.

  3. Bei Matthäus z.B. ist das nicht so: da ist Jesus ganz Mensch. Nur so ist die Gethsemane-Szene denkbar, nur so läßt sich verstehen, dass er jemanden braucht, der ihm das Kreuz tragen hilft, nur so ist der Schrei „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen (Mt. 27,46)“ deutbar.

  4. Von fürchterlichen Folgen für die Menschheit, die Jesus ans Kreuz geschlagen hat, ist bei Johannes nichts spürbar - die Menschheit bleibt in der Passionsdarstellung bei johannes außen vor. Es zerreißt kein Vorhang, die Erde bebt nicht, und niemand steht aus den Gräbern wieder auf (wie bei Mt 27,51). Jesus neigt das Haupt und stirbt, es gibt kein Innehalten, und gleich darauf sind die Vorbereitungen für die Bestattung zu treffen.

  5. Für Johannes ist wichtig, dass die Schrift erfüllt wird - die Schicksale der Menschen interessieren hier nicht. Petri Verleugnung wird nicht kommentiert: es passiert, was vorhergesagt ist (dreimal verleugnen, Hahn kräht, sic!), was Petrus dazu denkt, ist unerheblich. Auch Judas‘ Verrat ist nur dazu da, den Prozess der Passion in Gang zu bringen - über Judas wird danach nicht weiter berichtet (nichts von „nahm den Strick und erhängte sich“, Mt 27,5). Pilatus, immerhin der kaiserliche Vertreter in Judäa, macht eher eine „lächerliche“ Figur: Jesus steht vor ihm und bewegt sich keinen Millimeter, Pilatus rennt hin und her und versucht zu verstehen. Keine „Frau des Pilatus“ (Mt 27,19) kommt gerannt und will sich als Mensch zwischen den Gang des göttlichen Schicksals werfen - das wäre für Johannes undenkbar, dafür sind die Menschen zu gering vor Gott.

Johannes‘ Bericht ist also ein philosophischer Text: er möchte eine streng logische Begründung für das Wirken des Christus auf der Erde liefern. Wenn es die anderen drei Evangelien nicht gäbe, dann wäre Die Passion Jesu Christi vielleicht nie ein solch zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens geworden: die Kirchen wären vielleicht nicht so voll von den Darstellungen des Martyriums, des Leidens und des Sterbens für den Glauben. Johannes will vor allem die Botschaft „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt (Joh 1, 9)“ deuten - die Dunkelheit der Passion paßt dazu nicht.

Zu Bachs Johannespassion

Nun hat Bach natürlich ein Problem: die Aufführung einer großen Passion im Karfreitagsgottesdienst ist eine Veranstaltung, die einer gewissen Dramaturgie bedarf. Die Leute müssen bei der Stange gehalten werden, sie dürfen nicht zwischendurch abschalten, und sie sollen etwas von der Aufführung mit nach Hause nehmen. Nur sehr wenige Menschen jedoch können von der Ausarbeitung eines philosophischen Gedankengangs etwas mit nach Hause nehmen: nur wenigen ist es gegeben, darin etwas Schönes, Anregendes zu finden. Die meisten Menschen brauchen das Drama, die Emotion, die Darstellung des Ungeheuerlichen, damit sie innerlich gepackt werden (aus keinem anderen Grunde zielen heutige Fernsehsendungen auf ständigen Tabubruch).

Den Tabubruch gibt das Johannes-Evangelium aber nicht her - im Gegenteil, sie ist bestrebt zu zeigen, dass es nie ein Tabu gegeben hat, sondern dass alles aus alter Zeit schon vorhergesagt gewesen ist - man hätte halt nur genau hinschauen müssen. Und das soll jetzt interessant sein?

Bach bedient sich deswegen eines Tricks: er läßt einfach Elemente aus dem Evangelium nach Matthäus in seine Vertonung mit einfließen (so zum Beispiel die Auseinandersetzung des Petrus mit seiner Verleugnung, die sinnenfällige Kommentierung der Geißelung, das Zerreißen des Vorhangs im Tempel).

Die vier Evangelien wurden zu Bachs Zeiten grundsätzlich synoptisch verstanden. Wenn also bei Johannes die Erde nicht bebt, dann dachte man sich das selbstverständlich hinzu: die Auslegung der Schrift und das Auseinanderhalten der Unterschiede der Evangelien war Theologensache. Ansonsten ging es den Menschen wie uns heute: dass Jesus an Weihnachten im Krippchen lag, ist jedem von uns völlig klar, obwohl die Wahrscheinlichkeit dafür nur bei 50% liegt: denn es steht nur bei Matthäus und Lukas. Auch dass der Vorhang im Tempel zerreißen muss, damit der Ausblick auf das Heil und das Heilige ermöglicht wird, ist uns völlig klar - Johannes hat es aber nicht mit solchen dramatischen Elementen, darüber schweigt er.

Bach braucht diese dramaturgischen Höhepunkte allerdings, und deswegen fügt er sie nolens volens in seine Komposition ein.

Zu den Bildern

Die Idee zu den Bildern entstand - wie oft - ganz banal beim Kaffeetrinken: ist es nicht möglich, die von Bach in Musik gesetzten Bilder auch tatsächlich in Öl auf Leinwand zu bringen?

Welche Bilder hatte Bach denn, als er seine Musik konzipierte? Da zeigt sich dann sehr schnell, dass es verschiedene Bilder sein können: der eine sieht es so, der andere ein wenig anders. Deswegen blieb eigentlich nur, sich die Musik genau anzuhören, sich ihren Zusammenhang zum Johannesevangelium zu verdeutlichen und dann das zu malen, was einem dabei durch den Kopf ging. Erstaunlich ist, dass die Darstellung jeweils vielleicht anders sein können, die Archetypen sich aber doch recht einheitlich herausbilden.

Silvia Rüdiger ist dies auf erstaunliche Weise gelungen. Sie stellt hier Jesu als den Gesalbten dar, der von Anfang war und immer sein wird, der die Sünde der Welt zwar auf sich nimmt, aber letztendlich davon doch nicht überwältigt werden kann. Wir Menschen können natürlich in den Strudel der Sünden - wie Petrus - geraten und nicht wieder herauskommen: Jesus nicht. Wir Menschen können uns nicht selbst aus den Stricken der Sünde befreien - Jesus kann das schon. Wir Menschen werden vom Leid zerdrückt - Jesus nimmt es mit äußerster Konzentration auf sich und erträgt es. Wir Menschen werden einst sterben, und diese Vorstellung erschreckt uns immer wieder auf andere Art und Weise: wenn wir uns über den einen Aspekt des Vergehens klar geworden sind und unseren Frieden damit gemacht haben, dann wird sich ein anderer finden, der uns stört. Jesus hingegen, der Gesalbte, ist das Licht selbst, und er wird auch wieder zum Licht, und er bringt uns sein Licht in diese Welt.

In den Silvia Rüdigers Bildern kommt zum Ausdruck, dass es nicht um das Leiden, um Martyrium und Tod geht - nicht diese Aspekte sind es, die uns den Weg zum ewigen Leben zeigen. Nicht die Angst vor Strafe führt uns ins Licht, sondern einzig und allein Gottes Plan, der uns durch Jesu Leben hier auf der Erde offenbart wurde. Das ist auch die Aussage der Bach‘schen Vertonung des Johannes-Evangeliums. Letztendlich kommen wir um das Kreuz natürlich nicht herum, es steht da und wir müssen es anschauen und vielfach auch annehmen. Aber nicht das Kreuz ist das Ziel, sondern das ewige Leben.

1 - Herr, unser Herrscher


Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm

In allen Landen herrlich ist!

    Zeig uns durch deine Passion,

    Dass du, der wahre Gottessohn,

    Zu aller Zeit,

    Auch in der größten Niedrigkeit,

    Verherrlicht worden bist!




Auffällig in Bachs groß angelegtem Eingangschor ist die ständige, gleichmäßige Wellenformation in den Bässen, die während des ganzen Stücks eigentlich nicht aussetzt:

Wie würde man sich Gottes Geist vorstellen, der vor aller Zeit war und nach aller zeit noch sein wird? Vielleicht genau so: als Windhauch, der das Universum am Leben hält und nie aufhört zu sein.

Mitten hinein in diesen „Atem Gottes“ setzt Bach mit den Holzbläsern (Flöten, Oboen) scharfe Akzente, die durch die dissonantische Tonführung den Lauf der Schöpfung zu stören versuchen:


Sind das wir Menschen, die immer alles anders machen müssen, immer wieder experimentieren müssen, uns gegenseitig mit Unzufriedenheit und Dissonanz überziehen und damit letztendlich Unfrieden stiften? Oder ist das schon ein Vorgriff auf die Nägel, die mit schweren Hammerschlägen in den Stamm des Kreuzes geschlagen werden?

Dann, am Kulminationspunkt des Vorspiels, das seinerseits kein Tonika-Ende hat, sondern über eine Dominante den Schrei der gesamten Menschheit einleitet: Herr, Herr, Herr! Der dreifache Gott wird hier angerufen als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Vater, der alles geschaffen hat, der Sohn, der in die Welt gekommen ist, der Geist, dessen Atem das Weltall ist.

Es folgt die „Glaubenslehre“: Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist (Psalm 8) Dieser Psalm beschreibt gleichzeitig Gottes Schöpfung und Ruhm und Elend des Menschen:

5    Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, / des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6    Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, / hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.


Dann folgt der Mittelteil, indem die Menschen Gott darum bitten, sie durch die Anschauung der Passion Jesu Christi wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Die Menschen sind nicht mehr auf Gottes Weg - das zeigt sich in der Anordnung der Musik. Gottes Geist ist aus den Mittelstimmen verschwunden und findet sich nur noch im Bass: die Menschen haben also Gott nicht mehr im mittelpunkt ihres Handelns - das heißt aber nicht, dass damit auch gottlose Zeiten angebrochen sind. Das, was immer wieder trägt und hält, ist die Basis, das Fundament, der Bass - und er übernimmt in diesen schweren Zeiten dann eben symbolisch den Atem Gottes.

Das ist ganz im Sinne des Johannes-Evangeliums: wir Menschen haben keinen Einfluß darauf, ob Gott bei uns ist oder nicht. Er ist da, das ist gewiß. Aber umgekehrt haben auch wir Menschen nicht die Macht, Jesus ans Kreuz zu schlagen oder nicht: es geschieht, was Gott will, und wir können es nicht ändern - höchstens erkennen.

Wie anders ist da doch der Eingangschor zur Matthäuspassion! Er beginnt in einem schleppenden e-moll, bei dem man eine endlose Schar von sünd- und schuldbeladenen Menschen vorbeiziehen sieht. Klage wird laut („Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!“), und ganz oben drüber schwingt sich noch ein Chor mit „O du Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“: hier ist - dadurch dass die Unschuld direkt angesprochen wird - tatsächlich der Mensch Verursacher des Leidens Christi.

2 - Petrus, der nicht denkt zurück


Evangelist: Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. Simon Petrus stund und wärmete sich, da sprachen sie zu ihm:

Volk: Bist du nicht seiner Jünger einer?

Evangelist: Er leugnete aber und sprach:

Petrus: Ich bin's nicht.

Evangelist: Spricht des Hohenpriesters Knecht' einer, ein Gefreundter des, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte:

Diener: Sahe ich dich nicht im Garten bei ihm?

Evangelist: Da verleugnete Petrus abermal, und alsobald krähete der Hahn.

Da gedachte Petrus an die Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich.


Aria (Tenor):

Ach, mein Sinn, wo willt du endlich hin, wo soll ich mich erquicken?

Bleib ich hier, oder wünsch ich mir Berg und Hügel auf den Rücken?

Bei der Welt ist gar kein Rat, und im Herzen stehn die Schmerzen meiner Missetat,

Weil der Knecht den Herrn verleugnet hat.


Choral:

Petrus, der nicht denkt zurück, seinen Gott verneinet,

Der doch auf ein' ernsten Blick bitterlichen weinet.

Jesu, blicke mich auch an, wenn ich nicht will büßen;

Wenn ich Böses hab getan, rühre mein Gewissen!




Diese Stelle kommt im Evangelium nach Johannes nicht so vor, wie Bach sie hier gedeutet hat. In der Abendmahlsszene (Joh 13) versichert Petrus, dass er sein Leben für Jesus hingeben möchte, worauf Jesus entgegnet: „Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

Bei Johannes erfüllt sich diese Prophezeiung während des Verhörs vor Kaiphas ein - sie dient hier nicht zur Rückschau auf die Wankelmütigkeit des Petrus, sondern allein zur Dokumentation der Tatsache, dass Jesus der Christkönig ist und deswegen den Gang der Dinge kennt. Auch das Petrus seinen Verrat erkennt und daraufhin bitterlich weint ist bei Johannes nicht verzeichnet.

Bach hingegen zeigt dem Zuhörer sehr konkret auf, was hier geschehen ist: In der Gestalt des Petrus werden wir daran erinnert, dass wir Menschen wankelmütig sind: sobald man uns mit Strafe droht, fallen wir um und kennen weder Freund noch Feind. Was zu tun bleibt ist nur noch, bitterlich über das eigene Versagen zu weinen. Das ist für Bach so wichtig, dass er dem ein Rezitativ, eine Arie und einen Choral widmet.
Im Rezitativ wird Petri Schluchzen „wie an der Klagemauer“ hörbar:

Die nachfolgende attacca-Arie beginnt im Tutti-Streicherchor mit einem abwärts gezogenen Seufzermotiv:

Das artet später in laute Schluchzer aus: der Mensch, die sich wieder einmal Gott gegenüber versündigt hat, erkennt und bereut seine Tat - kann aber nichts mehr an den Folgen ändern und ist vollends auf die Gnade des Herrn angewiesen. Es gibt hier auch kein da capo, wie wir das von einschlägigen Arien oft gewöhnt sind: weil der Knecht den Herrn verleugnet hat - das bleibt so unausgegoren stehen, es ist nicht wieder gutzumachen.
Im Bild erklärt Silvia Rüdiger diesen „Sündenfall“ des Menschen damit, daß sie einen nachdenklichen, todtraurigen Petrus darstellt, dessen Gedanken nur noch um sich selber kreisen, der sich aus dieser Verstrickung nicht mehr lösen kann. Es ist nicht so, dass wir immer und überall schuldiig werden müssen, weil wir selber es so wollen. Wir geraten in Situationen, die wir nicht lösen können, weil das hier auf Erden eben so ist. Immer wieder geraten wir in Zwickmühlen, aus denen es in unserer Gedankenwelt keinen Ausweg mehr gibt, die Kreise, in denen wir noch denken können, werden immer enger und substanzloser - jeder, der schon einmal in einer Depression versunken ist, weiß, wie das ist.

Die Lösung aus dieser Verstrickung liegt nicht bei uns, eine Depression löst sich nicht durch unser eigenes Zutun auf. Wir sind hier auf die Gnade Gottes angewiesen, der uns den Weg ins Licht zeigt. Nur eines ist gewiß: wir Menschen haben ein Recht auf die Erlösung aus diesen irdischen Verstrickungen, weil Jesus sie uns am Kreuz verdient hat. Das Um-uns-selber-Kreisen wird nicht bleiben, wir werden einst frei sein von allem, was uns hier festhält.

Das zeigt uns der starke Choral „Jesu Leiden, Pein und Tod“, 1633 von Paul Stockmann gedichtet, mit seiner 10. Strophe „Petrus, der nicht denkt zurück“. Bach deutet damit das Leiden des Petrus über seine Schwachheit auf uns um.

3 - Erwäge, wie dein blutgefärbter Rücken


Rezitativ:

Barrabas aber war ein Mörder.
Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn.


Arioso:

Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen,

Mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen

Dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,

Wie dir auf Dornen, so ihn stechen,

Die Himmelsschlüsselblumen blühn!

Du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen

Drum sieh ohn Unterlaß auf ihn!


Aria

Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken

In allen Stücken dem Himmel gleiche geht,

    Daran, nachdem die Wasserwogen

    Von unsrer Sündflut sich verzogen,

    Der allerschönste Regenbogen

    Als Gottes Gnadenzeichen steht!



Was Johannes nicht mehr wert ist als ein einziger Satz („Darauf ließ Pilatus Jesus geißeln“, Joh 19,1), braucht Bach bzw. sein Textdichter für seine Dramaturgie der Passion - und baut es entsprechend aus.

Die Verletzungen, die der barbarische Akt der Geißelung hinterläßt, regen den Dichter zur meditativen Versenkung an: aus Jesu Wunden erwächst dem Christen das Heil.

Eingeleitet wird die Geißelung wiederum mit einer Herausstellung, dass es sich bei Jesus Christus um einen König handelt („ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll (Joh 18,37)). Pilatus stellt viele Fragen, Jesus antwortet abgeklärt und ruhig - und immer wieder ist Pilatus nur eine Nebengestalt, Jesus aber ein in sich ruhende Majestät. Auch Pilatus‘ letzter Versuch, Jesus bereitwillig den Juden als König zu verkaufen, mißlingt: diese wollen lieber Barrabas, den Verbrecher. Verbrecher gegen König - eine weitere Distanz zwischen Gott und Menschheit ist nicht denkbar.

Im Rezitativ verläßt der Evangelist seine zurückhaltende Erzählerrolle und bringt uns die Geißelszene eindrücklich vor Augen: während er selbst „laut schreit“, pfeift im Continuo in punktiertem Rhythmus die Geißel durch die Luft. Wer genau hinhört stellt fest, dass der Evangelist in der ersten Hälfte noch mit den punktierten Geißelhieben konform geht, in der zweiten Hälfte die Punktierung jedoch nicht mehr mithalten kann und in ein gleichförmiges, triolisches Wimmern verfällt. Das ist so komponiert.
Betrachte meine Seel: Es schließt sich nun - quasi als kurzes Innehalten - ein Arioso an, das Jesus und den Zuhörer plötzlich aus dem furchtbaren Geschehen herausnimmt und in eine imaginäre Schäferlandschaft versetzt: so, als ob das Gehirn des Gemarterten plötzlich einfach abschaltet und sich aus dieser Welt für kurze Zeit verabschiedet. Zwei Violen d‘amore und eine Laute - völlig unpassende Instrumente im realen Zusammenhang - schaffen eine Art Hirtenatmosphäre, Die Bässe ahmen das tiefe Atmen eines schlafenden Menschen nach, Himmelsschlüsselblumen blühen auf Dornen, es gibt ein wenig Ruhe vor dem nächsten Sturm.

Erwäge, wie dein blutgefärbter Rücken: Dieselben Instrumente führen nun eine Tenor-Arie weiter fort. Im Text geht es darum, dass die Striemen der Geißelung auf dem Rücken des gemarterten Jesus Form und Färbung eines Regenbogens angenommen haben - damit wird ein Bezug zu Gottes Versprechen hergestellt, das dieser einst dem Noah gab: nehmt dieses Regenbogen zum Zeichen, dass ich euch nie wieder eine solche Sintflut schicken werde.

Der geschulte Hörer stellt natürlich sofort fest, dass die beiden Violen d‘amore fast das ganze Stück quasi im Terzabstand begleiten - um zu zeigen, dass Jesu Rücken und der Regenbogen dasselbe sind. Das ganze Stück ist ganz „nah am Text entlang“ komponiert: auch die musikalische Darstellung des Regenbogens ist deutlich herausgearbeitet.
Zum Bild:
Silvia Rüdiger hat einen - ganz im Sinne des Johannesevangeliums - nachdenklichen Jesus gemalt, den die Schmerzen der Geißelung nicht wirklich erreichen können. Er ist ein König, und er ist nicht von dieser Welt.

Im Gegensatz zum dem Petrus-Bild ist Jesus in dem Kreis, der ihn umgibt, nicht gefangen: Gottes Gnadenzeichen bricht durch diesen Kreis durch. Der Regenbogen, der Jesus umgibt, ist durchlässig für ihn und uns Menschen.

Das Bild war zunächst anders konzipiert: sie hat es für die aktuelle Fassung übermalt und neu gestaltet. Von der alten Version sind nur noch ein Augenpaar übriggeblieben. So wird - durch Zufall - offenbar, wie der alttestamentarische Bund, den Gott mit Noah schloß, durch Jesu Opfer erneuert wurde.

4 - Die Jüden aber schrieen und sprachen


Die Jüden aber schrieen und sprachen: Lässest du diesen los, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum Könige machet, der ist wider den Kaiser.


Da Pilatus das Wort hörete, führete er Jesum heraus und satzte sich auf den Richtstuhl, an der Stätte, die da heißet: Hochpflaster, auf Ebräisch aber: Gabbatha. Es war aber der Rüsttag in Ostern um die sechste Stunde, und er spricht zu den Jüden: Sehet, das ist euer König!


Sie schrieen aber: Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!

Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen?

Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König denn den Kaiser.

   

Da überantwortete er ihn, daß er gekreuziget würde. Sie nahmen aber Jesum und führeten ihn hin. Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißet Schädelstätt, welche heißet auf Ebräisch: Golgatha.




Und wieder wird in diesem wilden Gemenge von Rezitativen und Turba-Chören deutlich, worum es geht: Hier steht Jesus Christus, der Gesalbte und König - dort stehen die Menschen, die ihn nicht erkennen.
Spitzfindig führen die Hohepriester Pilatus Zug um Zug auf‘s Glatteis: all seine Argumentation wird umgebogen und gegen ihn gewendet: wenn er diesen Menschen nicht kreuzigen läßt, dann ist er kein Freund des Kaisers.
Es gibt keine Textstelle/Handlungseinheit, in der nicht deutlich gemacht wird: er ist ein König: in der Gegenüberstellung zum römischen Kaiser; darin, dass Pilatus versucht, ihn den Hohepriestern als „ihren“ König vorzustellen; wiederum in der Gegenüberstellung zur allerhöchsten weltlichen Macht, dem römischen Kaiser; und am Schluß in der kurzen Abhandlung der „via dolorosa“. Keine weinenden Frauen klagen, kein Simon von Cyrene hilft das Kreuz tragen, keine Veronika reicht ein Schweißtuch, kein dreifacher Fall unter der Last des Kreuzes: Jesus nimmt sein Los leidenschaftslos an und trägt das Kreuz nach Golgotha hinauf. Er ist ein König aus einer anderen Welt - was hat er zu schaffen mit diesem Volk? Nicht die besten unter ihnen sind würdig, sein Kreuz zu tragen!

Zum Bild: Sivia Rüdiger hat einen in sich gefaßten Christus gemalt, der sein Kreuz konzentriert auf sich nimmt. Die Augen der Menschen sind im Dunkeln, das Gesicht des Erlösers tritt ins Licht. Es bedarf keiner Folterszenen, um diesen Zusammenhang klarzumachen.

5 - Es ist vollbracht


Es ist vollbracht! O Trost vor die gekränkten Seelen!

Die Trauernacht läßt nun die letzte Stunde zählen.

Der Held aus Juda siegt mit Macht und schließt den Kampf.

Es ist vollbracht!

   

Und neiget das Haupt und verschied.


Mein teurer Heiland, laß dich fragen,

    Jesu, der du warest tot,

Da du nunmehr ans Kreuz geschlagen und selbst gesagt: Es ist vollbracht,

    Lebest nun ohn Ende,

Bin ich vom Sterben frei gemacht?

    In der letzten Todesnot

    Nirgend mich hinwende

Kann ich durch deine Pein und Sterben das Himmelreich ererben?

Ist aller Welt Erlösung da?

    Als zu dir, der mich versühnt,

    O du lieber Herre!

Du kannst vor Schmerzen zwar nichts sagen;

    Gib mir nur, was du verdient,

Doch neigest du das Haupt und sprichst stillschweigend: ja.

    Mehr ich nicht begehre!



Zwischen die Deklamationen „Es ist vollbracht“ und „Und neiget das Haupt und verschied“ setzt Bach eine wunderbare Alt-Arie, in deren Mittelteil sich noch ein letztes Aufbäumen hören läßt: „Der Held aus Juda siegt mit Macht“.

Das ist die eigentliche Aussage des Evangeliums nach Johannes: nach allem Leiden auf dieser Erde unter und an diesen Menschen wird dereinst der Himmelskönig siegen, und das Reich Gottes breitet sich auf der ganzen Erde aus. Dann wird Friede und Trost herrschen für die gekränkten Seelen.

Instrumentiert ist die Arie mit einer nachdenklichen Viola da gamba. Sie nimmt zu allererst die Tonfolge des Evangelisten auf („Es ist vollbracht“). Sofort kommt die Antwort aus dem Himmel: Ja, es ist vollbracht - und dann trägt die Gambe die Seele in den Himmel.
Das kurze Intermezzo im Mittelteil ist eigentlich nur ein kurzes Aufblitzen inmitten dieser Todesnacht - aber es ist da, und mitten in dieser düsteren Karfreitagsstimmung zeigt es, dass der Tod nicht das Ende allen Lebens ist. Das wird u.a. dadurch deutlich, dass es auf einem Dominantseptakkord endet: das ewige Leben, das uns durch Jesu Tod erkauft worden ist, hat kein wirkliches Ende.

Es folgt das „Sterberezitativ“: der Evangelist singt „Und neigte das Haupt und verschied“ - dann ist Ruhe, kein Instrument begleitet mehr, kein Akkord mehr - außer einem tiefen Orgelpunkt in „tasto solo“: Gott allein ist noch da, und er wird es immer bleiben.

Nun setzt Bach eine Choralbearbeitung hinzu - über dieselbe Melodie wie in der Petrus-Arie. Der Chor, der den Choral vierstimmig als Cantus firmus singt, erscheint völlig entrückt: er singt die „Glaubensgewißheit“ wie aus einer anderen Welt in die Solopartien hinein. Letztere (Baß) sind noch sehr irdisch: der Mensch hat noch eine Menge Fragen, er klammert sich an falsche Gewißheiten, bis er selbst in der Lage ist, ein uneingeschränktes und stillschweigendes „Ja“ zu dem zu sagen, was Gott von ihm will.

Bach schafft den unsicheren, fragenden Eindruck dadurch, dass er eine quasi „torkelnde“ Continuostimme vorschreibt, die nur zwischendurch zitternd ein wenig innehält um dann erneut den sicheren Pfad zu verlassen.

Zum Bild: die Malerin stellt uns hier einen toten Christus vor, der dennoch voller Leben ist. Sein Blick ist nicht gebrochen wie der Blick eines Toten: er ist ruhig, müde und konzentriert. Es ist vollbracht, die Arbeit ist getan. Das Kreuz hat letztlich nicht gesiegt: es färbt nicht ab auf den toten Körper, auch die gesalbte Stelle auf der Stirn hat nichts verloren. Diese Salbung weist über den Tod hinaus - ganz im Sinne des Johannes-Evangeliums.


In Bachs Dramaturgie folgt nun die Darstellung, wie der Vorhang im Tempel zerreißt - das steht jedoch nicht bei Johannes im Evangelientext. Bach braucht es aber an dieser Stelle, um „im Stil der Zeit“ deutlich zu zeigen, was für schreckliche Dinge passieren, weil die Menschen ihren Heiland gekreuzigt haben. Eindrucksvoll ist, wie durch die Bässe das Zerreißen des Vorhangs deutlich gemacht wird - und wie sie hinterher die Erde erzittern lassen. Das ist in der Matthäuspassion nicht anders gemacht, und wer schon einmal eine Live-Aufführung einer Bach-Passion gesehen hat, der kann dieses Erdbeben auch sehr sinnlich erleben: da tut sich was in den Bässen, das ist richtig schwere Arbeit, und die Orchesterbühne erzittert tatsächlich. Das mag durchaus ein beabsichtigter Effekt sein.

6 - Ach Herr, laß dein lieb Engelein


Ach Herr, laß dein lieb Engelein am letzten End die Seele mein

In Abrahams Schoß tragen,

Den Leib in seim Schlafkämmerlein gar sanft ohn eigne Qual und Pein

Ruhn bis am jüngsten Tage!


Alsdenn vom Tod erwecke mich, daß meine Augen sehen dich

In aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und Genadenthron!

Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich!




Der Punkt, an dem es hell wird in Bachs Johannespassion - das ist der Schlußchoral. Die Matthäuspassion endet mit der Klage des Menschen („Wir setzen uns in Tränen nieder“) - das ist aber nicht der Charakter des Johannes-Evangeliums.

Natürlich verabschiedet sich der Chor vom gekreuzigten Heiland mit „Ruht wohl, ihr heiligen Gebeine“ - aber dieser Abschied ist nicht alles.

Bach hatte hier zunächst einen groß angelegten Choralchorsatz über „Christe, du Lamm Gottes“ vorgesehen. Der ist uns heute noch erhalten als Schlußsatz zur Kantate 23 „Du wahrer Mensch und Davids Sohn“. Später scheint er da nochmal drüber nachgedacht zu haben: der paßt mit seiner Schwere nicht zur Verkündigung des Johannes.

Also hat er einen vierstimmigen Choral an den Schluß gesetzt, der alle Menschen vor Gott vereint und ihnen einen Ausblick auf das ewige Leben schenkt. Dieser Choral verzichtet auf jede Künstlichkeit (wenn man einmal von dem unvergleichlichen vierstimmigen Choralsatz absieht): alle Instrumente ordnen sich ein, niemand spielt mehr eine Sonderrolle, alle werden vor Gott gleich wert und wichtig.

Wer einmal eine Aufführung der Johannespassion erlebt hat, der weiß: trotz aller Dramatik, trotz allem Bewußtsein eigener Schuld und eigenen Unvermögens mündet am Schluss alles in ein einziges Bekenntnis: Ich will dich preisen ewiglich. Man hat alles durchgestanden, alles miterlebt und mitgemacht - es wird gut werden am Ende.

Mit Passion und Leid und Kreuz und Tod hat das alles nichts mehr zu tun.


Das strahlt auch Silvia Rüdigers Schlußbild aus: die Seele verläßt diese Welt, es wird hell um sie herum, nichts Leidendes bleibt ihr mehr. Sie hat den Frieden gefunden, der sie ganz in Gott aufgehen läßt.